Von Gjirokastra aus geht es wieder einmal über die Berge Richtung Meer. Die Straße ist kurvenreich, aber gut ausgebaut und angenehm zu fahren. Unser Ziel ist Sarandë – vorher wollen wir allerdings noch einen Abstecher zu einem der bekanntesten Naturziele Albaniens machen: Syri i Kaltër, dem „Blauen Auge“.

Die Fahrt dorthin ist durchaus schön. Doch je näher wir dem Blauen Auge kommen, desto deutlicher wird, dass wir mit dieser Idee nicht ganz allein sind. Menschenmassen bewegen sich in Richtung Quelle, Busse spucken neue Besucher aus, Verkaufsstände und touristische Infrastruktur bestimmen das Bild. Wir ergreifen die Flucht. Das hier erinnert uns eher an die Drosselgasse in Rüdesheim als an ein Naturerlebnis, für das wir nach Albanien gefahren sind. Sonntag ist ein schlechter Tag für solche Unternehmungen, denn am Sonntag geht der Albaner einkaufen oder macht einen Ausflug.


Also weiter nach Sarandë

Sarandë ist wahrlich kein architektonisches oder kulturelles Highlight. Die Stadt ist ganz auf den Tourismus ausgerichtet: Hotels, Apartments, Restaurants und Bars ziehen sich dicht an dicht an der Küste entlang. Gebaut wird überall – und manches sieht so aus, als hätte irgendwann jemand einfach aufgehört. Rohbauten und halbfertige Hotelanlagen gehören ebenso zum Stadtbild wie die schicken Neubauten dazwischen. Dieses Nebeneinander begegnet uns in Albanien immer wieder: Hier wird mit enormem Tempo gebaut, während ein paar Meter weiter das liegen bleibt, was offenbar niemand mehr braucht.

Auch unser erster anvisierter Campingplatz erweist sich als Reinfall. Der Riverside Camping ist für uns schlicht unzumutbar, also fahren wir weiter und landen schließlich auf dem Camping Ecuador. Auch der gehört sicher nicht zu den Plätzen, wegen derer man nach Albanien fährt – die Sanitäranlagen sind eine Herausforderung.

Aber manchmal genügt eben die Lage: Wir stehen direkt am Meer. Wenn wir aus dem Camper schauen, liegt vor uns das Wasser und am Horizont Korfu. Abends gehen auf der anderen Seite die Lichter der griechischen Insel an. Nach Gjirokastra, Regen und nassem Kopfsteinpflaster sitzen wir nun wieder am Meer. Und plötzlich ist es ziemlich egal, wie der Campingplatz aussieht.

Nach den Bergen rund um Gjirokastra ist das wieder ein ganz anderes Albanien. Und während wir vor dem Camper sitzen und über das Wasser nach Korfu schauen, tritt der eher mäßige Campingplatz ziemlich schnell in den Hintergrund. Manchmal reicht eben die Aussicht.

Stellplatz in Sarande - mit Blick auf Korfu


Weiter nach Norden

Von Sarandë aus folgen wir der Küste weiter nach Norden. Die Straße windet sich in zahllosen Kurven an den Berghängen entlang, die hier teilweise steil zum Ionischen Meer abfallen. Immer wieder öffnet sich der Blick weit über das tiefblaue Wasser – eine dieser Strecken, bei denen schon die Fahrt selbst das Ziel ist.

Hinter uns verschwindet langsam Korfu am Horizont, links draußen im Meer liegen zwei oder drei karge, felsige Inseln, und rechts steigen die nur spärlich bewachsenen Berghänge steil auf. Dazwischen schlängelt sich die Straße immer weiter an der Küste entlang.

Eigentlich möchte man alle paar Kilometer anhalten und zur Kamera greifen. Doch geeignete Haltemöglichkeiten sind rar – erst recht mit einem knapp sieben Meter langen Camper. So bleiben manche der schönsten Ausblicke dieser Fahrt diesmal einfach im Kopf.

Bis Himarë fahren wir an diesem Tag und legen dort erst einmal eine Pause ein. Nach all den Kurven tut es gut, den Camper stehen zu lassen und das Meer für eine Weile nicht durch die Windschutzscheibe zu betrachten.

Strand von Himare


Ein Land, das sich eingerichtet hat?

Vielleicht ist das arrogant, vielleicht auch ein wenig hochnäsig aus unserer satten deutschen Perspektive. Aber nach einigen Wochen in Albanien bleibt bei uns ein Eindruck hängen, den wir nicht so recht loswerden: Das Land wirkt an erstaunlich vielen Stellen einfach kaputt.

Seit mehr als 30 Jahren ist das Land frei, und natürlich hat sich seit dem Ende der Hoxha-Diktatur viel verändert. Trotzdem begegnet uns erstaunlich viel, das heruntergekommen, unfertig oder einfach sich selbst überlassen wirkt. Straßen zerfallen, Gebäude ebenso, Müll liegt herum, alte Industrieanlagen rosten vor sich hin. Und manchmal hat man den Eindruck, als hätten sich viele Menschen damit arrangiert: Ist halt so.

Liegt das an der relativen Armut des Landes? An einem Staat, der an vielen Stellen nicht funktioniert? An Korruption? Oder sehen wir als Reisende nur einen kleinen Ausschnitt und ziehen daraus zu große Schlüsse? Wir wissen es nicht.

Ganz arm scheint das Land jedenfalls nicht zu sein. Zumindest ist Geld vorhanden – nur offenbar sehr ungleich verteilt. In den wenigen Wochen hier haben wir mehr Mercedes-Maybachs gesehen als in Deutschland vermutlich in einem ganzen Jahr. Zufall? Vielleicht. Aber es passt zu den Widersprüchen, die uns hier immer wieder begegnen: ein sündhaft teures Auto vor einem halb verfallenen Haus, eine schicke Bar neben einer kaputten Straße, Neubauten und Bauruinen unmittelbar nebeneinander.

Und dann denken wir immer wieder an Marokko zurück. Nach den üblichen Wirtschaftskennzahlen ist das Land pro Kopf deutlich ärmer. Auch dort ist vieles chaotisch, improvisiert und weit von europäischen Standards entfernt. Und natürlich gibt es Regionen – etwa im Hohen Atlas oder in Teilen der Westsahara –, in denen die Armut unübersehbar ist.

Das ist keine Statistik und keine wissenschaftliche Analyse, sondern zunächst einmal unser Eindruck aus dem Wohnmobilfenster. Vielleicht täuscht er uns auch. Aber selbst unser kurzer Abstecher nach Griechenland hat ihn eher verstärkt. Man fährt über die Grenze – und plötzlich wirkt die Umgebung aufgeräumter, gepflegter, funktionierender. Dabei ist auch Griechenland wahrlich kein Musterbeispiel für grenzenlosen Wohlstand.

Vielleicht ist deshalb „arm“ überhaupt nicht das richtige Wort. Es geht weniger darum, wie viel Geld ein Land hat, als darum, was mit dem Vorhandenen geschieht. Um Pflege, öffentliche Infrastruktur, Verwaltung, Verantwortungsgefühl – und möglicherweise auch darum, ob Menschen noch daran glauben, dass sich etwas verändern lässt.

Was uns in Albanien irritiert, ist deshalb nicht die Armut. Es ist dieser schwer greifbare Eindruck, dass man sich mit vielem arrangiert hat, mit dem man sich vielleicht nicht arrangieren müsste.


Zum Glück nicht durch den Tunnel

Fast hätten wir ihn verpasst. Seit 2024 führt ein knapp sechs Kilometer langer Tunnel unter dem Gebirge hindurch und spart nicht nur etliche Kurven, sondern auch rund 600 Höhenmeter. Wer einfach der neuen Straßenführung folgt, ist auf der anderen Seite, bevor er so richtig bemerkt hat, was er da eigentlich gerade unterquert hat.

Zum Glück entscheiden wir uns im letzten Moment anders und nehmen die alte Straße über den Llogara-Pass – fast hätten wir die Zufahrt verpasst. Und jeder einzelne Höhenmeter lohnt sich.

Bis auf 1.027 Meter steigt die Straße hinauf und windet sich dabei in zahlreichen Kurven und Spitzkehren durch das Ceraunische Gebirge. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Küste und weit hinaus auf das Ionische Meer. Je höher wir kommen, desto beeindruckender wird das Panorama – und spätestens hier sind wir froh, nicht einfach durch den Tunnel gefahren zu sein. Der Tunnel ist übrigens ab morgen (1. Oktober) mautpflichtig, bisher konnte man ihn kostenlos nutzen.

Dabei ist die Strecke über den Pass weit weniger abenteuerlich, als die vielen Serpentinen auf der Karte zunächst vermuten lassen. Die Straße ist durchgehend asphaltiert und ausreichend breit, sodass auch mit unserem Grand California Gegenverkehr kein größeres Problem darstellt. Nur der Motor muss arbeiten: Bergauf zeigt die Verbrauchsanzeige immer wieder Werte von 20 bis 25 Litern auf 100 Kilometer. Irgendwie müssen 4,2 Tonnen schließlich auf gut 1.000 Meter Höhe gebracht werden.

Auf der Nordseite geht es anschließend wieder hinunter Richtung Orikum und in die Bucht von Vlorë. Und dabei verändert sich das Bild noch einmal deutlich. Die Küste zwischen Radhimë und Vlorë hat mit den kleineren Orten weiter südlich nur noch wenig gemeinsam. Hier reiht sich ein schickes Hotel ans nächste, dazwischen gepflegte Strände, Restaurants und aufwendig gestaltete Promenaden. Nach Himarë, Dhërmi und den kleinen Buchten der letzten Tage wirkt das beinahe wie eine andere Welt. Fast ein bisschen französische oder italienische Riviera – nur eben auf Albanisch.

Vielleicht liegt es an der Nähe zu Tirana, vielleicht auch daran, dass hier in den vergangenen Jahren besonders viel in den Tourismus investiert wurde. Jedenfalls passt dieser Küstenabschnitt nicht so recht zu dem Bild Albaniens, das uns auf unserer bisherigen Reise immer wieder begegnet ist: improvisiert, unfertig und an vielen Stellen ziemlich abgeranzt. Und damit liefert uns ausgerechnet der letzte Abschnitt an der albanischen Riviera noch einmal einen ganz anderen Eindruck vom Land.

Straße über den Llogara-Pass


Einkaufen, Essen und Bezahlen in Albanien

Sich unterwegs mit Lebensmitteln zu versorgen, funktioniert in Albanien ein wenig anders als bei uns. Größere Supermärkte, wie wir sie aus Deutschland kennen, findet man allenfalls in den Städten – und selbst dort ist das Sortiment meist nicht mit einem deutschen Edeka oder Rewe vergleichbar.

Dafür gibt es überall kleine Läden, die fast ausnahmslos schlicht „Market“ heißen. Was sich hinter diesem Schild verbirgt, weiß man allerdings erst, wenn man hineingeht. Manchmal besteht das Angebot aus ein paar Regalen mit Getränken, Nudeln, Konserven und Keksen. Und manchmal scheint der Besitzer beschlossen zu haben, einfach alles zu verkaufen, was ein Mensch irgendwann einmal brauchen könnte: Lebensmittel, Haushaltswaren, Sandwichtoaster, Werkzeug – und irgendwo dazwischen auch noch ein paar Säcke Zement. Das Ganze gerne auf einer Verkaufsfläche, die bei uns kaum für einen Kiosk reichen würde.

Besonders beeindruckt haben uns die Waschmittelpackungen. 13 oder 15 Kilogramm sind hier offenbar eine durchaus handelsübliche Größe. Entweder waschen die Albaner deutlich mehr als wir – oder sie kaufen Waschmittel gleich fürs ganze Jahr.

Schwieriger wird es bei Wurst und Käse. Das Angebot ist häufig überschaubar, und klassische Metzgereien, wie wir sie aus Deutschland kennen, sind uns nur selten begegnet. Fleisch bekommt man natürlich, aber die gewohnte große Wurst- und Käsetheke sollte man besser nicht erwarten.

Ganz anders sieht es bei Obst und Gemüse aus. Das gibt es reichlich – und unserer Erfahrung nach kauft man es am besten bei den kleinen Händlern am Straßenrand oder in den kleinen Obst- und Gemüseläden. Dort sehen Tomaten, Paprika oder Pfirsiche vielleicht nicht immer so aus, als hätten sie gerade ein Fotoshooting für einen Supermarktprospekt hinter sich. Dafür schmecken sie häufig besser und kosten deutlich weniger.

Bei den alltäglichen Lebenshaltungskosten würden wir nach unseren bisherigen Erfahrungen grob mit etwa drei Vierteln dessen rechnen, was wir in Deutschland ausgeben. Das ist natürlich nur unser persönlicher Eindruck und hängt stark davon ab, wo man einkauft und unterwegs ist.

Auch bei Restaurants ist die Spanne erheblich. In touristisch geprägten Gegenden haben wir für ein Essen mit Getränken durchaus um die 25 Euro pro Person bezahlt. Ein paar Kilometer weiter im Hinterland kann es auch ungefähr die Hälfte sein. Klassische Cafés, wie wir sie kennen, begegnen uns dagegen eher selten. Dafür gibt es unzählige Kaffeebars – und auffallend häufig sitzen dort fast ausschließlich Männer. Kaffee gehört hier offensichtlich weniger zum Kuchen am Nachmittag als zum sozialen Alltag.

Überraschend wenig sparen kann man beim Tanken. Diesel und Benzin sind annähernd so teuer wie in Deutschland. Dafür scheint es Tankstellen in nahezu unbegrenzter Zahl zu geben. Manchmal passiert man innerhalb weniger Kilometer eine nach der anderen. Uns ist bis heute ein Rätsel, wozu Albanien derart viele Tankstellen braucht. Gefühlt gibt es davon mehr als Lebensmittelläden.

Ein eigenes Kapitel ist das Geld. Albanien gehört nicht zur Eurozone, bezahlt wird mit Lek. Zwar werden in touristischen Gegenden teilweise auch Euro akzeptiert, verlassen sollte man sich darauf aber nicht.

Bargeld am Automaten abzuheben kann teuer werden, denn viele albanische Banken verlangen zusätzlich zur eigenen Bank eine recht ordentliche Automatengebühr. Wer häufiger reist, ist deshalb mit einer Karte gut bedient, die günstige Fremdwährungszahlungen und Bargeldabhebungen ermöglicht. Wir nutzen dafür beispielsweise eine Revolut-Karte. Je nach Version gelten allerdings unterschiedliche Freigrenzen und Bedingungen, und auch beim Geldwechsel können insbesondere am Wochenende Aufschläge anfallen. In aller Regel kann man Geld aber zum deutlich günstigeren Devisenkurs tauschen.

Alternativ kann man Lek bereits vor der Reise besorgen. Die Reisebank bietet beispielsweise Fremdwährungen an und nimmt unter bestimmten Bedingungen nicht benötigte Banknoten nach der Reise wieder ohne Abschlag zurück.

Und noch eine Erfahrung, die nicht ganz zu dem passt, was man häufig über Albanien liest: Man braucht Bargeld, aber längst nicht ausschließlich. In vielen Supermärkten, Tankstellen, Restaurants und anderen Geschäften konnten wir problemlos mit Karte oder Smartphone bezahlen. Kleine Läden, Marktstände, Campingplätze oder Restaurants akzeptieren dagegen häufig nur Bargeld.

Ganz ohne Lek in der Tasche würden wir deshalb nicht losziehen. Aber die oft zu lesende Behauptung, in Albanien müsse grundsätzlich alles bar bezahlt werden, können wir nach unseren Erfahrungen nicht bestätigen.