Als die Sonne langsam hinter den Bergen verschwindet und den See in warmes Licht taucht, ist der Rest ohnehin vergessen. Es sind diese Abende, an denen man einfach nur dasitzt, schaut und sich bewusst wird, welches Privileg es ist, solche Orte erleben zu dürfen.

Und am nächsten Morgen beginnt der Tag genauso schön, wie der vorherige geendet hat: mit einem gemütlichen Frühstück vor dem Wohnmobil und freiem Blick über den stillen See. Viel mehr braucht es manchmal nicht. Den Straßenhund, der seiner Liebe zu Michael allzu viel Ausdruck gibt, mussten wir allerdings irgendwie erst einmal auf Abstand bringen.

Stellplatz am Scutari-See


Vergleich Albanien - Marokko

Im Frühjahr/Frühsommer diesen Jahres waren wir in Marokko. Marokko und Albanien sind beide Schwellenländer und so drängt sich ein Vergleich auf. Im Grunde genommen sind wir erschüttert von den wirtschaftlichen Zuständen in Albanien.

Marokko erschien uns vielerorts ärmer als Albanien – und gleichzeitig optimistischer. Dort begegneten uns tatsächlich deutlich mehr Menschen als in Albanien, die offensichtlich mit sehr wenig auskommen müssen, besonders in den abgelegenen Gebieten im Atlas oder im Süden. Trotzdem hatten wir häufig das Gefühl, einem Land beim Aufbruch zuzusehen: Es wird gebaut, investiert und modernisiert.

In Albanien ist der Eindruck beinahe umgekehrt. Ausgesprochene Armut begegnet uns bislang erstaunlich selten. Aber dafür sehen wir überall Spuren des Verfalls: unfertige Häuser, aufgegebene Gebäude, überwucherte Grundstücke und Dinge, die irgendwann einmal mit sichtbarem Aufwand geschaffen wurden und die heute niemand mehr zu brauchen scheint. Es wirkt weniger wie Armut als wie verlorene Energie.

Natürlich ist das der Eindruck von Wohnmobilreisenden, die in ihrer Kiste sitzen und sich ein Land aus einem privilegierten und geschützten Raum her anschauen und keine volkswirtschaftliche Analyse. Aber vielleicht liegt genau darin ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ländern: In Marokko sieht man trotz aller Armut vielerorts die Richtung nach oben. In Albanien sehen wir bislang sehr viel, das irgendwann einmal nach Aufbruch aussah – und dann offenbar stecken geblieben ist. Es ist auch gar nicht das Fehlen von Wohlstand als solches, das uns erschüttert, sondern das sichtbare Liegenlassen von bereits Geschaffenem.

Der interessante Gegensatz ist weniger „reiches Marokko – armes Albanien“. Nach klassischen Einkommenskennzahlen ist Albanien sogar ein Land mit mittlerem bis höherem Einkommen und hat seit den 1990er-Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Was wir aber wahrnehmen, ist eher ein Unterschied in der Entwicklungsdynamik und vor allem in ihrer Sichtbarkeit.

Marokko hat über die Jahre massiv in Häfen, Straßen, Bahn, Energie und Industrie investiert. Tanger Med, Automobilindustrie, Luftfahrtzulieferer und erneuerbare Energien sind sichtbare Bestandteile einer staatlich vorangetriebenen Modernisierungsstrategie. Die Weltbank spricht 2026 vom stärksten Wachstum seit fast einem Jahrzehnt und hebt ausdrücklich die hohen öffentlichen Infrastrukturinvestitionen hervor.

Das bedeutet keineswegs, dass Marokko wohlhabender oder sozial erfolgreicher wäre. Gerade dort gibt es erhebliche Armut, große regionale Unterschiede und Bevölkerungsgruppen, die von dieser Modernisierung wenig abbekommen. Aber für einen Reisenden entsteht trotzdem der Eindruck einer Bewegung nach vorn: neue Straße, neue Fabrik, neuer Gewerbepark, neue Wohnviertel, neue Solaranlage.

Albanien hingegen hat eine völlig andere Ausgangsgeschichte. Nach 1990 zerfiel innerhalb kürzester Zeit nicht nur ein politisches System, sondern praktisch die gesamte bisherige Wirtschafts- und Eigentumsordnung, auch wenn das Land bereits vorher bettelarm war. Dazu kamen massive Binnenwanderung und Auswanderung. Die Urbanisierung verlief teilweise schneller, als Staat und Kommunen Infrastruktur, Eigentumsrechte und Planungssysteme aufbauen konnten und es gab eine massenhafte informelle und ungenehmigte Bautätigkeit.

Albanien wirkt stellenweise nicht einfach arm, sondern unfertig und gleichzeitig schon wieder verbraucht. Angefangene Häuser stehen neben verlassenen Häusern, dazwischen Neubauten, Gewerbe, Tankstellen und improvisierte Nutzungen. Auswanderung entzieht dem kleinen Land nicht nur Bevölkerung, sondern gerade jüngere und qualifizierte Arbeitskräfte. Ein Haus, ein Dorf oder ein kleiner Betrieb kann einmal mit großen Hoffnungen entstanden sein – und zehn Jahre später fehlt schlicht jemand, der ihn weiterführt oder erhält.

Albanisches Wappentier


Krujë: Skanderbeg oben, George W. Bush unten

Krujë ist für uns Zwischenstation für zwei Tage. Die Stadt schmiegt sich an einen Berghang – und den bekommt man als Fußgänger durchaus zu spüren. Schon der Weg von der Festung hinunter zu unserem Campingplatz ist verdammt mühsam. Für den Hinweg hatten wir uns deshalb vorsorglich nach oben fahren lassen.

Rund um die Festung erwartet uns genau der Touristenrummel, den wir eigentlich nicht brauchen. Reisegruppen, Souvenirläden und jede Menge Skanderbeg. Trotzdem macht es Spaß, anschließend durch den alten Basar wieder nach unten zu laufen.

Der sieht auf den ersten Blick wunderbar historisch aus: Kopfsteinpflaster, niedrige Holzhäuser und kleine Läden links und rechts der schmalen Gasse. Ganz so authentisch, wie es scheint, ist das Ensemble allerdings nicht. Einen Basar gab es hier bereits seit Jahrhunderten, doch Mitte der 1960er-Jahre war davon nicht mehr allzu viel übrig. Unter dem kommunistischen Regime Enver Hoxhas wurde er umfassend rekonstruiert und in historischer Form wiederbelebt. Heute bestimmen vor allem Souvenirs das Bild – hübsch anzuschauen ist das Ganze trotzdem.

Krujë ist untrennbar mit dem albanischen Nationalhelden Skanderbeg verbunden. Mitte des 15. Jahrhunderts machte er die Festung zu einem Zentrum des Widerstands gegen die Osmanen und vereinigte mehrere albanische Fürsten. Nach seinem Tod zerfiel der Widerstand allmählich; 1478 fiel Krujë schließlich wieder an die Osmanen. Heute gilt Skanderbeg als Symbol für albanische Unabhängigkeit und nationale Identität. Unterhalb der Festung hat man ihm ein entsprechend monumentales Denkmal gesetzt.

Doch nur wenige Kilometer weiter unten, in Fushë-Krujë, begegnet uns ein wesentlich jüngerer Held der albanischen Geschichte: George W. Bush.

Der damalige US-Präsident besuchte Albanien im Juni 2007 und machte dabei auch in Fushë-Krujë Station. Der Empfang war ausgesprochen enthusiastisch. Bush wurde zum Ehrenbürger ernannt, und einige Jahre später stellte man ihm an einer zentralen Kreuzung sogar eine fast drei Meter hohe Statue auf.

Und dann wäre da noch die Sache mit der Uhr. Während Bush durch die jubelnde Menschenmenge ging und Hände schüttelte, verschwand plötzlich seine Armbanduhr vom Handgelenk. Schnell machte die Geschichte die Runde, jemand habe sie ihm mitten im Gedränge geklaut. Das Weiße Haus dementierte allerdings – eine gewissen Unterhaltungswert hat die Geschichte trotzdem.

Die Begeisterung für Bush kommt nicht ganz von ungefähr. Die USA genießen in Albanien traditionell großes Ansehen, und Bush sprach sich bei seinem Besuch sehr deutlich für die Unabhängigkeit des Kosovo aus (und für eine NATO-Mitgliedschaft).

So stehen hier nur wenige Kilometer voneinander entfernt zwei ziemlich unterschiedliche Denkmäler: oben in Krujë Skanderbeg, der Nationalheld aus dem 15. Jahrhundert – und unten in Fushë-Krujë George W. Bush.

Skanderbeg-Museum


Reminiszenz an einen amerikanischen Präsidenten


Basar-Strasse - ein Moment ohne Touristen


Blick auf Kruje


Es bleibt einfach stehen

Auf dem Weg nach Berat fahren wir bei Kuçovë durch eine merkwürdige Industrielandschaft. Zwischen Feldern stehen alte Förderpumpen, verrostete Rohrleitungen und Anlagen, bei denen man zunächst glaubt, sie seien längst aufgegeben. Vieles stammt noch aus den Jahrzehnten, in denen Erdöl zu den wichtigsten Rohstoffen Albaniens gehörte.

Doch tot ist diese Landschaft keineswegs. Zwischen den wie Skelette in den Himmel ragenden Relikten der Vergangenheit wird noch immer Öl gefördert. Für uns geradezu irritierend ist der Umgang mit den Hinterlassenschaften der Ölförderung. Alte Fördertürme und technische Anlagen stehen einfach in der Landschaft und rotten vor sich hin. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, sie abzubauen oder die Flächen wieder in einen vernünftigen Zustand zu versetzen. Und ein paar hundert Meter weiter wird weiter Öl gefördert – wir sehen sogar eine offensichtlich aktuelle Bohrung.

Auch hier begegnet uns wieder etwas, das unseren bisherigen Eindruck von Albanien prägt: Es ist nicht unbedingt das Fehlen von Infrastruktur. Vieles wurde einmal gebaut, genutzt und betrieben. Vieles wird auch angefangen und bleibt dann stecken – aus was für Gründen auch immer. Aber wenn es nicht mehr gebraucht wird, scheint es häufig einfach stehenzubleiben und langsam zu verfallen. Alt, kaputt und neu existieren unmittelbar nebeneinander. Dieses Nebeneinander wird eines der Bilder, die uns von Albanien in Erinnerung bleiben werden.

In Marokko hatten wir oft den Eindruck: Hier entsteht etwas. In Albanien dagegen: Hier verfällt etwas.

Ölfelder von Kuçovë

Foto: Clemens Schmillen / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0


Berat

In Berat machen wir zwei Tage Pause. Berat ist eine Stadt auf mehreren Ebenen. Unten fließt der Osum in einem ziemlich ausgetrockneten Flussbett und teilt die historische Stadt in zwei deutlich voneinander unterscheidbare Viertel. Rechts des Flusses liegt das eher christlich geprägte Gorica und links des Flusses Mangalem. Auf beiden Seiten ziehen eng gebaute Häuser im osmanischen Stil die Hänge hinauf: weiß gekalkte Fassaden, dunkle Dächer und vor allem unzählige Fenster. Nicht ohne Grund trägt Berat den Beinamen „Stadt der tausend Fenster“.

Und dann gibt es noch eine dritte Ebene.: och über der Stadt thront die Burg von Berat, die Kalaja. Innerhalb der jahrhundertealten Befestigung liegt ein eigener Stadtteil, in dem bis heute Menschen leben. Durch die kleinen Gassen drängen sich Ummengen von Touristen - nicht unser Ding, aber von hier oben hat man einen tollen Ausblick.

Berat besteht nicht nur aus diesem sorgfältig gepflegten historischen Bild. Schon wenige Straßen abseits der touristischen Bereiche verändert sich die Stadt. Die Häuser werden einfacher, Fassaden bröckeln, unverputztes Mauerwerk und notdürftig wirkende Anbauten bestimmen das Bild. Manche Wohnviertel lassen kaum übersehen, dass viele Menschen hier mit sehr bescheidenen Mitteln leben.

Dieser Gegensatz begleitet uns inzwischen durch ganz Albanien. Auf der einen Seite ein historisches Erbe, auf das man sichtbar stolz ist und das an Orten wie Berat bewahrt und für Besucher herausgeputzt wird. Auf der anderen Seite immer wieder Verfall und Dinge, die irgendwann gebaut wurden und anschließend sich selbst überlassen bleiben.

Die Brücke über den Osum trennt Mangalem und Gorica


Berat: Festung - der dritte Stadtteil


Straßen und Verkehr – nichts für schwache Nerven

Über den Zustand italienischer Straßen hatten wir uns auf dem Weg nach Bari bereits ausgiebig ausgelassen. In Albanien bekommt das Thema allerdings noch einmal eine ganz andere Dimension. Selbst in Marokko waren die Straßen – solange man nicht bewusst auf irgendwelchen Pisten unterwegs war – im Allgemeinen besser.

Hier in Albanien kann es passieren, dass man von einer ordentlich ausgebauten Schnellstraße abfährt und praktisch unmittelbar auf Schotter landet. Und wer dann weiter ins Land fährt, erlebt mitunter Straßen, deren Zustand man eher irgendwo in Zentralafrika vermuten würde: tiefste Schlaglöcher, weggebrochene Fahrbahnränder (wenn nicht gleich die komplette Fahrbahndecke weggebrochen ist), Flickwerk auf Flickwerk und Abschnitte, bei denen man sich fragt, wann hier zuletzt jemand ernsthaft Straßenbau betrieben hat. Und vor und hinter einem eine schier endlose LKW-Schlange, die sich durch die Schlaglöcher kämpft.

Das passt leider zu dem Eindruck, den wir bislang auch an vielen anderen Stellen von Albanien bekommen: Es wurde durchaus gebaut und investiert, manches sogar erstaunlich großzügig. Aber daneben steht Verfall, Angefangenes bleibt unvollendet und Vorhandenes wird offenbar nicht gepflegt und erhalten. Die Straße wird damit fast zum Sinnbild für das Land: Ein Stück hervorragend ausgebaut – und wenige hundert Meter später fragt man sich, wo eigentlich die Straße geblieben ist.

Eine zusätzliche Herausforderung ist die Fahrweise der Albaner. Fahrschulen gibt es selbstverständlich auch in Albanien. Was von deren Lehrstoff anschließend im täglichen Straßenverkehr übrig bleibt, erschließt sich uns allerdings nicht immer.

Überholt wird viel, gerne und gelegentlich an Stellen, an denen wir niemals auf die Idee kämen: vor unübersichtlichen Kurven, mitten in Kurven und notfalls auch in einer Serpentine. Reicht der Platz nicht ganz, scheint bisweilen das Prinzip zu gelten, dass der Gegenverkehr schon bremsen oder ausweichen wird. Verkehrsschilder sind vorhanden, Geschwindigkeitsbegrenzungen ebenfalls. Dass sie das tatsächliche Fahrverhalten entscheidend beeinflussen, konnten wir bislang nicht feststellen.

Mit einem fast sieben Meter langen und 4,2 Tonnen schweren Wohnmobil entwickelt man da schnell eine ausgesprochen defensive Fahrweise. Man rechnet besser jederzeit damit, dass hinter der nächsten Kurve jemand auf der eigenen Fahrbahnhälfte entgegenkommt oder noch schnell einen Überholvorgang beendet.

Und irgendwann fallen einem dann auch die Kreuze, Blumen und kleinen Gedenktafeln am Straßenrand auf. Spätestens da verliert das Ganze seinen gelegentlich vielleicht skurrilen Charakter. Denn sie erinnern daran, dass diese Art des Straßenverkehrs nicht immer nur mit einem erschrockenen Bremsmanöver endet.