Camping auf Albanisch – zwischen Olivenhain und Sickergrube

Nach dem Llogara-Pass fahren wir weiter Richtung Vlora und landen auf einem sogenannten Öko-Campingplatz. Was auch immer „Öko“ hier genau bedeuten soll. Besonders ökologisch sind offenbar die Duschen: Einen Abfluss gibt es nicht, das Wasser versickert einfach im Boden. Keine zehn Meter weiter fördert eine Pumpe Grundwasser nach oben, das unter anderem als Frischwasser für die Wohnmobile angeboten wird. Wer’s mag. Wir verzichten auf die Dusche – und unser Frischwasser kommt aus guten Gründen ohnehin aus Kanistern.

Überhaupt sind Campingplätze in Albanien eine Sache für sich. Klassische Campingplätze, wie wir sie aus Mittel- und Westeuropa kennen, gibt es kaum. Oft hat jemand einen Garten, eine Wiese oder einen Olivenhain, stellt ein paar Stromanschlüsse auf (oder Strom kommt mit mehrfach hintereinander gesteckten Verlängerungsleitungen aus dem Haus), baut mehr oder weniger rudimentäre Sanitäranlagen dazu – fertig ist der Campingplatz.

Gerade die Sanitäranlagen sind für Camper, die ihre eigene Dusche im Wohnmobil nicht nutzen können oder wollen, allerdings nicht ganz unwichtig. Deshalb schauen wir dort inzwischen etwas genauer hin. Die Bandbreite reicht von „auf keinen Fall“ bis erstaunlich gut. Südlich von Durrës etwa stehen wir auf einem Platz, der auf den ersten Blick ziemlich spartanisch wirkt – aber ein Sanitärhaus hat, das zu den besten unserer bisherigen Reise gehört. Umgekehrt bot ausgerechnet einer der teuersten Plätze die mit Abstand ekligsten Duschen. Preis und Qualität stehen hier offenbar nicht immer in einem unmittelbaren Zusammenhang.

Ein anderes Thema ist die Grauwasserentsorgung. Eine richtige Entsorgungsstation bieten nur wenige Plätze. Häufig lautet die mehr oder weniger ausdrückliche Empfehlung, das Grauwasser einfach auf dem Stellplatz in den Boden laufen zu lassen. Angesichts von Spülwasser, Seife, Fett- und Essensresten ist das zumindest gewöhnungsbedürftig.

Vielleicht ist genau das typisch für Camping in Albanien: Vieles ist improvisiert, manches erstaunlich gut, anderes eher abenteuerlich. Man weiß vorher selten genau, was einen erwartet. Und „Öko“ kann eben auch bedeuten, dass der Wasserkreislauf erstaunlich kurz ist.

Die Lagune von Vlore - hinter dem Öko-Platz


Apollonia – eine Stadt, die einmal wichtig war

Ein paar Kilometer außerhalb von Fier liegt mit Apollonia eine der bedeutendsten antiken Stätten Albaniens. Heute läuft man zwischen Olivenbäumen, Wiesen und verstreuten Ruinen hindurch. Vor gut 2.000 Jahren sah das hier ganz anders aus.

Apollonia wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Siedlern aus Korfu und Korinth gegründet und entwickelte sich später unter römischer Herrschaft zu einer bedeutenden Stadt. In ihrer Blütezeit sollen hier mehrere Zehntausend Menschen gelebt haben. Einer ihrer berühmtesten Bewohner auf Zeit war der spätere Kaiser Augustus: Der damals noch junge Octavian hielt sich zum Studium in Apollonia auf, als ihn 44 v. Chr. die Nachricht von der Ermordung seines Großonkels und späteren Adoptivvaters Julius Caesar erreichte.

Die antike Stadt erstreckte sich über eine gewaltige Fläche und war von einer kilometerlangen Stadtmauer umgeben. Nur ein Teil davon ist bislang ausgegraben. Gerade das macht den Besuch angenehm: Apollonia wirkt nicht wie eine dicht gedrängte Ansammlung von Ruinen, sondern eher wie ein großer Landschaftspark, in dem die Antike immer wieder zwischen Wiesen und Olivenbäumen zum Vorschein kommt.

Ihre Bedeutung verdankte die Stadt auch ihrer günstigen Lage. Apollonia war an das Straßennetz der Via Egnatia angebunden, die die Adriaküste mit dem Osten des Römischen Reiches verband. Über den Fluss Aoos, die heutige Vjosa, bestand zudem eine Verbindung zur Adria.

Der Niedergang begann im 3. Jahrhundert n. Chr. Ein schweres Erdbeben veränderte den Lauf des Flusses und damit eine der Lebensadern der Stadt. Apollonia verlor zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung und wurde schließlich weitgehend aufgegeben.

Wer hier eine riesige, vollständig ausgegrabene Ruinenstadt erwartet, bei der ein Monument das nächste jagt, wird vielleicht enttäuscht sein. Uns gefällt gerade das Gegenteil: ein paar Säulen hier, ein altes Mauerstück dort, dazwischen Wiesen, Olivenbäume und viel Platz. Man braucht ein wenig Vorstellungskraft, um sich auszumalen, dass hier einmal eine der bedeutendsten Städte an der östlichen Adriaküste lag.

Im Mittelalter entstand auf einem Teil des antiken Geländes das Kloster der Heiligen Maria, dessen Kirche bis heute erhalten ist. Die orthodoxe Kirche ist schön restauriert und bildet einen interessanten Kontrast zu den antiken Ruinen ringsherum. Die heute zu sehenden Ikonen sind allerdings nicht die historischen Originale, sondern moderne Nachbildungen – und die wirken auf uns eher mäßig überzeugend.

Apollinonia: Kloster der Heiligen Maria


Apollonia: Römische Überbleibsel


Auf dem Weg zum Ohridsee

Zwischenstopp machen wir südlich von Durres: Ein Stellplatz, wie man sich ihn wünscht. Die Anfahrt ist nicht ganz ohne, aber als wir den Küstenhang nach unten geschafft haben, erwartet uns ein Traumplatz: Direkt am Meer, in vorderster Reihe. Noch dazu Sanitäteinrichtungen von Feinsten – das Vanlifer-Herz schlägt sofort höher.

Logenplatz am Strand südlich von Durres


Elbasan ist für uns vor allem ein Zwischenstopp. Bis zum Ohridsee durchzufahren wäre zwar problemlos möglich, aber wir haben beschlossen, auf dem Rückweg keine großen Tagesetappen zu machen. Also landen wir auf einem dieser improvisierten albanischen Campingplätze irgendwo in einem Hinterhof. Nicht schön, aber zweckmäßig: saubere Duschen, alles da, was man für eine Nacht braucht – und dazu ein freundlicher Besitzer, der sogar Deutsch spricht.

Elbasan selbst macht es uns schwerer. Zumindest die Peripherie kann man eigentlich nur als hässlich bezeichnen. Ein bisschen Ludwigshafen oder Offenbach auf Albanisch – wobei wir uns vorsichtshalber bei beiden Städten entschuldigen.

Das Bild wird bis heute von einem der größten Industrieprojekte der kommunistischen Zeit geprägt. In den 1960er- und 70er-Jahren entstand westlich der Stadt mit chinesischer Hilfe das riesige Metallurgiekombinat „Stahl der Partei“. Enver Hoxha wollte Albanien industrialisieren und das Land mit aller Macht in die industrielle Moderne katapultieren. Zeitweise arbeiteten hier rund 10.000 bis 12.000 Menschen.

Was geblieben ist, sieht man schon bei der Vorbeifahrt: kilometerweit Hallen, Schornsteine, rostende Anlagen und Brachflächen. Ein gigantischer Lost Place, bei dem man sich kaum vorstellen kann, welcher Aufwand hier einmal betrieben wurde.

Geblieben ist allerdings auch ein erhebliches Umweltproblem. Das ist immerhin so groß, dass den hiesigen Bauern untersagt wurde, ihre Produkte zu vermarkten und das Wasser aus dem Wasserhahn trinkt man hier auch lieber nicht. Nichtsdestotrotz findet man am Straßenrand die üblichen Gemüse- und Obststände.

Elbasan soll übrigens auch eine sehenswerte Altstadt innerhalb der alten Festungsmauern haben. Wir schenken sie uns. Für heute reicht uns die hässliche Peripherie – morgen geht es weiter zum Ohridsee. Fotos von und aus Elbasan schenken wir uns. Es gibt hier nichts, was sich zu fotografieren lohnt.


Chaos ist nicht gleich Chaos

Wir sind aus Marokko einiges gewohnt, was den Straßenverkehr angeht. Dort herrscht aus mitteleuropäischer Sicht kreatives Chaos: Verkehrsregeln werden großzügig ausgelegt, Fahrspuren sind eher eine Empfehlung und Vorfahrt ist mitunter Verhandlungssache. Trotzdem funktioniert dieses Chaos erstaunlich gut.

Denn bei aller Regellosigkeit haben wir den Verkehr in Marokko als aufmerksam und rücksichtsvoll erlebt. Man macht Platz, lässt andere einscheren, weicht aus und verständigt sich irgendwie miteinander. Selbst als Fußgänger kann man dort eine stark befahrene vierspurige Straße überqueren – für uns Mitteleuropäer und erst recht für uns Deutsche zunächst eine ziemlich gewöhnungsbedürftige Erfahrung. Man geht einfach los. Die Autos bremsen, bleiben stehen oder fahren um einen herum.

In Albanien würden wir dieses Experiment lieber nicht wagen.

Auch hier werden Verkehrsregeln eher großzügig interpretiert. Aber das Miteinander erleben wir völlig anders. Einem Auto, das aus einer Seitenstraße einbiegen möchte, kurz Platz zu machen, scheint eher unüblich zu sein. Stattdessen wird die Lücke noch schnell geschlossen. Gleichzeitig muss man jederzeit damit rechnen, dass einem jemand aus eben dieser Seitenstraße vor die Nase fährt.

Das Interessante ist deshalb gar nicht, dass der Verkehr in beiden Ländern chaotisch wirkt. Der Unterschied liegt darin, wie dieses Chaos funktioniert. In Marokko hatten wir oft den Eindruck: Jeder macht, was gerade nötig ist, aber alle achten dabei aufeinander. In Albanien erleben wir es eher so: Jeder macht, was gerade nötig ist – und der andere muss eben sehen, wie er damit klarkommt.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir uns im marokkanischen Verkehrschaos nach kurzer Zeit erstaunlich sicher gefühlt haben – und das albanische auch nach einigen Wochen noch anstrengend finden.


Weiter über die mazedonische Grenze

Von Elbasan aus beginnt für uns eigentlich schon die Rückreise nach Hause. Wir fahren nach Osten, Richtung Ohridsee, und wollen dort die Grenze nach Nordmazedonien überqueren. Damit liegt Albanien nach knapp drei Wochen hinter uns.

Nordmazedonien ist einer jener Staaten, die aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangen sind. Für uns bedeutet das zunächst einmal wieder Umstellung: eine andere Sprache, kyrillische Buchstaben auf vielen Schildern und mit dem Denar schon wieder eine neue Währung. Zum Glück kann man an den meisten Stellen auch mit Karte bezahlen.

Von Elbasan führt die Straße zunächst durch das Tal des Shkumbin. Eigentlich eine landschaftlich sehr schöne Strecke: Der Fluss schlängelt sich zwischen immer höher werdenden Bergen hindurch, die Straße folgt ihm über weite Strecken bis hinter Librazhd. Und wir bewegen uns hier auf einer ziemlich alten Verkehrsachse. Schon die römische Via Egnatia verlief durch diese Gegend und verband einst die Adriaküste mit dem Osten des Römischen Reiches.

Von dieser historischen Romantik merkt man zunächst allerdings wenig. Die Verbindung zwischen Elbasan und Qafë Thana wird massiv ausgebaut. Auf langen Abschnitten ist das Tal deshalb eine einzige Baustelle: neue Trassen, Brücken, aufgerissene Hänge, Baumaschinen und jede Menge Staub. Erst weiter oben lässt der Straßenbau langsam nach und man bekommt eine Ahnung davon, wie schön das Shkumbin-Tal eigentlich ist.

Hinter Qukës verlassen wir schließlich den Shkumbin und die Straße steigt hinauf zum Qafë-Thana-Pass. Mit 937 Metern ist er nicht besonders hoch, aber er bildet eine deutliche Landschaftsgrenze. Oben angekommen öffnet sich plötzlich der Blick – und tief unter uns liegt der Ohridsee.

Kurz darauf erreichen wir die Grenze nach Nordmazedonien. Und der Unterschied ist erstaunlich. Man fährt ein paar Kilometer, und obwohl Nordmazedonien keineswegs ein reiches Land ist, wirkt vieles plötzlich aufgeräumter – etwas ähnliches hatten wir ja bereits erlebt, als wir unseren Abstecher nach Griechenland gemacht haben. Weniger Bauruinen, weniger halbfertige Häuser, weniger von dem Improvisierten und Verfallenen, das uns in Albanien so oft aufgefallen ist. Sogar ein richtiges Einkaufszentrum von mitteleuropäischen Dimensionen gibt es hier – etwas, das wir in Albanien aansonsten nicht gesehen haben.

Vielleicht ist dieser erste Eindruck ungerecht. Aber nach fast drei Wochen Albanien fällt der Kontrast unmittelbar auf.


Das Trauerspiel der albanischen Eisenbahn

Durch das Shkumbin-Tal führt auch eine Eisenbahnstrecke – oder besser gesagt das, was von ihr übrig geblieben ist. Kilometerlang begleiten uns Gleise, Bahndämme und verlassene Bahnhöfe. Ähnliches hatten wir schon im Norden Albaniens gesehen. Dort standen sogar ein paar Lokomotiven irgendwo in der Landschaft herum, als hätte man sie eines Tages abgestellt und anschließend einfach vergessen.

Eigentlich ist das ein Trauerspiel. Die Eisenbahn war einmal eines der Prestigeprojekte des kommunistischen Albaniens. Unter Enver Hoxha wurde seit den späten 1940er-Jahren ein Streckennetz praktisch aus dem Nichts aufgebaut. Es verband Städte, Häfen, Bergwerke und Industrieanlagen miteinander – in einem Land, in dem private Autos kaum eine Rolle spielten.

Nach dem Ende des kommunistischen Systems begann der Niedergang. Industriebetriebe verschwanden, der Güterverkehr brach ein und Autos und Kleinbusse übernahmen zunehmend den Personenverkehr. Gleichzeitig wurde kaum noch in Gleise, Bahnhöfe und Fahrzeuge investiert. Teile der Infrastruktur wurden geplündert, selbst Schienen verschwanden.

Irgendwann entstand daraus ein Teufelskreis: Je schlechter die Bahn wurde, desto weniger Menschen fuhren mit ihr. Und je weniger Menschen sie nutzten, desto weniger wurde investiert. Verbindungen wurden eingestellt, Fahrpläne immer dünner und aus einem Eisenbahnnetz wurde nach und nach das, was wir heute sehen: kilometerlange Gleise, auf denen kein Zug mehr kommt. Der Deutschen Bahn sollte dieses Schicksal eine Warnung sein …

Paul Theroux bereiste Albanien 1993, nur wenige Jahre nach dem Ende der Hoxha-Ära, und beschrieb in seinem Roman An den Gestaden des Mittelmeeres ein Land mitten im Umbruch. Am Ende seiner Reise sagte ihm ein Albaner in Durrës sinngemäß, er solle in zehn Jahren wiederkommen – dann würden die Häuser besser sein, die Stadt, der Hafen und das Essen.

Mehr als dreißig Jahre später fahren wir durch das Shkumbin-Tal und fragen uns, was Theroux heute wohl über Albanien schreiben würde. Vieles ist tatsächlich besser geworden. Aber die verlassene Eisenbahn erzählt eine andere Geschichte. Sie gehört zu jenen Dingen, die einmal für Fortschritt standen und dann einfach zurückgelassen wurden.

Ohridsee