Wir fahren über eine eher langweilige Strecke nach Përmet. Wir könnten auch direkt fahren – über die Berge. Google Maps schlägt uns diese Verbindung sogar ganz selbstverständlich vor. Aber in Foren sind über den nicht asphaltierten Abschnitt Beschreibungen wie diese zu lesen:
„Grober Schotter, ausgewaschene Passagen und tiefe Schlaglöcher.“ Von steilen Abfahrten ist die Rede, von engen Stellen und davon, dass sich die Piste nach kräftigem Regen in eine ziemlich rutschige Angelegenheit verwandeln kann. Ein Reisender berichtet von Wasserlöchern, in denen sein VW Syncro bis zur Bodenplatte stand. Andere beschreiben die Strecke bei trockenem Wetter dagegen als durchaus fahrbar – allerdings mit Motorrad, Geländewagen oder Pickup.
Inzwischen sind weitere Teile der Verbindung asphaltiert, doch zwischen dem Osum- und dem Vjosa-Tal bleiben noch rund 25 bis 30 Kilometer Bergpiste.
Unser Grand California hat zwar Allradantrieb und AT-Reifen. Aber er ist knapp sieben Meter lang, wiegt mehr als vier Tonnen und ist vor allem eines nicht: ein Geländewagen.
Also fahren wir außen herum. Über Fier und Tepelenë sind es erheblich mehr Kilometer und landschaftlich ist die Strecke über weite Teile wenig aufregend. Aber manchmal ist eine langweilige Straße eben genau die richtige Straße.
Përmet und die Thermalquellen von Bënjë
Përmet liegt im Tal der Vjosa, eingerahmt von Bergen und weit genug entfernt von den großen Verkehrsachsen, dass es deutlich ruhiger wirkt als viele andere Orte und ist vor allem wegen der nahe gelegenen Thermalquellen von Bënjë bekannt – ein Kurort ist die Stadt deshalb allerdings nicht – auch wenn die kleine Fußgängerzone ein bisschen den Eindruck macht. Gebadet wird draußen, in einfachen Natursteinbecken zwischen Fluss, Felsen und Bergen.“
Die Thermalquellen liegen rund 14 Kilometer außerhalb von Përmet am Eingang des Lengarica-Canyons. Mehrere warme Quellen speisen dort einfache, mit Natursteinen eingefasste Becken direkt neben dem Fluss. Von einem Thermalbad im klassischen Sinn kann allerdings keine Rede sein: keine Beckenlandschaft, keine Umkleidekabinen, kein Wellnessbetrieb. Im Grunde sitzt man einfach draußen zwischen Felsen im warmen Wasser.
Ganz so ursprünglich, wie die Thermalquellen von Bënjë auf vielen Bildern wirken, ist es allerdings nicht mehr. Rund um die Quellen gibt es mehrere angelegte Becken, und unmittelbar davor entsteht gerade eine große neue Anlage samt Zugangskontrolle. Wohin sich das Ganze entwickeln soll, lässt sich schon recht gut erahnen.
Die Quellen selbst hinterlassen bei uns einen eher zwiespältigen Eindruck. Es riecht ziemlich intensiv nach faulen Eiern, und so richtig spektakulär finden wir die Becken ehrlich gesagt auch nicht. Schön ist vor allem die Landschaft mit den Bergen, der Lengarica-Schlucht und der alten Steinbrücke. Aber allein wegen der Thermalquellen müssten wir nicht noch einmal hierherkommen. Und der Stellplatz reißt einen auch nicht gerade vom Hocker.



Thermalquellen von Bënjë
Einmal kurz nach Griechenland
Unser nächstes Ziel ist Gjirokastër. Von Përmet aus könnten wir nun wieder ein gutes Stück zurückfahren und anschließend nach Westen abbiegen. Wir entscheiden uns stattdessen für den kleinen Umweg über Griechenland – landschaftlich erscheint uns das ohnehin als die deutlich attraktivere Variante.
Und tatsächlich: Hinter Përmet windet sich die Straße in zahllosen Kurven durch die Berge Richtung Tre Urat und zur griechischen Grenze. Eine Strecke, bei der vermutlich jedem Motorradfahrer das Benzin im Munde zusammenläuft. Für uns heißt es dagegen: gemütlich rollen lassen, Kurve um Kurve, und die Landschaft genießen.

Durch die Berge Richtung Griechenland
Die beiden Grenzübertritte erinnern ein wenig daran, wie Reisen früher einmal war. Schließlich passieren wir hier nicht einfach eine EU-Binnengrenze, sondern die Außengrenze der Europäischen Union. Pässe werden tatsächlich noch kontrolliert, Fahrzeugpapiere angeschaut und alles dauert ein paar Minuten länger. Eigentlich genau das, was man sich inzwischen auch an unseren EU-Binnengrenzen gelegentlich wieder wünschen würde …
Was übrigens unmittelbar auffällt, sobald wir die Grenze passieren: Kaum liegt Albanien hinter uns, wirkt die Umgebung aufgeräumter, gepflegter, weniger abgeranzt. Straßen, Häuser, Grundstücke – vieles macht plötzlich einen anderen Eindruck. Und das Bemerkenswerte daran: Wir sind in Griechenland, einem Land, das nun wahrlich nicht zu den reichsten Europas gehört. Der Unterschied ist trotzdem kaum zu übersehen.
Und so verbringen wir, eher zufällig, eine Nacht in Griechenland. Am nächsten Morgen geht es erneut über die Grenze – zurück nach Albanien und weiter Richtung Gjirokastër. Vielleicht sollten wir uns Griechenland noch einmal für eine nächste Reise vornehmen



Stellplatz in Klidonia und Brücke über den Voidomatis
Shqip – und wir verstehen erst einmal gar nichts
Eine der Erfahrungen, die wir in Albanien ziemlich schnell machen: Sprachlich können wir uns hier so gut wie nichts zusammenreimen. In Italien reicht unser eigentlich nicht vorhandenes Italienisch zwar auch nicht für philosophische Gespräche, aber vieles versteht man irgendwie – besonders, wenn man irgendwann einmal Latein in der Schule hatte. Das Gleiche erlebt man in Frankreich oder Spanien.
Hier ist alles anders.
Albanisch heißt auf Albanisch shqip – und schon dieses Wort gibt einen ganz guten Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Albanisch gehört zwar wie Deutsch, Latein oder Griechisch zu den indogermanischen Sprachen, bildet darin aber einen eigenen Zweig. Es ist weder slawisch noch romanisch und auch kein Ableger des Griechischen. Kurz gesagt: Mit den üblichen sprachlichen Krücken kommt man hier nicht weit.
Und ganz im Süden, hinter Gjirokastër in Richtung griechischer Grenze, verändert sich Albanien noch einmal. In der Region Dropull lebt eine große griechische Minderheit; in vielen Dörfern wird ganz selbstverständlich Griechisch gesprochen.
Mit der Zeit erkennt man unterwegs trotzdem ein paar Wörter wieder. Rrugë ist die Straße, qendër das Zentrum, fshat ein Dorf, ujë Wasser, urë eine Brücke und liqen ein See. Und plötzlich verstehen wir auch, warum unser Campingplatz am Skutari-See „Liqeni“ im Namen trug: liqeni heißt schlicht „der See“. Bei rrugë möchte man als Westeuropäer sofort an rue oder route denken und bei qendër an centre. Ob das sprachgeschichtlich zusammengehört, ist eine andere Frage – aber fürs Merken hilft es.
Für den täglichen Gebrauch könnte man sich natürlich ein paar Sätze einprägen:
Fale minderit! – Danke!
Miru pafshim! – Auf Wiedersehen!
Nuk kuptoj shqip. – Ich verstehe kein Albanisch.
A mund të flisni më ngadalë? – Können Sie langsamer sprechen?
Spätestens beim letzten Satz dürfte das Problem offensichtlich werden: Um einen Albaner darum zu bitten, langsamer zu sprechen, muss man erst einmal einen albanischen Satz beherrschen, den man kaum unfallfrei ausgesprochen bekommt…
Ganz fremd ist uns die Sprache dann allerdings doch nicht. Vor allem das Lateinische hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Römer waren schließlich jahrhundertelang auf dem Balkan, und aus dieser Zeit stammen Wörter, die heute noch benutzt werden. Aus lateinisch amicus wurde mik, aus murus wurde mur, und selbst hinter dem ziemlich albanisch aussehenden qytet, Stadt, steckt das lateinische civitas.
Grammatisch macht es einem Albanisch allerdings nicht unbedingt leichter. Es gibt Fälle, Deklinationen und ein umfangreiches Verbsystem. Sogar einen Ablativ gibt es.
Spätestens an dieser Stelle werden bei mir unangenehme Erinnerungen an den Lateinunterricht wach. Und damit stellt sich natürlich die wirklich entscheidende Frage dieser kleinen sprachwissenschaftlichen Betrachtung: Gibt es im Albanischen einen Ablativus absolutus?
Entwarnung: Nein.
Seit ich das weiß, ist mir Albanisch gleich ein Stück sympathischer…
Hoch hinaus nach Gjirokastër. Und wieder zurück.
Für den Weg hinauf in die hoch am Berg liegende Altstadt von Gjirokastër nehmen wir heute ganz pragmatisch ein Taxi. Bei dem stellenweise ziemlich glatten und unebenen Pflaster ist das ohnehin die angenehmere Variante.
Die Altstadt ist geprägt von ihren alten, dicht an den Hang gebauten Steinhäusern, den mit Steinplatten gedeckten Dächern und den steilen, ebenfalls gepflasterten Gassen. Gjirokastër trägt nicht umsonst den Beinamen „Stadt der Steine“. Zwischen den historischen Häusern ziehen sich kleine Straßen und Gassen den Hang hinauf, heute natürlich gesäumt von Cafés, Restaurants, den unvermeidlichen Souvenirläden und natürlich den Touristen (wir sind selber welche).
Noch ein gutes Stück höher thront die mächtige Festung über der Stadt. Von ihren Mauern hat man einen weiten Blick über Gjirokastër und das Drino-Tal. Im Inneren wirkt die Anlage erstaunlich weitläufig: massive Mauern, Gewölbe und lange Gänge, dazu eine Sammlung alter Geschütze und anderes militärisches Gerät. Die Festung ist weniger eine einzelne Burg als vielmehr eine kleine befestigte Welt über den Dächern der Stadt.
Für den Rückweg zum Campingplatz nehmen wir wieder ein Taxi – und diesmal wird schon die Fahrt selbst zum kleinen Erlebnis. Unser Taxi ist ein 300er Mercedes, fast 700.000 Kilometer auf dem Tacho und, wie uns der Fahrer versichert, noch immer mit dem ersten Motor; Baujahr 2001.
Ein Genuss, von dem sich so manches aktuelle Auto eine Scheibe abschneiden könnte. Allein dieses Armaturenbrett mit seinen echten Holzeinlagen, die gediegene Verarbeitung und dieses Gefühl, in einem Auto zu sitzen, das offenbar für die Ewigkeit gebaut wurde. Und auch der Fahrkomfort überzeugt nach fast 700.000 Kilometern noch immer.
Man steigt aus und denkt unwillkürlich: So etwas wurde tatsächlich einmal in Deutschland gebaut. Diese Zeiten scheinen unwiederbringlich vorbei.





Gjirokastër: Altstadteindrücke und Blick über die Stadt


In der Festung über der Stadt
Wenn der Camper zum Feuchtbiotop wird
Als hätten wir mit unserem Grand California unterwegs nicht schon genug Ärger, kommt jetzt noch ein weiteres Problem dazu: Mittlerweile regnet es rein.
Bei stärkerem Regen tropft Wasser vorne am Armaturenbrett in den Flaschenhalter – und zwar nicht nur ein bisschen. Innerhalb einer Stunde sammelt sich dort eine durchaus beachtliche Menge. Als Ursache kommen vermutlich die Abdichtung der dritten Bremsleuchte oder eine undichte Dachnaht infrage. Beides sind Probleme, die auch andere Grand-California-Fahrer kennen.
Und genau das ist es, was uns inzwischen so nervt. Es ist nicht dieser eine Defekt. Es ist die Summe: erst das Wasserproblem im Bad, dann die Elektrik, diverse kleinere und bereits abgearbeitete größere Mängel – und nun läuft auch noch Regenwasser ins Fahrzeug.
Ein Wohnmobil ist für uns ein Reisefahrzeug. Wir wollen unterwegs sein, Landschaften entdecken und uns Gedanken darüber machen, wo wir morgen hinfahren. Stattdessen beschäftigen wir uns zunehmend mit der Frage, woher das nächste Wasser kommt und was als Nächstes ausfällt.
Wir wiederholen uns vermutlich: Bei einem gerade einmal drei Jahre alten Fahrzeug dieser Preisklasse ist das irgendwann einfach nur noch frustrierend.

Ohne Worte...
