Und doch begann noch einmal eine Reise.

Keine große Expedition. Keine Fahrt in unbekannte Länder. Sondern eine kleine Tour durch Nordfrankreich an den Ärmelkanal – gemeinsam mit meiner behinderten Tochter. Eine Reise, die sie allein niemals hätte unternehmen können. Zu viele organisatorische Hürden, zu viele Unsicherheiten, zu viel Verantwortung. und behindertengerechte Angebote, die zu ihr passen würden, gibt es nicht.

Dabei liegt das nicht daran, dass sie körperlich stark eingeschränkt wäre. Im Gegenteil: Sie ist weitgehend fit, ist neugierig auf neue Orte und erlebt die Welt mit großer Begeisterung und Wachheit. Die eigentliche Herausforderung liegt in ihren intellektuellen Einschränkungen. Fahrpläne, Buchungen, unvorhergesehene Situationen, Orientierung in fremder Umgebung oder die vielen kleinen Entscheidungen, die auf Reisen ständig getroffen werden müssen, würden sie schnell überfordern.

Gleichzeitig fällt sie damit durch viele Raster. Für Menschen mit schwersten körperlichen Einschränkungen gibt es tatsächlich organisierte Angebote, oft mit umfangreicher Betreuung, beispielsweise von der Lebenshilfe e.V. oder anderen Organisationen. Für Menschen wie meine Tochter hingegen ist das Angebot erstaunlich dünn bis gar nicht vorhanden. Sie braucht keine Rund-um-die-Uhr-Pflege, aber eben doch Begleitung, Unterstützung und jemanden, der Verantwortung und Führung übernimmt. Genau für diese Gruppe scheint es keine passenden Reisemöglichkeiten zu geben.

Deshalb wurde aus dieser Tour weit mehr als nur ein kleiner Urlaub. Sie war eine Gelegenheit, etwas zu erleben, das für die meisten Menschen selbstverständlich ist: neue Landschaften entdecken, gemeinsam unterwegs sein, andere Orte kennenlernen und Erinnerungen sammeln. Manchmal sind es gerade diese scheinbar ganz normalen Erfahrungen, die den größten Wert besitzen. Für meine Tochter ebenso wie für mich.


Unser erstes Ziel war das Cap Gris-Nez, jener Küstenabschnitt an der französischen Kanalküste, an dem man bei klarer Sicht bis nach England schauen kann – und wir konnten. Die weißen Klippen von Dover zeichneten sich deutlich am Horizont ab, während auf dem Ärmelkanal ein ständiger Strom von Schiffen vorbeizog.

Der Leuchtturm steht weithin sichtbar über den Kreidefelsen und verleiht der Landschaft einen unverwechselbaren Charakter. Als Kind war ich einmal dort oben in der Glaskanzel, heute ist der Turm öffentlich nicht mehr zugänglich. Trotz Sonne wehte ein ordentlicher Westwind und das Meer hatte Schaumkronen. Die weiten Grasflächen über den Klippen, die salzige Luft und das unablässige Rauschen des Windes vermitteln ein Gefühl von Freiheit und Weite. Nach den langen Fahrstunden war es genau der richtige Ort, um unsere Reise beginnen zu lassen: mit Blick auf das Meer, auf ein anderes Land am Horizont und auf all das, was in den kommenden Tagen noch vor uns liegen sollte.

Cap Griz Nez - Küste und Leuchtturm


Nur wenige Kilometer vom Cap Gris-Nez entfernt erinnert in Audinghen einer der gewaltigsten Bunker des Atlantikwalls an eine deutlich dunklere Epoche europäischer Geschichte. Die massiven Betonbauten wurden während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Besatzungsmacht errichtet, um die Küste gegen eine mögliche alliierte Invasion zu sichern.

Noch heute wirken die riesigen Betonblöcke, in dem sich ein Museum befindet wie Fremdkörper in der ansonsten offenen Küstenlandschaft. Wind und Wetter haben ihre Spuren hinterlassen, doch die schiere Größe der Anlagen vermittelt immer noch eine Vorstellung davon, mit welchem Aufwand diese Befestigungen einst gebaut wurden. Entlang der Küste finden sich zahlreiche weitere Bunker, Geschützstellungen und Relikte militärischer Infrastruktur, die von der strategischen Bedeutung dieses Küstenabschnitts zeugen.

Wo heute Wanderer die Aussicht auf Meer und Kreidefelsen genießen, war die Küste einst Teil einer gewaltigen Verteidigungslinie und Schauplatz der Vorbereitungen auf einen Krieg, der ganz Europa erschütterte.

Bunkermuseum in Audinghen


Weiter südlich erreichten wir Équihen-Plage. Eigentlich ein reizvoller Ort direkt am Meer. Für Wohnmobilfahrer hält sich die Gastfreundschaft allerdings in Grenzen. Die Zufahrten sind durch Höhenbegrenzungen versperrt, sodass wir den Ort lediglich streifen konnten. Ein Muster, das man in Frankreich immer wieder antrifft: Wohnmobile werden nicht grundsätzlich als unerwünscht behandelt, aber man lenkt sie gezielt auf bestimmte Stellplätze und hält sie von anderen Bereichen fern.

Deutlich entspannter ging es an der Plage d’Hardelot zu. Ein kleiner Strandspaziergang bei frischer Meeresluft, das Rauschen der Wellen und der Blick auf den Ärmelkanal – manchmal braucht es nicht mehr als das.

Plage d’Hardelot


Einer der schönsten Übernachtungsplätze der Reise wartete in Criel-sur-Mer auf uns. Dort standen wir direkt auf den Klippen oberhalb des Ärmelkanals, mit freiem Blick auf das Meer und die steilen Kreidefelsen der normannischen Küste. Unter uns brandeten die Wellen gegen den Kiesstrand vor den Felsen, während Möwen über den Abhängen kreisten und der Wind den salzigen Geruch des Meeres bis zu unserem Stellplatz trug.

Besonders am Abend zeigte sich die Landschaft von ihrer schönsten Seite. Die tief stehende Sonne tauchte die Kreidefelsen in warme Gold- und Orangetöne, während das Meer langsam dunkler wurde. Hier herrschte eine beinahe meditative Ruhe. Wir sassen einfach vor dem Wohnmobil, blickten hinaus auf das Wasser und hatten das Gefühl, dass die Zeit für ein paar Stunden langsamer lief.

Solche Orte machen den besonderen Reiz des Reisens aus. Nicht unbedingt die großen Attraktionen oder berühmten Sehenswürdigkeiten, sondern Plätze, an denen Landschaft, Licht und Stimmung auf ganz besondere Weise zusammenfinden.

Criel-sur-Mer - Campen auf der Klippe der Steilküste


In Dieppe nahmen wir uns Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang entlang der Promenade. Das Meer zeigte sich an diesem Tag von seiner freundlichen Seite, und auf den Bänken mit Blick auf den Ärmelkanal saßen Einheimische und Besucher gleichermaßen und genossen die frische Seeluft. Anders als viele reine Ferienorte wirkt Dieppe nicht wie eine Kulisse für Touristen, sondern wie eine lebendige Hafenstadt, in der Menschen wohnen, arbeiten und ihren Alltag verbringen.

Beeindruckend die Église Saint-Jacques, deren Baugeschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Das Gotteshaus überrascht mit zahlreichen kunstvollen Details und erinnert daran, welche Bedeutung Dieppe einst als Hafen- und Handelsstadt besaß. Leider ist der Bau in recht schlechtem Zustand.

Nur wenige Schritte entfernt pulsiert dagegen das heutige Leben rund um den Yachthafen. Segelboote schaukeln an den Stegen, Fischerboote laufen ein und aus, und in den Cafés und Restaurants entlang des Wassers herrscht geschäftiges Treiben. Dieppe verbindet maritimen Alltag mit historischem Charme, ohne dabei künstlich oder touristisch überinszeniert zu wirken.

Dieppe - Jachthafen, Promenade, Stellplatz


Dieppe - Église Saint-Jacques


Ein besonderer Höhepunkt der Reise war für meine Tochter der Besuch des Tierparks in Clères. Tiere haben sie schon immer fasziniert. Sie besitzt ein großes Herz für alles, was Fell, Federn oder Flossen hat, und begegnet Tieren mit einer Offenheit und Begeisterung, die vielen anderen Erwachsenen längst verloren gegangen ist.

Die Anlage unterscheidet sich deutlich von einem klassischen Zoo. Sie verbindet eine Art Zoo (mit nur wenigen, teilweise freilaufenden Tierarten, v.a. Vögel) mit einem weitläufigen historischen Landschaftspark im Stil englischer Parkanlagen.

Clères


Weniger idyllisch wurde es später in Poix-de-Picardie. Nach einem drückend heißen Sommertag entlud sich ein heftiges Gewitter. Regen prasselte auf das Dach des Wohnmobils, Blitze zuckten über den Himmel, und innerhalb weniger Minuten verwandelten sich der Stellplatz in einen See und wir hatten Sorge, ob wir am nächsten Morgen so einfach vom Platz fahren können.


Am nächsten Tag erreichten wir Amiens. Die Stadt selbst ist nur begrenzt sehenswert, doch sie wird von einer gewaltigen Kathedrale überragt. Selbst wer auf Reisen bereits zahlreiche Kirchen und Kathedralen besucht hat, wird hier beeindruckt sein. Die Dimensionen des Bauwerks sind schwer zu erfassen. Die Kathedrale von Amiens gilt als die größte gotische Kathedrale Frankreichs und besitzt ein Innenvolumen, das etwa doppelt so groß ist wie das von Notre-Dame in Paris.

Schon von außen wirkt das Bauwerk überdimensioniert. Die reich verzierte Fassade mit ihren Figuren, Bögen und Türmen zieht den Blick unweigerlich nach oben. Doch ihre eigentliche Wirkung entfaltet die Kathedrale erst im Inneren. Man tritt durch das Portal, blickt in das gewaltige Kirchenschiff und fühlt sich plötzlich erstaunlich klein.

Selbst wer mit Religion wenig anfangen kann und Kathedralen normalerweise keine besondere Aufmerksamkeit schenkt, wird sich der Wirkung dieses Ortes schwer entziehen können.

Kathedrale von Amiens


Auch Arras überraschte uns positiv. Rund um den Place des Héros und das prächtige Rathaus entfaltet die Stadt einen ganz eigenen Charakter. Die flämisch geprägte Architektur mit ihren Giebeln und Arkaden unterscheidet sich deutlich von vielen anderen französischen Städten und verleiht Arras eine ganz besondere Atmosphäre.

Trotz der eindrucksvollen Kulisse wirkt die Altstadt nicht wie ein Freilichtmuseum, sondern angenehm lebendig. Menschen sitzen in den Cafés, erledigen ihre Einkäufe oder genießen einfach das Leben auf den großen Plätzen. Gerade diese Mischung aus historischer Architektur und Alltag macht den Reiz der Stadt aus.

Auffällig war allerdings etwas anderes: Zum ersten Mal auf dieser Reise fehlte das in Frankreich fast schon obligatorische Karussell. Ob auf Promenaden, Marktplätzen oder vor Sehenswürdigkeiten – irgendwo dreht sich sonst fast immer eines. Ausgerechnet auf dem schönsten Platz unserer Reise war keines zu finden. Vielleicht ist es uns gerade deshalb aufgefallen.

Arras - Rathaus und Place des Héros


Auf dem Campingplatz in Bellignies standen wir praktisch allein zwischen einer Vielzahl von Dauercampern. Diese Art von Plätzen geben einem schnell das Gefühl, als Wohnmobil-Nomade sei man ein Fremdkörper. Trotzdem hatte die Szenerie ihren ganz eigenen Reiz.

Zum Abschluss führte uns die Reise zurück Richtung Deutschland. Ursprünglich wollten wir an der Mosel an einem Jachthafen übernachten. Doch bei Temperaturen von nahezu vierzig Grad erschien uns die Vorstellung, auf einem Asphalt-Stellplatz ohne Schatten zu stehen, wenig verlockend.

Also entschieden wir uns spontan um: Wir fanden einen Bauernhofcampingplatz bei Losheim. Große Bäume spendeten Schatten, die Luft war spürbar angenehmer, und am Abend spielte sogar Live-Musik. Nach den heißen Tagen fühlte sich dieser Ort wie ein kleines Geschenk an.


So endete die Tour nach der Tour. Keine spektakuläre Fernreise. Keine Wüsten, keine Gebirge und keine exotischen Kulturen. Aber vielleicht gerade deshalb eine besonders schöne Reise. Denn manchmal geht es nicht darum, möglichst weit wegzufahren. Manchmal reicht es, gemeinsam unterwegs zu sein.