Ein sanfter Übergang: von Gibraltar nach Grazalema

Unser Rückreise-Abenteuer beginnt in Gibraltar (oder besser gesagt, in La Linea – der spanischen Seite), diesem faszinierenden Ort, an dem Europa und Afrika sich so nahekommen, dass man fast glaubt, man könne hinüberreichen. Doch anstatt nach Osten oder Westen zu schauen, wenden wir uns nach Norden und fahren ins Landesinnere, weg vom Meer.

Schon diese erste Etappe auf europäischem Boden lässt erahnen, wohin uns die Reise führen wird: in die Berge, in die Stille, in ein Spanien, das sich nicht in Reiseführern aufdrängt. Hinter der Küste beginnt das Hinterland fast abrupt. Die schmale Straße windet sich steil durch endlose Korkeichenwälder in die Sierra de Grazalema. Oftmals muss man im zweiten Gang fahren und ist froh, dass einem hier kein anderes Auto begegnet. Mit jedem Kilometer wird es ruhiger, die Luft kühler und die Landschaft grüner.

Diese Straße gehört zu den schönsten, die man in Andalusien fahren kann. Gerade mit dem Wohnmobil ist die Strecke nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein integraler Bestandteil der Reise selbst.

Grazalema, ein malerisches Dorf und unser Etappenziel, schmiegt sich weiß an die Hänge der Sierra de Grazalema. Enge Gassen schlängeln sich zwischen den weiß getünchten Häusern hindurch und führen zu kleinen Plätzen, auf denen Cafés einladen. Wir fahren leider nur durch, es gibt hier schlicht keine Parkplätze. Trotz seiner Bekanntheit wirkt Grazalema aber nicht wie eine Touristenkulisse, vielleicht weil die umliegenden Berge alles andere in den Schatten stellen.

Die Gegend ist vor allem für ihre Natur bekannt. Der Naturpark Sierra de Grazalema gehört zu den grünsten Regionen Südspaniens und erhält mehr Regen als fast jeder andere Teil Andalusiens. Dies ermöglicht das Wachstum der seltenen Pinsapo-Tannen, einer uralten Tannenart, die sonst kaum noch vorkommt. Über den Bergen kreisen häufig Geier, und immer wieder bieten sich Aussichtspunkte mit Blick bis weit hinein nach Andalusien.

Grazalema vom Stellplatz aus


Durch Olivenland: von Grazalema nach Lucena

Die Berge rund um Grazalema verschwinden allmählich im Rückspiegel. Die Straßen weiten sich, die Landschaft öffnet sich. Statt schroffer Felsen prägen nun silbrig schimmernde Olivenhaine das Bild – endlose Reihen, die sich über Hügel und Ebenen ziehen und fast den gesamten Horizont einnehmen.

Eigentlich wollen wir unterwegs noch Setenil de las Bodegas besuchen, das berühmte weiße Dorf, dessen Häuser sich unter überhängende Felsen ducken. Doch schon die Anfahrt gestaltet sich als kleines Abenteuer. Mehrere Straßensperrungen zwingen uns zu Umleitungen, die uns schließlich fast wieder dorthin zurückführen, wo wir am Morgen ursprünglich gestartet hatten.

Als wir uns Setenil schließlich näheren, ahnen wir bereits, was uns erwartet: Touristenbusse, dichter Verkehr und hektisches Rangieren schon weit vor dem Ortskern. Spätestens da ist klar, dass dieser Ort an diesem Tag nichts mehr mit dem stillen Andalusien zu tun hat, das wir eigentlich suchen. Einen Parkplatz für unseren Grand California finden wir ohnehin nicht. Und da wir genau diesen touristischen Massenbetrieb unterwegs möglichst vermeiden möchten, drehen wir um und fahren weiter.

Die Fahrt nach Lucena wurde dadurch fast noch stimmiger. Kleine Orte tauchen auf und verschwinden wieder, dazwischen weite Felder, vereinzelte Gehöfte und Straßen, auf denen man lange Zeit kaum einem anderen Fahrzeug begegnet.

Lucena selbst wirkt eher unaufgeregt, fast schon langweilig. Keine große Touristenkulisse, sondern eine andalusische Kleinstadt, die ihren Alltag lebt. Dazu gibt es einen kostenlosen und erstaunlich gepflegten Wohnmobilstellplatz mit Ver- und Entsorgung sowie allem, was man unterwegs wirklich braucht. Solche Angebote sind in Spanien keine Seltenheit – oft pragmatisch, unkompliziert und offensichtlich mit dem Gedanken, Reisende willkommen zu heißen. Wir nehmen das dankbar an.

In Deutschland hingegen wird häufig über „zu viele Wohnmobile“ geklagt. Anstatt praktikable Lösungen zu suchen, scheint vielerorts zuerst darüber nachgedacht zu werden, wie sich daraus noch zusätzliche Gebühren generieren lassen. Ein Blick nach Spanien zeigt jedoch, dass legale und funktionierende (und auch noch kostenlose) Stellplätze viele Probleme von selbst lösen könnten. In Deutschland wird diese Art der Mobilität jedoch oft zuerst als Einnahmequelle betrachtet – und erst danach als Chance. Zudem wird auf Wohnmobile häufig neidvoll von oben herabgeschaut, und es wird teilweise mit großer Kreativität nach Hindernissen gesucht.

Alcala de Real


Moclin


Am Horizont die Sierra Nevada


Endlose Olivenbaumplantagen


Weite und Stein: von Lucena nach Marchal

Hinter Lucena wandelt sich Andalusien erneut. Die Olivenhaine lichten sich, die Landschaft wird trockener und weiter. Die Straße schlängelt sich durch stille Hochflächen, vorbei an vereinzelten Dörfern und ausgedehnten Ebenen, die eine gewisse Leere ausstrahlen. In einem dieser Dörfer wird die Straße so eng, dass wir umkehren müssen. Immerhin können wir wenden und müssen nicht rückwärts zurück.

Olivenhaine erstrecken sich kilometerweit über die sanften Hügel Andalusiens und bilden eine Landschaft von schier unvorstellbarer Größe, die man erst mit eigenen Augen begreifen kann. Reihen silbrig-grüner Bäume ziehen sich bis zum Horizont, unterbrochen nur von kleinen Straßen, vereinzelten Gehöften oder den weißen Flecken abgelegener Dörfer. Diese scheinbare Monotonie ist zugleich faszinierend. Erst hier wird die immense Bedeutung des Olivenanbaus für die Region deutlich: Rund ein Drittel der weltweiten Olivenernte stammt aus Andalusien. Die Landschaft nördlich und östlich von Lucena ist daher nicht einfach nur „ländlich“, sondern eine gigantische Kulturlandschaft, geformt von Jahrhunderten menschlicher Arbeit und den Olivenbäumen.

Je weiter man nach Osten fährt, desto deutlicher wird die Nähe der Sierra Nevada. Die Berge tauchen zunächst nur als helle Silhouette am Horizont auf, später prägen sie das Landschaftsbild zunehmend. Gleichzeitig wird die Umgebung karger: ockerfarbene Hügel, steinige Ebenen und Schluchten, die eher an den Beginn einer Halbwüste erinnern als an das klassische Bild Andalusiens.

Eigentlich hatten wir Guadix als Ziel, doch der Wochenmarkt zwang uns zu einem Abstecher in das deutlich kleinere Marchal. Manchmal bestimmen eben ganz praktische Dinge die Route. Im Nachhinein erweist sich dieser kleine Umweg jedoch als Glücksfall.

Marchal liegt inmitten einer surrealen Landschaft aus rotbraunen Lehmhügeln, tiefen Erosionsrinnen und kahlen Formen, die im Abendlicht fast unwirklich erscheinen. Auch hier prägen die typischen Höhlenwohnungen Andalusiens, für die auch Guadix bekannt ist, das Bild. Viele Häuser sind direkt in die weichen Hügel gegraben. Von außen sieht man oft nur weiße Fassaden, Türen und die kleinen Kamine, die aus der Erde ragen. Der eigentliche Wohnraum verbirgt sich dahinter im Berg.

Die Landschaft der sogenannten „Badlands“ (die aus gutem Grund mittlerweile englischsprachig benannt werden) erinnert stellenweise eher an den amerikanischen Südwesten als an das gewohnte Spanienbild. Leider finden wir keinen passenden Zugangsweg, den man mit dem Grand Cali anfahren könnte.

Schöner Wohnen in der Höhle


Einsamkeit als Qualität: Castril und die Sierras

Von Marchal aus wird die Reise ruhiger. Die Straßen werden schmaler, die Orte kleiner. Unser ursprüngliches Ziel war Pozo Alcón, am Rande des beeindruckenden Naturparks Sierras de Cazorla. Doch der auf park4night empfohlene Stellplatz wirkt wenig einladend, eigentlich unzumutbar. Also fahren wir weiter – bis nach Castril. Dort verbringen wir eine Nacht auf einem Campingplatz, der bessere Zeiten gesehen hat. Ein wenig verlassen wirkt alles, fast so, als würde der Ort langsam verblassen. Und doch passt genau das irgendwie in diese Landschaft.

Denn hier beeindruckt nicht ein einzelnes Highlight, sondern die Weite. Wälder, Täler, Wasserläufe – und vor allem diese fast ungewohnte Ruhe. Kaum internationale Touristen, kaum Inszenierung, kaum das Gefühl, dass hier etwas für Besucher „aufbereitet“ wurde. Stattdessen ein riesiger Naturraum, der einfach existiert, ohne sich erklären zu müssen.

Zwischen den Olivenhainen bei Jódar entdecken wir zufällig einen alten Waschplatz – schlicht, weiß gekalkt und unscheinbar direkt an einer kleinen Straßenkreuzung gelegen. Hier wuschen einst (noch bis 1968 bis endlich einen Anschluss an das Leitungsnetz kam) Frauen ihre Wäsche, Bauern tränkten ihre Tiere, und das Wasser war das Herzstück des täglichen Lebens. Heute erinnern einige Erklärungstafeln, Bänke und schattenspendende Bäume an die Bedeutung solcher Orte in der trockenen Landschaft Andalusiens. Keine große Sehenswürdigkeit, sondern ein stilles Stück Alltagsgeschichte unter weitem Himmel.

Waschplatz bei Jodar


Die Fahrt nach Chinchilla de Monte-Aragón verlangsamt sich fast von selbst. Zunächst schlängeln sich kleine Straßen durch Pinienwälder und bergige Landschaften, bevor das Gelände allmählich flacher und offener wird und die Straßen gerade werden. Die Olivenhaine werden immer seltener – fast unbemerkt lässt man damit auch das typische Andalusien hinter sich. Irgendwann wird einem bewusst, dass der Süden immer weiter zurückbleibt. Die weißen Dörfer werden spärlicher, die Landschaft nüchterner und weiter. Statt Olivenbäumen prägen nun Felder und Obstplantagen das Bild, später fast endlose Getreideflächen unter einem weiten Himmel.

Chinchilla de Monte-Aragón thront hoch über der Ebene von La Mancha. Enge Gassen, helle Fassaden, alte Stadttore und weite Ausblicke über das trockene Umland verleihen dem Ort eine zeitlose Atmosphäre. Touristische Inszenierungen sucht man hier vergeblich – abgesehen von dem geradezu perfekten Wohnmobilstellplatz. Statt Souvenirläden und durchgestylter Altstadtcafés erlebt man den normalen spanischen Alltag. Der Ort erzählt von seiner bewegten Geschichte: von Mauren und Christen, von seiner strategischen Lage zwischen Levante und Kastilien und von den Jahrhunderten, in denen diese Festung die Ebene kontrollierte. Und irgendwie wirkt Chinchilla wie eine Kulisse aus einem alten historischen Film – still, etwas spröde, aber voller Atmosphäre.

Chinchilla de Monte-Aragón


Ein Sprung durch Spanien: von Chinchilla de Monte-Aragón nach Albarracín

Die Landschaft weitet sich, wird trockener und offener. Der Verkehr ist spärlich. Kilometerlang begegnen wir nur einzelnen Fahrzeugen, während sich die Straße durch eine stille, fast menschenleere Hochebene schlängelt. Die Olivenhaine Andalusiens sind längst verschwunden; stattdessen prägen Felder, niedrige Büsche und karge Hügel das Bild.

Die Ebenen gehen allmählich in eine raue Berglandschaft über. Die Straßen werden kurviger und die Täler tiefer. Je näher wir Albarracín kommen, desto beeindruckender wird die Szenerie. Die Straße schlängelt sich schließlich in die Tiefen der Schlucht des Guadalaviar hinab und plötzlich taucht Albarracín vor uns auf. Auf Felsen gebaut, von Mauern umgeben und in warmes rötliches Licht getaucht, wirkt der Ort fast unwirklich, und dennoch hat er seinen bezaubernden Charme bewahrt.

Albarracín, zweifellos eine der beeindruckendsten Städte Spaniens, thront wie eine mittelalterliche Festung aus rötlichem Stein an den Felsen über dem Fluss. Die spektakuläre Lage mit ihren engen Gassen, schiefen Häusern, massiven Mauern und den Überresten der alten Befestigungsanlagen ist einzigartig.

Einst eine bedeutende Grenzfestung zwischen islamischen und christlichen Herrschaftsgebieten, zeugt Albarracín bis heute von seinem historischen Flair. Gleichzeitig wirkt die Stadt erstaunlich ruhig und wenig touristisch. erschlossen, stattdessen findet man kleine Plätze, einfache Bars und eine fast unwirkliche Stille. Albarracín wirkt wie eine Kulisse aus einem Fantasyfilm.

Albarracín


Das vergessene Spanien: Maestrazgo

Hinter Albarracín liegt eine Region, die oft übersehen wird: das Maestrazgo. Hier entfaltet sich ein Spanien der Weite. Hochflächen, kleine Dörfer und Straßen, die mehr Verbindung als Ziel bieten.

Hinter Teruel wird die Straße ruhiger, leerer und steigt stetig an. Eine Landschaft eröffnet sich, die kaum noch an das Spanien der Küsten oder Touristenstädte erinnert. Weite Hochflächen, Wacholderbüsche, Kiefernwälder und kahle Hügel prägen das Bild. Es erinnert eher an die Hochflächen Zentralasiens. Verkehr ist selten, Orte noch seltener – dafür das Gefühl, weit draußen unterwegs zu sein.

Viele Abschnitte der Strecke liegen deutlich über 1.300 Metern. Selbst im Mai wirkt die Landschaft rau und beinahe abweisend, das Thermometer zeigt 4 Grad und es regnet. Hinter dem Pass Puerto de Cantavieja beginnt sich die Landschaft jedoch langsam zu verändern. Die Straße windet sich hinab durch ein überraschend grüner werdendes Tal, die Luft wird milder und erste Oliven- und Mandelbäume tauchen auf. Nach Stunden in den rauen Höhenlagen wirkt dieser Übergang fast wie ein Szenenwechsel.


Zwischen Schienen und Stille – ein verlassener Bahnhof bei Valderrobres

Die Fahrt von Mas de las Matas nach Vinebre führt durch eine zunehmend ruhigere Landschaft. Die Straße schlängelt sich durch weite Hügel, vorbei an Feldern, Mandelbäumen und vereinzelten Dörfern, die seit Jahrzehnten kaum Veränderungen erfahren haben. Der Verkehr ist spärlich, und man hat das Gefühl, zwischen den Zeiten unterwegs zu sein.

Kurz hinter Valderrobres machen wir Halt an einem leicht zu übersehenden Ort: einem stillgelegten Bahnhof inmitten der Landschaft. Ein Lost Place, aber keiner dieser künstlich inszenierten Orte, die heute als Abenteuerkulisse auf Social Media dienen. Hier herrscht einfach nur Ruhe. Die Gleise sind verschwunden und wurden durch einen Weg für Radwanderer ersetzt. Das Bahnhofsgebäude wirkt vergessen, mit verblassten Mauern, zerbrochenen Fenstern, rostigem Metall und Graffiti. Und doch erzählt dieser Ort noch immer von Bewegung: von Zügen, die hier einst hielten, von Menschen, die ankamen oder abreisten, von einer Zeit, in der selbst abgelegene Regionen enger miteinander verbunden waren als heute.

Schließlich erreichen wir das Tal des Río Ebro. Nach den stillen Bergregionen verändert sich die Landschaft spürbar. Der Fluss zieht breit durch das Tal, während rechts und links wieder Berge ansteigen. Die Gegend wirkt belebter als zuvor: mehr Dörfer, mehr Landwirtschaft, mehr Verkehr auf den Straßen. Nach den oft einsamen Etappen der letzten Tage fühlt sich das beinahe schon geschäftig an.

Unser Stellplatz befindet sich in Vinebre. Es ist ein seltsamer Kontrast: Auf der einen Seite Hochtechnologie in Form eines Kernkraftwerks, auf der anderen ein Dorf, das völlig unspektakulär und ungeschminkt wirkt – und gerade dadurch angenehm normal. Keine herausgeputzte Altstadtkulisse, keine touristische Inszenierung, keine Souvenirgeschäfte. Stattdessen einfach nur Alltag für die dort lebenden Menschen.

Alter Bahnhof von Valderrobres


Zwischen Kathedrale und Siesta: Halt in Lleida

Nachdem wir uns zunächst über enge, kurvenreiche Straßen durch die beeindruckende Landschaft des Parque Natural de la Sierra de Montsant schlängeln, legen wir einen Zwischenstopp in Lleida ein. Die Stadt selbst versprüht auf den ersten Blick eher den nüchternen Charme von Offenbach oder Ludwigshafen – funktional, wenig verspielt, kaum touristisch inszeniert. Hoch über allem thront allerdings die gewaltige Seu Vella, die alte Kathedrale und das eigentliche Wahrzeichen der Stadt. Leider schließt sie ausgerechnet in dem Moment ihre Tore zur Siesta, als wir ankommen – Spanien pflegt diesbezüglich einige Eigenheiten, an die man sich als Mitteleuropäer erst gewöhnen muss.

Der Aufstieg lohnt sich trotzdem. Von hier oben reicht der Blick weit über die Ebene Kataloniens, und direkt neben der Kathedrale finden wir überraschenderweise auch noch eine ausgesprochen gute Tapas-Bar – einer dieser Orte, die man an so exponierter Stelle eigentlich gar nicht erwarten würde.

Kathedrale Seu Vella in Lleida


Schnee auf den Gipfeln und Schatten der Vergangenheit

Die Fahrt von Camarasa hinauf nach Saint-Pierre-dels-Forcats führt uns langsam zurück in die Berge. Die Straßen sind diesmal überraschend großzügig ausgebaut, gut zu fahren und deutlich weniger abenteuerlich als viele der kleinen Nebenstrecken, die wir sonst bevorzugen. Eigentlich mögen wir genau jene Straßen, auf denen einem höchstens alle halbe Stunde ein Auto begegnet – dort, wo man kaum schneller als dreißig Stundenkilometer fahren kann und jede Kurve ein kleines Versprechen ist. Erst dann wird das Unterwegssein für uns wirklich interessant.

Doch auch diese Route hat ihren eigenen Reiz. Je näher wir den Pyrenäen kommen, desto karger und rauer wirkt die Landschaft. Über den Bergen liegt noch immer Schnee, der in der Nachmittagssonne fast unwirklich weiß leuchtet. Nach den trockenen Ebenen Spaniens wirkt das plötzlich wieder fast wie ein Sprung in eine andere Jahreszeit. Als wir in Saint-Pierre-dels-Forcats ankommen, hat es 6 Grad…

In Camarasa erleben wir zudem eine kleine Besonderheit: Auf dem Stellplatz treffen wir tatsächlich ein niederländisches Paar mit einem Grand California 680. Mittlerweile haben wir fast den Eindruck, einen Exoten zu fahren. Den letzten GC 680 haben wir vor einem Jahr irgendwo in Norwegen gesehen. Meist begegnen uns Kastenwagen aller Art – aber kaum einmal ein weiteres Fahrzeug unseres Typs.

Und dann ist da noch diese Brücke in Camarasa. Oder vielmehr das, was von ihr übrig blieb. Mitten im Ort führen die Reste einer 1938 im Spanischen Bürgerkrieg zerstörten Brücke über den Fluss. Sie wurde nie wieder aufgebaut. Kein großes Denkmal, keine dramatische Inszenierung – nur steinerne Fragmente, die still an eine Zeit erinnern, die historisch betrachtet gar nicht weit entfernt liegt. Gerade diese unspektakuläre Präsenz macht den Ort eindrucksvoll. Spanien begegnet einem auf dieser Reise immer wieder so: wunderschön, ruhig – und zugleich voller sichtbarer Geschichte.

Brücke in Camarasa


Abschied von Spanien – zurück in die Berge

Von Gibraltar bis hinauf in die Pyrenäen zieht sich ein roter Faden aus Stille, Weite und immer wieder überraschenden Kontrasten. Diese Route ist nichts für Eilige – sondern für Menschen, die das Unterwegssein selbst schätzen und nicht nur das Ankommen. Mit der letzten Etappe kommt noch einmal Bewegung in die Reise. Die Straße windet sich hinauf in die Berge, die Luft wird spürbar klarer und kälter, die Landschaft rauer und stiller. Auf den Gipfeln liegt sogar noch Schnee – fast so, als würde uns Spanien zum Abschied noch einen Hauch von Winter schenken.

Mit dieser Etappe endet unsere Rückreise durch Spanien. Im nächsten Blogartikel geht es weiter durch Frankreich.

Auffahrt in die Pyrenäen