Der Grand California stand gepackt bereit, die Route grob skizziert, die innere Aufbruchsstimmung längst da. Doch statt Süden und Weite hieß es erst einmal: Notaufnahme.


Wenn das Herz dazwischenfunkt

Am vergangenen Montag landete ich ungeplant im Krankenhaus. Vorhofflattern, Puls bei 140. Bei einer 4:1-Überleitung bedeutet das nichts anderes als eine Vorhoffrequenz von rund 560 Schlägen pro Minute. Zahlen, die nüchtern klingen – und sich doch alles andere als nüchtern anfühlen. Es ist nicht nur unangenehm. Es ist eine massive Belastung für das Herz. Und für den Kopf.

Das Programm kenne ich inzwischen: Medikamente, Überwachung, Notfallmedizin – schließlich die elektrische Kardioversion. Ein kurzer Moment der Ohnmacht, ein gezielter Stromstoß, der das Herz wieder in den Takt zwingt. Danach diese bleierne Müdigkeit. Nicht dramatisch, aber tief. Als hätte jemand den Stecker gezogen.

Wir setzen die Reisevorbereitungen aus. Eine Woche Aufschub. Ich brauche Erholung, körperlich und mental. Der Gedanke an die Wüste, an lange Strecken, an Autarkie – plötzlich nicht mehr nur romantisch, sondern auch mit einem Fragezeichen versehen.

Und doch war schnell klar: Wir fahren.

„Schlecht gehen kann es dir auch unterwegs“, sagt meine Tochter trocken. Sie hat recht. Das Leben verschiebt sich nicht automatisch in sichere Zonen, nur weil man zuhause bleibt. Für den Fall eines „Herzkaspers“ zwischen Atlas und Sahara habe ich mir vorsorglich eine Liste kardiologischer Anlaufstellen in Marokko ausgedruckt. Kliniken in Agadir, Marrakesch, Casablanca. Namen, Telefonnummern, Adressen. Beruhigend? Vielleicht. Zumindest ein Stück Kontrolle in einem ansonsten unkontrollierbaren System.


Technik, die streikt

Kaum bin ich halbwegs wieder auf den Beinen, folgt das nächste Kapitel.

Gestern meldet das Display unseres Volkswagen Grand California, Baujahr 03/2023, ein verfügbares Softwareupdate über das Infotainmentsystem. Ich denke mir nichts Böses. „Aktualisieren“ klingt harmlos. Fortschritt. Optimierung. Zukunft.

Heute Morgen ist das Display rabenschwarz.

Tot.

Kein Radio, keine Navigation, keine Rückfahrkamera. Und dazu ein Armaturenbrett, das mit Warnlampen blinkt wie ein Weihnachtsbaum. SOS inaktiv. Verkehrszeichenerkennung außer Funktion. Ein digitales Nervensystem, das offenbar beschlossen hat, in den Streik zu treten.

Deep Reset – erfolglos. Batterie abgeklemmt – immerhin kehren einzelne Funktionen zurück, aber das Display bleibt schwarz. Ein schwarzes Rechteck als Symbol für die Grenzen moderner Mobilität. Ohne funktionierende Software ist selbst ein 4,2-Tonnen-Allrad-Camper plötzlich erstaunlich klein.


Hoffnung aus Bruchsal

Zum Glück gibt es in Bruchsal einen engagierten Werkstattleiter. Er kann uns nicht sofort helfen – auch Werkstätten haben Warteschlangen – aber er kümmert sich. Das allein macht einen Unterschied. Morgen soll ein Online-Update eingespielt werden. Ein letzter Versuch, die Kiste wieder vollständig zum Leben zu erwecken.

Man merkt in solchen Momenten, wie fragil unsere Planungen sind. Wir sprechen von Routen durch den Anti-Atlas, von Stellplätzen an der Atlantikküste südlich von Agadir, von Sandpisten und Einsamkeit. Und dann scheitert alles zunächst an einem schwarzen Bildschirm.

Wenn das Update funktioniert, rollen wir los. Wenn nicht – dann weiß ich es im Moment wirklich nicht.


Warum wir trotzdem fahren

Vielleicht ist genau das der Punkt. Reisen war für mich nie die Illusion von Kontrolle. Sondern das Einüben von Umgang mit Kontrollverlust. Gesundheit, Technik, Wetter, Grenzen – nichts davon ist garantiert.

Das Herz kann stolpern. Software kann abstürzen. Pläne können kippen.

Und trotzdem bleibt da dieses Ziehen nach Süden. Dieses Gefühl, dass Aufbruch nicht erst dann stattfinden darf, wenn alles perfekt ist. Perfekt wird es ohnehin nie.

Wir fahren also mit leicht gedrosseltem Puls, einem Stapel medizinischer Unterlagen im Handschuhfach und der Hoffnung, dass morgen nicht nur das Infotainment, sondern auch unser eigener innerer Kompass wieder klar leuchtet.

Marokko wartet. Und wir kommen – vielleicht eine Woche später als geplant, aber um einige Erfahrungen reicher.