Wir brechen im September nach Albanien auf. Und zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren überlege ich ernsthaft, die digitale Kamera zu Hause zu lassen. Das iPhone kommt natürlich mit. Es dokumentiert unseren Reisealltag perfekt. Aber für die Bilder, die mir wirklich wichtig sind, könnte diesmal ausschließlich meine Olympus OM-4 Ti im Fotorucksack liegen. Vielleicht sogar zusammen mit der alten Mamiya 645.
Noch vor wenigen Jahren hätte ich mich für verrückt erklärt. Heute fühlt sich dieser Gedanke erstaunlich richtig an.
Ich fotografiere (wieder) analog. Nicht aus Nostalgie. Nicht, weil Analog objektiv bessere Bilder liefert. Sondern weil ich etwas wiedergefunden habe, das mir in der Digitalfotografie über viele Jahre verloren gegangen ist.
Die Vorgeschichte war die: ich bin, natürlich auch altersbedingt, mit Analogfotografie groß geworden und bin dann wie selbstverständlich auch auf die digitale Schiene geraten – das hat mir auch durchaus Spaß gemacht. Aber ab etwa 2017 hatte ich begonnen, mich wieder ein wenig in die Analogfotografie einzuarbeiten, ich hatte mir sogar eine Mittelformatkamera zugelegt. Dann begann dieser Corona-Irrsinn und damit war mein Leben ziemlich durcheinander und das Thema analoges Fotografieren, Fotografieren überhaupt, war vorerst vergessen.
Doch nochmal zurück zu meinem Übergang von Analog zu Digital: Mit der Minolta A1 begann für mich die digitale Zeit – das muss so etwas 2003 gewesen sein. Das einzigste, was ich aus dem Analogzeit behielt, war meine Rollei 35 SE – da machte aber irgendwann die Elektrik Probleme, weil keine passenden Batterien mehr aufzutreiben waren1. Es folgten immer bessere digitale Kameras, immer leistungsfähigere Objektive und immer ausgefeiltere Software. Aperture, Capture One, Luminar – ich habe sie alle genutzt. Technisch war das beeindruckend. Und trotzdem blieb am Ende häufig ein merkwürdiges Gefühl zurück.
Ich will die Digitalfotografie nicht kaputt reden, man kann viel damit machen. Aber oft bleibt man in der Bildnachbearbeitung und -Verwaltung hängen und nachher hat man 50.000 Bilder in der Datenbank und schaut sie nie wieder an. Das eigentliche Foto entsteht bei der Digitalfotografie erst am Computer.
Mit jeder neuen Kamera, mit jedem neuen Bildbearbeitungsprogramme verschob sich der kreative Prozess immer weiter nach hinten. Früher entstand das Bild in dem Moment, in dem ich den Auslöser drückte. Heute entsteht es oft erst danach: RAW entwickeln, Weißabgleich anpassen, Farben verändern, Kontraste optimieren, Masken setzen, störende Objekte entfernen, Filmlooks simulieren. Man verbringt Stunden vor dem Bildschirm, obwohl man eigentlich fotografieren wollte.
Irgendwann stellte ich mir die Frage: Ist das überhaupt noch der Teil der Fotografie, der mir Freude macht? Die Antwort war überraschend eindeutig: Nein.
Warum ich mich beim Bearbeiten manchmal wie ein Lügner fühlte
Ich möchte niemandem die digitale Bildbearbeitung madig machen. Sie ist ein kreatives Werkzeug und eröffnet Möglichkeiten, von denen man früher nur träumen konnte – oder man legte sich eine Dunkelkammer zu und arbeitete sich in die Prozesse ein. Aber bei meinen eigenen digitalen Bildern hatte ich oft das Gefühl, dass ich sie immer weiter von der Realität entferne.
- Noch etwas mehr Kontrast.
- Etwas dramatischerer Himmel.
- Etwas kräftigere Farben.
- Noch eine Maske.
- Noch ein Filter.
- etc.
Irgendwann fragte ich mich: Ist das eigentlich noch mein Foto?
Der größte Widerspruch war das Programm Luminar. Rückblickend muss ich darüber geradezu schmunzeln. Speziell mit Luminar habe ich einen Großteil meiner Zeit damit verbracht, digitale Bilder so aussehen zu lassen, als wären sie analog fotografiert worden.
Da liegt doch die eigentliche Frage auf der Hand: Warum simuliere ich Analogfilm, wenn ich auch einfach Analogfilm fotografieren kann?
Heute bearbeite ich meine digitalen Bilder kaum noch – es macht mir einfach keinen Spaß mehr. Ein Klick auf „Automatisch verbessern“, vielleicht noch eine kleine Helligkeitskorrektur – fertig. Früher konnte ich Stunden mit RAW-Dateien verbringen. Heute möchte ich diese Stunden lieber draußen verbringen.
Das Problem sind nicht digitale Kameras
Digitalkameras sind fantastische Werkzeuge. Sie dokumentieren beispielsweise Reisen hervorragend, bieten enorme Reserven und liefern eine Bildqualität, von der wir früher nur träumen konnten. Das Problem ist eher die unbegrenzte Freiheit der digitalen Fotografie – auch wenn das auf den ersten Blick ganz anders aussehen mag.
Wenn man digital fotografiert, kann man alles später entscheiden. Nichts ist fertig, nichts wird irgendwann abgeschlossen:
- RAW.
- Weißabgleich.
- Farben.
- Kontrast.
- Schärfe.
- Rauschreduzierung.
- Die Person im Bild herauslöschen.
- Der Himmel könnte ja noch etwas schöner sein.
- Oder wird tauschen den Himmel gleich ganz aus.
- etc.
Mit jeder Entscheidung, die man auf später verschiebt, wächst allerdings die Arbeit am Rechner. Ein digitales RAW kann man morgen noch einmal bearbeiten. Nächste Woche vielleicht noch besser. In zwei Jahren gibt es neue KI-Tools. Das Bild bleibt ein Projekt. Ein Negativ dagegen ist irgendwann entwickelt. Der Abzug liegt auf dem Tisch. Fertig.
Analog zwingt mich zu Entscheidungen
Bei einem Film treffe ich die wichtigsten Entscheidungen bereits vor der Aufnahme: Welchen Film nehme ich?
- ISO 100 oder 400?
- Farbe oder Schwarzweiß?
- Welches Objektiv?
- Welche Belichtung?
Wenn ich auslöse, ist das Bild im Wesentlichen entstanden, es ist fertig. Wenn der Film voll ist, bringe ich das Ganze ins Labor und warte.
Natürlich gibt es auch in der Dunkelkammer Gestaltungsmöglichkeiten. Aber der Schwerpunkt liegt wieder dort, wo er hingehört: vor der Kamera.
Auf Reisen verändert ein Film meinen ganzen Blick. Ich laufe nicht mehr mit erhobener Kamera durch eine Altstadt und fotografiere alles, was interessant aussieht. Ich bleibe stehen. Ich beobachte. Ich warte auf das richtige Licht oder darauf, dass der Platz für einen kurzen Moment leer wird. Und manchmal gehe ich sogar weiter, ohne den Auslöser gedrückt zu haben. Früher hätte mich das geärgert. Heute fühlt es sich richtig an.
20.000 digitale Bilder sind kein Schatz, sondern ein Fluch. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für meine Rückkehr. Im Laufe der Jahre haben sich zigtausend digitale Bilder angesammelt. Viele davon habe ich nach dem Import nie wieder angesehen.
Die Festplatte wird voller. Die Erinnerung nicht.
Eine Mappe mit Negativen oder Dias erzählt dagegen oft eine Geschichte. Ich erinnere mich an den Ort, an das Licht, an den Moment. Nicht, weil Analog magisch wäre. Sondern weil jede Aufnahme eine bewusste Entscheidung war.
Und jetzt?
Für unsere nächste große Wohnmobilreise nach Albanien denke ich ernsthaft darüber nach, die digitale Kamera einfach zu Hause zu lassen. Das iPhone reicht völlig aus, um den Reisealltag zu dokumentieren oder Fotos für den Blog zu machen - die Bildqualität des iPhones steht einer ausgewachsenen Digitalkamera kaum noch nach. Das iPhone dokumentiert eure Reise hervorragend. Es ist immer dabei, macht zumindest bei Tageslicht ausgezeichnete Bilder, eignet sich für Restaurantfotos, Stellplätze, spontane Begegnungen und alles, was später im Blog landet.
Für alles, was mir wirklich wichtig ist, nehme ich diesmal vielleicht meine Olympus OM-4 Ti mit, für die SW-Fotos vielleicht noch die OM-1n.
Und vielleicht hole ich sogar meine Mamiya 645 Super wieder aus dem Schrank. Jahrelang lag sie dort, weil die Digitalkamera vermeintlich einfacher war. Heute frage ich mich, ob diese Einfachheit nicht genau das war, was meiner Kreativität im Weg stand. Das ist genau das Paradoxon der Digitalfotografie. Sie macht vieles einfacher – aber nicht unbedingt erfüllender. Tatsächlich geht die Kreativität über den Jordan. Früher habe ich vielleicht zehn Minuten vor einem Motiv gestanden. Belichtung gemessen. Bildaufbau verändert. Gewartet, bis jemand aus dem Bild ging.
Heute mache ich:
- Klick.
- Sicherheitshalber noch eins.
- Und noch eins, und noch eins.
- Hochformat.
- Querformat.
- Belichtungsreihe.
- Es gibt ja RAWa.
- Personen kann ich später noch mit KI wegretuschierten.
- etc.
Ich sammele Möglichkeiten, statt Entscheidungen zu treffen. Das führt dazu, dass der kreative Akt immer kürzer wird und der technische Teil immer länger.
Vielleicht geht es aber gar nicht um Analog oder Digital. Vielleicht geht es um etwas ganz anderes: Früher bestand mein fotografischer Workflow aus Fotografieren, Entwickeln, Bearbeiten, Verwalten, Verschlagworten und Archivieren.
Heute möchte ich einfach wieder sehen.
- Warten.
- Den richtigen Moment finden.
- Auslösen.
Der Rest darf möglichst unkompliziert sein.
Vielleicht ist das das eigentliche analoge Gefühl. Nicht der Film. Nicht das Korn. Nicht die Kamera. Sondern die Erkenntnis, dass Fotografie zwischen Auge und Auslöser entsteht – und nicht zwischen RAW-Konverter und Bildschirm. Und vielleicht ist das eigentliche „analoge Gefühl“ gar nicht Filmkorn oder Silberhalogenid. Vielleicht ist es das beruhigende Wissen, dass der wichtigste Teil der Fotografie zwischen Auge und Auslöser stattfindet – und nicht zwischen RAW-Konverter und KI-Entrauschung.
Für die nächste Reise
Vielleicht wird unsere Albanienreise die erste, auf der nur noch ein iPhone und zwei analoge Kameras mitfahren. Vielleicht werde ich unterwegs feststellen, dass mir die digitale Systemkamera überhaupt nicht fehlt. Vielleicht vermisse ich sie aber auch schon nach den ersten Tagen. Ich weiß es nicht. Aber genau deshalb möchte ich es ausprobieren.
Manchmal findet man erst heraus, was man wirklich braucht, wenn man bewusst etwas zu Hause lässt.
Mittlerweile weiß ich, dass dieses Problem die 35 SE gar nicht betrifft ↩︎
