Bei uns ist das immer wieder spürbar. Reisen bedeutet für jeden von uns etwas anderes. Das ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern eher davon, wie Erfahrungen innerlich gespeichert werden.

Gestern führte die Route durch das Loire-Tal. Vor 45 Jahren waren wir schon einmal hier – damals mit dem Fahrrad. Plötzlich tauchte eine unscheinbare Stelle am Straßenrand auf, an der damals irgendetwas unspektakuläres passierte. Kein berühmter Ort. Keine Sehenswürdigkeit. Einfach nur ein Platz irgendwo unterwegs. Und trotzdem war die Erinnerung sofort wieder da: die Stimmung, die Landschaft, das Gefühl jener Reise.

Interessant war dabei weniger die Erinnerung selbst als die Tatsache, dass sie bei uns völlig unterschiedlich ausgeprägt war. Genau solche Momente machen deutlich, dass Menschen offenbar grundsätzlich verschieden reisen – selbst wenn sie seit vielen Jahren ihre Reisen gemeinsam machen.

Für manche ist Reisen vor allem Erholung. Man fährt weg, sieht etwas Schönes, genießt gutes Essen, entspannt sich und kehrt anschließend gerne wieder nach Hause zurück. Orte werden erlebt, aber sie hinterlassen keine dauerhaft tiefen Spuren. Und schlimmstenfalls geht man zwei Wochen in eine Clubanlage, verlässt die erst am Abreisetag und findet das ganz toll – so hatten wir das einmal durchaus begeistert von Bekannten erzählt bekommen.

Andere Menschen speichern Reisen völlig anders. Landschaften verbinden sich mit Lebensphasen, Gerüchen, Gesprächen, Gefühlen und inneren Bildern. Orte werden dadurch Teil der eigenen Biografie. Deshalb genügt manchmal ein einziges Foto, um Jahrzehnte später eine ganze Situation wieder lebendig werden zu lassen.

Besonders deutlich wurde das einmal beim Dempster Highway im Yukon. Einer von uns beiden hätte noch Jahre später auf vielen Fotos, selbst auf Bildern von Fremden, noch exakt sagen können, in welcher Kurve sie aufgenommen worden waren. Nicht wegen seines außergewöhnlichen Gedächtnisses, sondern weil sich die gesamte Reise bei ihm tief eingeprägt hatte – die Weite, die Einsamkeit, das Licht des Nordens und das Gefühl von Freiheit.

Andere erleben Reisen stärker im aktuellen Moment. Ein Ort darf schön sein, aber er muss sich nicht dauerhaft im Inneren einnisten. Besucht man denselben Ort Jahre später erneut, wirkt vieles dann beinahe neu, mitunter fast so, als sein man noch nie an diesem Ort gewesen.

Früher irritierten uns diese Unterschiede bei uns beiden nicht selten. Heute erscheinen sie eher wie zwei unterschiedliche Arten, mit Welt verbunden zu sein.

Aber vielleicht erklärt das auch, warum Reisen unterschiedlich angegangen und unterschiedlich erlebt werden. Für den einen von uns ist Unterwegssein fast ein Lebensmodus: langsame Etappen, Nebenstraßen, wechselnde Landschaften, Wetter, spontane Entdeckungen und das Gefühl von Bewegung. Für den anderen liegt das Zentrum des Lebens stärker im Vertrauten und Zuhause. Reisen ist dann eher eine gelegentliche Unterbrechung des Alltags als ein dauerhafter Zustand.

Schon vor vielen Jahren zeigte sich das einmal sehr deutlich. Damals stand die Idee im Raum, gemeinsam durch Wales zu wandern. Die spontane Reaktion lautete damals: „Müssen wir unbedingt wegfahren?“. Heute wirkt dieser Satz fast symbolisch für zwei unterschiedliche Arten, die Welt zu erleben. Gut, diese Zeiten sind vorbei, heute haben wir einen Weg gefunden, wie beide Zugänge zum Reisen kompatibel werden.

Und diese völlig unterschiedlichen Zugänge bedeuten nicht automatisch, dass der eine tiefer empfindet als der andere: Menschen, die stärker im Augenblick leben, tragen oft weniger Vergangenheit mit sich herum. Andere wiederum erleben Orte wie innere Erinnerungsschichten. Das macht Erfahrungen intensiv – manchmal vielleicht sogar überwältigend. Orte, Beziehungen und Reisen verschwinden für sie nie ganz. Sie bleiben als innere Räume erhalten.

Vielleicht ist genau das das Faszinierende am gemeinsamen Reisen:

Man sitzt im selben Fahrzeug, schaut aus denselben Fenstern – und bewegt sich doch durch zwei unterschiedliche innere Landschaften.