Eigentlich mögen wir keine Autobahnen. Man kommt zwar schnell voran, sieht aber meist wenig von der Landschaft, durch die man gerade fährt. Also versuchen wir es zunächst auf der SS 15 in Richtung Bari. Den Versuch brechen wir allerdings ziemlich schnell wieder ab. Vor uns läge ein endloses Gezuckel durch Orte und Städtchen, von einer Ampel zur nächsten.

Also doch zurück auf die Autobahn. Und ausgerechnet diese Entscheidung erweist sich als richtig: Bis Termoli ist die Autobahnstrecke landschaftlich deutlich reizvoller als die Alternative auf der Landstraße. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Landschaft und hinüber zur Adria – und wir kommen dabei auch noch erheblich entspannter voran.


Verbrannte Erde

Wir fahren durch Süditalien, und immer wieder brennen abgeerntete Felder und Böschungen. Ein Bild, das ich aus meiner Kindheit kenne.

Noch in den 60er Jahren war das auch bei uns üblich. Das Feuer sollte Unkraut beseitigen, die Asche galt als Dünger. Ich muss 13 oder 14 gewesen sein, als ich wegen einer brennenden Böschung die Feuerwehr rief – und mir damit einigen Ärger einhandelte. In der Schule, bei meinen Eltern und sogar bei der Feuerwehr. Was ich für einen Brand hielt, war für die Erwachsenen offenbar völlig normal.

Heute ist diese Praxis bei uns weitgehend verschwunden. Man verweist auf Brandgefahr, Bodenleben, Humusverlust und Luftverschmutzung. Gute Argumente.

Aber wenn wir hier durch Apulien fahre, fragen wir uns trotzdem, ob unsere heutige Sicht automatisch die richtigere ist – oder ob wir nur andere Dinge für selbstverständlich halten als die Menschen vor sechzig Jahren.

Sicher sind wir uns da nicht.

Das Abbrennen ist in Italien übrigens wie bei uns verboten. Der Unterschied zu uns ist kreative Bürokratie: Wenn man der Gemeinde das Abrennen zwei Tage vorher ankündigt, ist es erlaubt. 


Nachts auf dem Parkplatz

In Termoli angekommen, genießen wir erst einmal den Strand bei einem Cappuccino. Vom Städtchen selbst sehen wir dagegen nicht viel mehr als die hübsche Silhouette aus der Ferne.

Unser Stellplatz liegt direkt am Meer, ist allerdings nicht mehr als ein Parkplatz. Mit uns stehen dort einige andere Wohnmobile – und direkt neben uns einer dieser berüchtigten Kuschelcamper. Platz wäre eigentlich genug, trotzdem stellt er sich so dicht neben uns, dass er anschließend Schwierigkeiten hat, seine eigene Beifahrertür zu öffnen.

Was geht in solchen Leuten vor? Suchen sie die Nähe? Haben sie Angst, nachts allein zu stehen? Oder besitzen Wohnmobile eine uns bislang unbekannte magnetische Anziehungskraft? Wir werden es wohl nie erfahren.

Stellplatz in Termoli


Der nächste Halt ist Trani. Und damit erreichen wir auf dieser Reise tatsächlich zum ersten Mal ein Zwischenziel, bei dem wir nicht nur übernachten oder eine Pause einlegen, sondern uns auch aufmachen, die Stadt zu erkunden.

In den Gassen von Trani


Eine Kathedrale am Meer

Und dann ist da natürlich die Kathedrale von Trani. Sie steht nicht irgendwo eingezwängt in der Altstadt, sondern unmittelbar am Meer, auf einem freien Platz am Rand des historischen Zentrums. Schon diese Lage macht sie außergewöhnlich: der helle Stein, dahinter das Blau der Adria und daneben der hohe, schlanke Glockenturm.

Die Cattedrale di San Nicola Pellegrino entstand im 12. und 13. Jahrhundert und gilt als eines der bedeutendsten Beispiele der apulischen Romanik. Gebaut wurde sie aus dem für die Gegend typischen, sehr hellen Kalkstein, der je nach Licht beinahe weiß oder leicht rosafarben wirkt. Ein bisschen erinnert sie uns in ihrer Lage an die deutlich größere König-Hassan-Moschee in Casablanca, die wir vor ein paar Monaten besucht hatten.

Fast noch beeindruckender als ihre Größe ist ihre Schlichtheit. Die Fassade kommt ohne den Überfluss späterer Kirchenbauten aus, und auch im Inneren wirkt vieles erstaunlich klar und zurückgenommen. Unter der eigentlichen Kirche liegen zudem ältere Kirchenräume und die Krypta – die Kathedrale ist gewissermaßen in mehreren Schichten über ihrer eigenen Geschichte entstanden.

Am schönsten ist sie aber vielleicht gar nicht als kunsthistorisches Bauwerk, sondern als Teil dieses Ortes. Wenn am Abend das Licht weicher wird und hinter der Kathedrale unmittelbar das Meer beginnt, versteht man ziemlich schnell, warum sie zum Wahrzeichen von Trani geworden ist.

Cattedrale di San Nicola Pellegrino in Trani


Das ruhige Getümmel von Trani

Sonntagabend in Trani. Rund um den Hafen beginnt die Passeggiata. Hübsch hergerichtete Frauen flanieren mit ihren ebenso herausgeputzten Männern an den Bars und Restaurants entlang, Familien sind unterwegs, man trifft Bekannte, bleibt stehen, redet ein wenig und zieht irgendwann weiter.

Es ist voll – und trotzdem wirkt nichts hektisch. Eher wie ein ruhiges Getümmel. Niemand scheint irgendwohin zu müssen, niemand läuft mit dem Blick auf die Uhr durch die Menge. Man ist einfach da, schaut, wird gesehen, trifft sich und genießt den Abend.

Natürlich gehen auch wir zuhause sonntags mal spazieren. Aber meist gehen wir eine Runde, wandern oder verabreden uns mit jemandem. Hier scheint das Flanieren selbst eine gesellschaftliche Verabredung zu sein. Man geht zum Hafen, weil die anderen auch dort sind.

Wir sitzen eine Weile da und schauen diesem Treiben zu. Und irgendwann denken wir beide dasselbe: Schade eigentlich, dass wir eine solche Tradition bei uns nicht haben.

Abendstimmung am Hafen von Trani


Die letzten Kilometer nach Bari

Die Fahrt weiter in Richtung Bari gehört dagegen zu den Strecken, die man ziemlich schnell wieder vergessen wird. Die Landschaft wird zunehmend flacher, die Straße zieht sich endlos geradeaus, und links und rechts gibt es nur wenig, was den Blick länger festhält. Kilometer um Kilometer vergeht, ohne dass sich viel verändert. Es wirkt teilweise trostlos und störend ist auch der Müll, der überall herumliegt – fast wie in Marokko.

Nach den abwechslungsreichen Tagen durch den Apennin ist der Unterschied ziemlich deutlich. Dort war schon die Fahrt Teil der Reise: Berge, Täler, kleine Orte, Kurven und hinter jeder Kuppe ein neuer Ausblick. Hier geht es eigentlich nur noch darum, anzukommen.

Und irgendwann ist das ja auch völlig in Ordnung. Nicht jede Strecke einer Reise muss ein Erlebnis sein. Manchmal darf eine Straße einfach nur die Verbindung zwischen zwei interessanteren Orten sein. Zumal Bari für uns diesmal ohnehin weniger Ziel als Übergang ist. Am späten Abend fahren wir auf die Fähre, am nächsten Morgen sollen wir in Durrës wieder herunterfahren. Dann liegt Italien hinter uns – und vor uns Albanien.

Nach zehn Tagen Anreise beginnt damit eigentlich erst die Reise, deretwegen wir aufgebrochen sind.