Thouars – eine stille Stadt über dem Fluss

Thouars ist eine beschauliche Stadt über dem Fluss Vienne. Die meisten Touristen dürften sie übersehen – ein Ort, der eher entdeckt als besucht werden möchte.

Schon bei einem ersten Spaziergang wird deutlich: Thouars ist kein Ort für Massentourismus. Anstelle von Souvenirläden und Reisegruppen prägen schmale Gassen, alte Steinmauern und ruhige Plätze das Bild – hier leben „richtige“ Menschen. Die Häuser wirken, als hätten sie ihre Geschichten einfach weitergetragen, ohne sich für Besucher besonders herauszuputzen. Auffällig sind Gassen, in denen sich einst Geschäfte befanden; heute sind die Schaufenster leer und die Geschäfte wirken verwaist.

Zwei eindrucksvolle Kirchen prägen die Stadt: die mittelalterliche Église Saint-Laon, die mit dem Hotel de Ville, das im 19. Jhd. angebaut wurde einen Komplex bildet, und die Église Saint-Médard de Thouars. Letztere gehört zu den ältesten Bauwerken der Stadt und stammt in ihren Ursprüngen aus dem Mittelalter. Die von hier abgehenden Gassen wirken wie aus einer anderen Zeit.

Thouars ist unspektakulär und gleichzeitig schön. Ein Zwischenstopp, der zeigt, wie viel Charme französische Kleinstädte haben können, wenn sie nicht versuchen, spektakulär zu sein.

Südlich von Thouars wandelt sich die Landschaft allmählich. Hügel, Felder und die ohnehin schon spärlichen Wälder weichen einem immer weiter, flacheren und offeneren Land. Auf dem Weg nach Royan prägen plötzlich Wasser, Gräben und weitläufige Wiesen das Bild.

Diese Landschaft, das Marais, gehört zu den bedeutenden Marsch- und Niederungsgebieten Westfrankreichs. Das Gelände liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und wird von einem dichten Netz aus Kanälen, Entwässerungsgräben und kleinen Wasserläufen durchzogen. Die Felder erstrecken sich wie große grüne Teppiche, durchzogen von schnurgeraden Linien aus Wasser.

Wer schon einmal die Niederlande bereist hat, wird hier an die dortige Landschaft erinnert. Auch hier wurde das Land über Jahrhunderte hinweg entwässert, geordnet und landwirtschaftlich nutzbar gemacht. Wind, Wasser und Himmel prägen das Landschaftsbild – nicht Berge oder Wälder.


Royan – Wiederaufbau in Beton

Royan präsentiert sich auf den ersten Blick anders als viele traditionelle Küstenstädte Frankreichs. Der Grund dafür liegt in seiner bewegten Geschichte: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt nahezu vollständig zerstört und in den 1950er-Jahren in einem einzigartigen, aber nicht weniger faszinierenden modernen Stil wiederaufgebaut.

Das wohl beeindruckendste Bauwerk dieser Zeit ist die Église Notre-Dame de Royan. Diese Kirche ist ein Monument des Nachkriegsmodernismus und entfaltet ihre ganze Pracht erst beim Betreten.

Von außen wirkt die Konstruktion eher wie eine futuristische Skulptur als wie eine klassische Kirche. Trotz der Monstrosität der Betonarchitektur, die mittlerweile etwas in die Jahre gekommen ist, mag man sich zunächst etwas abgestoßen fühlen. Im Inneren offenbart sich jedoch das Besondere: Die Linienführung der Betonarchitektur, die sich wie Rippen zu einem spitzen Gewölbe zusammenfügen, und das Spiel des Lichts. Farbige Glasflächen ziehen sich entlang der Seitenwände und tauchen den Raum in gedämpfte, warme Töne. Dadurch verliert der rohe Beton seine Härte und erhält eine überraschend einladende Atmosphäre.

Kaum Schmuck, kaum Ablenkung – alles konzentriert sich auf Höhe, Licht und Struktur. Fast erinnert das an eine gotische Kathedrale. So entsteht eine stille, fast meditative Atmosphäre, die perfekt zu dieser außergewöhnlichen Kirche des Wiederaufbaus passt.

Die Kirche verkörpert das neue Royan: eine Stadt, die nach ihrer Zerstörung nicht versuchte, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern den Mut besaß, einen modernen und radikalen Neubeginn zu wagen. Wiederaufbau muss nicht zwangsläufig von Bausünden geprägt sein, denn alles hat zwei Seiten.




Ein Land verändert sich

Seit mehr als einem halben Jahrhundert fahren wir immer wieder nach Frankreich – vermutlich sind es inzwischen eher sechzig Jahre als fünfzig. Wer so lange ein Land bereist, erlebt nicht nur Landschaften, sondern auch Veränderungen.

Früher war Frankreich auf vielen Strecken noch deutlich ländlicher und ursprünglicher. Kleine Geschäfte prägten die Ortskerne, die Dörfer wirkten lebendig, und die Straßen waren oft noch schmaler (und schlechter) als heute. Man fuhr durch eine Landschaft, in der Landwirtschaft, Märkte und lokale Handwerksbetriebe den Alltag bestimmten.

Die kleinen Geschäfte sind zu einem Großteil bereits gestorben, es gibt in den Orten viel Leerstand und kleinere Orte haben überhaupt keine Geschäfte mehr. Das ist alles in die ausgedehnten Gewerbegebiete am Rande größerer Orte gezogen – hier findet man Supermärkte von einer Größe, die beeindruckt. Beieindruckend sind diese Supermärkte aber auch von innen: Das Angebot ist nicht nur quantitativ erschlagend, es ist auch qualitativ überragend. Von dieser Lebensmittelqualität gerade der frischen Waren können wir in Deutschland nur träumen. Und die Preise gerade der frischen Waren liegt deutlich unter deutschem Preisniveau.

Auch der Verkehr hatte früher seinen ganz eigenen Charakter. Auf den Straßen herrschte eine Art sympathisches Chaos. Verkehrsregeln schienen eher Empfehlungen zu sein, überholt wurde überall, und kaum ein Auto fuhr herum, das nicht irgendwo eine Beule oder eine Schramme hatte. Hupen gehörte zum Alltag, und eine gewisse Improvisation im Straßenverkehr war selbstverständlich.

Heute wirkt das alles erstaunlich diszipliniert. Man wird kaum noch überholt, die Geschwindigkeitsbegrenzungen werden meist eingehalten, und Hupen hört man fast gar nicht mehr. Stattdessen bremsen zahllose Kreisverkehre und Verkehrsberuhigungen den Verkehr aus – Frankreich ist zum Land der Kreisverkehre geworden – für Wohnmobilisten nicht unbedingt eine Freude.

Auch andere Dinge sind verschwunden. Früher gehörte der Geruch von Gauloises, Boyards oder Gitanes fast so selbstverständlich zu Frankreich wie ein Café au lait auf dem Marktplatz. Dieser ganz eigene Frankreich-Geschmack ist selten geworden – die alten Zigaretten-Sorten sowieso, die heutigen Zigaretten haben nur noch den Namen geerbt. „Les Gauloises d’aujourd’hui n’ont plus le goût d’avant.“ Der Regulationswut der EU sei dank, aber dem Verkauf des ehemaligen stattlichen Tabakkonzerns SEITA an vorwiegend amerikanische Großkonzerne.

Auffällig ist aber auch, wie aufgeräumt und gepflegt das Land inzwischen wirkt. Selbst in kleinen Orten findet man liebevoll angelegte Blumenrabatten, sauber gehaltene Straßenränder und gepflegte Plätze – nicht nur in touristischen Regionen. Müll am Straßenrand sieht man kaum noch, und viele Straßen haben heute eine Qualität, von der man in Deutschland manchmal nur träumen kann.

Frankreich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Und doch bleibt etwas gleich:das Gefühl, dass sich eine Reise durch dieses Land immer noch lohnt.