Gerade fahren wir durch Serbien. Nicht über die Autobahn, sondern über Landstraßen, durch Dörfer und kleine Städte. Und wieder sehen wir das, was uns schon auf früheren Reisen durch ehemals sozialistische Länder immer wieder erschüttert hat: kaputte Straßen, heruntergekommene Häuser, verfallene Industrieanlagen und eine Armut, die man nicht übersehen kann, wenn man bereit ist, hinzuschauen.
Wir haben das im Baltikum gesehen, in Polen und jetzt wieder auf dem Balkan. Natürlich gibt es Unterschiede. Polen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich entwickelt, und auch anderswo gibt es herausgeputzte Innenstädte, moderne Einkaufszentren und neue Wohnviertel. Aber man muss nur ein paar Kilometer hinausfahren, um eine andere Wirklichkeit zu entdecken.
Wir können weiterfahren. Sie müssen bleiben
Wir fahren durch diese Orte, schauen uns um und sind manchmal entsetzt. Aber wir können weiterfahren. Morgen stehen wir vielleicht wieder an einem schönen See, übermorgen in einer hübschen Altstadt. Wir können uns aussuchen, wo wir leben und wohin wir reisen. Die Menschen, die hier wohnen, können das oft nicht. Für sie sind diese Häuser, diese Straßen und diese wirtschaftlichen Verhältnisse keine Reiseeindrücke, sondern Alltag. Vielleicht seit ihrer Kindheit, vielleicht schon seit Generationen. Und genau das macht uns manchmal so betroffen. Wir können weiterfahren. Sie müssen bleiben.
Es sind nicht einmal die einzelnen kaputten Häuser oder Straßen, die uns so erschüttern. Es ist die Summe dieser Eindrücke. Kilometer um Kilometer fahren wir durch Ortschaften, in denen man sich fragt, wovon die Menschen hier eigentlich leben. Wie sieht ihre Zukunft aus? Welche Möglichkeiten haben ihre Kinder? Und weshalb ist es offenbar so schwer, aus diesen Verhältnissen herauszukommen?
Armut ist nicht gleich Stillstand - der Blick auf Marokko
Ähnliche Bilder haben wir übrigens auch in Marokko gesehen, einem Land, das nie sozialistisch war. Armut ist schließlich kein ausschließlich sozialistisches Phänomen. Aber etwas ist hier anders: In Marokko hatten wir trotz aller Armut immer wieder das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Dass Menschen versuchen, etwas aufzubauen, dass Neues entsteht, dass es irgendwie vorangeht. Hier auf dem Balkan, aber auch im Baltikum begegnen uns dagegen immer wieder die Spuren eines jahrzehntelangen Stillstands. Natürlich ist das ein subjektiver Eindruck, den wir auf unseren Reisen gewonnen haben. Aber er hat sich uns eingeprägt.
Und wenn wir uns fragen, ob die Einführung eines sozialistischen Gesellschaftssystems die Armut in Marokko beseitigen könnte, fällt unsere Antwort inzwischen eindeutig aus: Wir glauben es nicht. Vielleicht würde der vorhandene Wohlstand anders verteilt. Aber würde deshalb mehr Wohlstand entstehen? Hätten die Menschen bessere Lebensbedingungen und mehr Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten? Genau daran haben wir inzwischen erhebliche Zweifel.
Und genau das ist es, was uns auf diesen Reisen immer wieder beschäftigt: Wie schafft man eine Gesellschaft, in der nicht nur die Verteilung des Wohlstands gerechter wird, sondern in der überhaupt erst die Voraussetzungen entstehen, dass möglichst viele Menschen ein gutes Leben führen können?
Albanien – wenn jeder auf sich selbst gestellt ist
Albanien war für uns noch einmal eine andere Hausnummer. Das Land gehörte schon zu sozialistischen Zeiten zu den ärmsten Europas. Unter Enver Hoxha wurde es über Jahrzehnte nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Anfang der 1990er-Jahre brach dieses System zusammen.
Aber was kam danach? Auf unserer Reise hatten wir immer wieder den Eindruck, dass der allmächtige Staat zwar verschwunden ist, an seine Stelle aber vielerorts keine verlässlichen staatlichen Strukturen getreten sind. Da wird gebaut, wo und wie es gerade möglich erscheint, da werden Geschäfte eröffnet, Straßen und Grundstücke irgendwie genutzt, und jeder versucht, für sich das Beste herauszuholen. Ob das alles irgendwelchen Regeln entspricht, scheint zumindest nach unserem Eindruck häufig zweitrangig zu sein.
Man kann darin durchaus einen bemerkenswerten Überlebenswillen und viel Eigeninitiative erkennen. Aber man sieht eben auch die Kehrseite: fehlende Planung, mangelnde Verlässlichkeit und eine öffentliche Infrastruktur, die mit der privaten Geschäftstüchtigkeit vielerorts nicht Schritt hält.
Vielleicht ist das eine der bittersten Hinterlassenschaften der Hoxha-Diktatur: Ein Staat, der seinen Bürgern jahrzehntelang nahezu alles vorgeschrieben hat, hinterließ nach seinem Zusammenbruch eine Gesellschaft, in der sich viele Menschen vor allem auf sich selbst verlassen. Der sozialistische Traum von einer großen Menschheitsgemeinschaft ist hier längst ausgeträumt.
Unterschiedliche Wege, enttäuschte Hoffnungen
Fast vier Jahrzehnte sind seit dem großen politischen Umbruch in den ehemals sozialistischen Ländern vergangen. Und noch immer begegnen uns auf diesen Reisen die Spuren eines Systems, das einmal angetreten war, eine bessere und gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Dabei sind die die Entwicklungen der baltischen und der Balkan-Länder nicht deckungsgleich:
Die Entwicklung der ehemals sozialistischen Länder verlief keineswegs überall gleich. Gerade die baltischen Staaten haben seit ihrer Unabhängigkeit erhebliche Fortschritte gemacht, Estland sticht dabei besonders hervor. Aber auch hier haben wir abseits der großen Städte Armut und Verfall gesehen, die uns erschüttert haben.
Besonders verstörend war für uns der Besuch in Narva, unmittelbar an der russisch-estnischen Grenze. Hier wurden uns die tiefen Gräben zwischen den Bevölkerungsgruppen bewusst. Von der einst beschworenen sozialistischen Völkerfreundschaft ist wenig geblieben. Im Gegenteil: Die jahrzehntelange sowjetische Herrschaft hat Gegensätze hinterlassen, die bis heute nachwirken. Auch das gehört für uns zur ernüchternden Bilanz eines Gesellschaftssystems, das einmal versprochen hatte, nationale und ethnische Unterschiede zu überwinden.
Auf dem Balkan ist die Geschichte eine andere. Josip Broz Tito hatte in Jugoslawien einen eigenen Weg zum Sozialismus eingeschlagen, der sich deutlich vom sowjetischen Modell unterschied. Aber auch hier sollte eine neue Gesellschaft entstehen, in der die Menschen ungeachtet ihrer nationalen und ethnischen Herkunft zusammenleben konnten. Solange Tito lebte, schien das zumindest einigermaßen zu funktionieren. Doch nach seinem Tod brachen die alten Gegensätze zunehmend wieder auf. Wirtschaftliche Krisen, Nationalismus und politische Machtkämpfe führten schließlich zum Zerfall Jugoslawiens und zu den verheerenden Kriegen der 1990er-Jahre.
Wir wollen damit nicht behaupten, dass der Sozialismus allein für diese Kriege verantwortlich war. Aber auch hier ist ein großes gesellschaftliches Versprechen letztlich nicht eingelöst worden. Und wenn wir heute durch Serbien fahren, begegnen uns noch immer die Folgen dieser Geschichte.
Wenn die eigenen Überzeugungen ins Wanken geraten
Das alles macht uns nachdenklich. Und es zwingt uns, auch unsere eigenen früheren Überzeugungen infrage zu stellen.
Denn wir beide kommen aus einer traditionell linken Ecke. Wir sind Kinder unserer Zeit, aufgewachsen mit der Vorstellung, dass die Welt veränderbar ist. Dass gesellschaftlicher Reichtum gerechter verteilt werden muss. Dass jeder Mensch ein Recht auf ein gutes Leben hat, unabhängig von seiner Herkunft und seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Wir haben an diese Ideale geglaubt. Und vieles davon halten wir auch heute noch für richtig. Aber wenn wir heute durch diese Länder fahren, wenn wir sehen, was von den großen Versprechen geblieben ist, dann kommen wir nicht umhin, auch unsere eigenen früheren Überzeugungen infrage zu stellen.
Das ist keine angenehme Erkenntnis. Schließlich gesteht man sich nicht gerne ein, dass man sich in etwas, woran man einmal geglaubt hat, möglicherweise grundlegend geirrt hat. Denn mit dem Abschied von diesen Überzeugungen verabschiedet man sich auch von einem Stück seiner eigenen Lebensgeschichte.
Wir gehören zu einer Generation, die eimal glaubte, die Welt verändern zu können. Und vielleicht haben wir sie sogar ein kleines bisschen verändert. Wir haben gesellschaftliche Autoritäten infrage gestellt, gegen Ungerechtigkeit protestiert und uns eine Welt gewünscht, in der nicht Herkunft, Besitz und Beziehungen darüber entscheiden, welche Chancen ein Mensch bekommt.
Das waren keine schlechten Träume. Im Gegenteil. Wir halten sie auch heute noch für richtig. Aber vielleicht haben wir damals zu wenig darüber nachgedacht, was passiert, wenn aus dem Wunsch nach einer besseren Gesellschaft ein politisches System wird, das für sich beansprucht, allein zu wissen, wie diese Gesellschaft auszusehen hat.
Aber das, was wir auf unseren Reisen sehen, ist ganz sicher nicht das, was wir uns damals vorgestellt haben. Natürlich wäre es zu einfach, den heutigen Zustand dieser Länder ausschließlich dem Sozialismus anzulasten. In Jugoslawien kamen die Kriege der 1990er-Jahre hinzu, der damit verbundene wirtschaftliche Zusammenbruch, die Korruption und politische Fehlentwicklungen. Und auch die Jahrzehnte nach dem Sozialismus haben keineswegs überall Wohlstand und Gerechtigkeit gebracht – immerhin sind seither fast vierzig Jahre vergangen.
China – Wohlstand durch Kommunismus?
Wer über das Scheitern sozialistischer Gesellschaftsentwürfe spricht, bekommt früher oder später China als Gegenbeispiel genannt. Schließlich regiere dort seit 1949 die Kommunistische Partei, und in den vergangenen Jahrzehnten hätten Hunderte Millionen Menschen den Weg aus bitterster Armut gefunden. Ist China also der Beweis dafür, dass der Sozialismus doch funktioniert?
Man muss sich nur anschauen, wie China vor seinem wirtschaftlichen Aufstieg aussah. Unter Mao Zedong wurde das Land nach sozialistischen Vorstellungen umgestaltet. Landwirtschaft und Industrie wurden kollektiviert, die Wirtschaft zentral geplant. Am Ende sind infolge politischer Fehlentscheidungen Millionen von Menschen verhungert.
Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas begann erst, als sich das Land unter Deng Xiaoping ab 1978 von wesentlichen Grundsätzen dieser Planwirtschaft verabschiedete.
Die Kommunistische Partei blieb an der Macht, aber private wirtschaftliche Initiative wurde zugelassen, Märkte wurden geöffnet, ausländische Unternehmen investierten, und China entwickelte sich zur Werkbank der Welt.. Aber der Wohlstand entstand nicht durch eine konsequentere Verwirklichung der sozialistischen Planwirtschaft, sondern gerade durch deren schrittweise Abkehr zugunsten von Marktwirtschaft und Kapitalismus.
China ist deshalb kein Beweis für den Erfolg des Sozialismus. Eher zeigt seine Geschichte, welches wirtschaftliche Potenzial freigesetzt werden kann, wenn man Menschen und Unternehmen mehr Raum für eigene Entscheidungen lässt.
Und sie zeigt auch, welchen furchtbaren Preis Menschen bezahlen können, wenn politische Führer glauben, sie könnten wirtschaftliche Wirklichkeit durch ideologische Überzeugungen ersetzen.
Gute Absichten machen noch keine gute Gesellschaft
Und so bleibt eine unbequeme Erkenntnis, die uns ehemals links verorteten Menschen weh tut: Die sozialistischen Systeme haben ihre großen Versprechen nicht eingelöst. Teilweise sogar im Gegenteil.
Man kann Wohlstand nicht einfach von oben per Fünfjahresplan verordnen. Man kann wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht durch politische Beschlüsse ersetzen. Und man kann eine gerechte Gesellschaft nicht mit dem Holzhammer von oben erzwingen. Am Ende wurde vielerorts nicht der Wohlstand gerechter verteilt, sondern der Mangel. Am Ende stand nicht Wohlstand für alle, sondern Armut für Alle. Und während die große Mehrheit mit diesem Mangel leben mussten, konnte sich eine kleine politische Elite ihre ganz eigenen Privilegien schaffen. Wandlitz lässt grüßen.
Vielleicht ist das die bitterste Erkenntnis unserer Reisen: Gute Absichten allein machen noch keine gute Gesellschaft. Und die Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, schützt nicht vor katastrophalen Irrtümern.
Neue Ideale, alte Fehler?
Und manchmal fragen wir uns, ob wir dabei sind, ähnliche Fehler erneut zu machen. Diesmal unter anderen politischen Vorzeichen. Nehmen wir die grüne Politik. Auch sie beruft sich auf große, durchaus berechtigte Ideale: die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, verantwortungsvoller mit unseren Ressourcen umgehen, unseren Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen. Wer wollte das nicht?
Aber auch hier begegnet uns zunehmend die Vorstellung, man könne eine Gesellschaft nach einem politisch entworfenen Idealbild umgestalten. Man müsse nur die richtigen Gesetze erlassen, die richtigen Dinge verbieten, die richtigen Verhaltensweisen fördern und andere möglichst unattraktiv machen. Dann werde sich die Gesellschaft schon in die gewünschte Richtung entwickeln.
Wir haben inzwischen erhebliche Zweifel an solchen Vorstellungen. Nicht an den Zielen, wohl aber an der Überzeugung, man könne gesellschaftliche Veränderungen von oben durchsetzen, ohne ausreichend zu berücksichtigen, wie Menschen tatsächlich leben, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten sie haben und welche Folgen politische Entscheidungen für ihren Alltag besitzen.
Vielleicht wird man auch in einigen Jahrzehnten auf manche heutigen politischen Gewissheiten zurückblicken und sich fragen, wie man so sicher sein konnte, den richtigen Weg zu kennen.
Denn eine Gesellschaft ist kein Baukasten, den man nach einer politischen Gebrauchsanweisung zusammensetzen kann. Sie besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Möglichkeiten, Interessen und Vorstellungen von einem guten Leben. Wer das übersieht, riskiert, dass aus gut gemeinten Zielen Ergebnisse werden, die niemand gewollt hat.
Fahrt hin und schaut selbst!
Deshalb würden wir all jenen, die noch immer glauben, man müsse nur die richtigen politischen Ideen haben, um eine bessere Gesellschaft schaffen zu können, gerne etwas sagen:
Fahrt einmal in diese Länder, die man einst, getrieben von einer Ideologie und überzeugt von den eigenen guten Absichten, zu besseren Gesellschaften machen wollte. Aber nehmt nicht die in der Regel gut ausgebaute Autobahn. Besucht nicht nur die großen Städte mit ihren renovierten Fassaden, schicken Restaurants und modernen Einkaufszentren - hier unterscheiden sich diese Länder nur marginal von dem, was wir in Deutschland (noch) haben.
Fahrt auf den kleinen Straßen über das Land. Schaut euch die Dörfer an, die kleinen Städte, die ehemaligen Industriegebiete. Schaut hin, wie die Menschen dort leben. Und fragt euch, weshalb der Abstand zu unserem Wohlstand auch nach so vielen Jahrzehnten noch immer so groß ist.
Vielleicht werdet ihr dann verstehen, weshalb wir inzwischen so skeptisch geworden sind, wenn uns jemand verspricht, beim nächsten Versuch, eine neue, bessere Gesellschaft zu schaffen, werde alles anders. Wir haben unseren Wunsch nach einer gerechteren Welt nicht aufgegeben. Aber wir haben den Glauben verloren, dass sich eine bessere Welt nach einem politischen Masterplan gestalten lässt – ganz gleich, aus welcher ideologischen Ecke er kommt.
Die Träume sind geblieben
Vielleicht ist das auch eine Erkenntnis des Älterwerdens. Mit zwanzig glaubt man noch, auf die großen Fragen der Gesellschaft große Antworten finden zu können. Mit über siebzig ist man vorsichtiger geworden.
Wir wissen heute sehr viel besser, was alles nicht funktioniert. Aber wissen wir deshalb auch, wie es besser gehen könnte?
Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es die eine große Lösung nicht gibt. Dass eine gerechtere Gesellschaft nicht durch einen großen politischen Entwurf entsteht, sondern durch viele kleine Veränderungen, durch Freiheit, Verantwortung, wirtschaftliche Möglichkeiten und einen Staat, der seinen Bürgern dient, statt ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.
Unsere Träume von einer gerechteren Welt sind geblieben. Nur die Gewissheit, zu wissen, wie man sie verwirklichen könnte, ist uns abhandengekommen.
