Vom Campingplatz aus beginnt unser Tag mit leicht frostigen Temperaturen. Die Nacht war kalt, und die klare, frische Luft passt perfekt zu dieser eher rauen Berglandschaft. Wir setzen unsere Reise Richtung Grenze zwischen Kastilien und Extremadura fort. Hinter dem Pass schlängelt sich die Straße in unzähligen Serpentinen talwärts – eine lange, kurvige Abfahrt, Terrassenlandschaft mit Obstplantagen rechts und links der Straße.

Unten angekommen, öffnet sich das Jerte-Tal, und die Atmosphäre wird plötzlich milder. Die Hänge sind hier vom Kirschanbau geprägt. Hier sollen sich 1.000.000 Kirschbäume rechts und links an den Hängen erstrecken. Ende März bis Anfang April ist Blütezeit, und die Hänge sind wie mit weißem Puder bestäubt.

Als wir durch die Stadt Jerte fahren, staunen wir über Straßenbäume, in denen tatsächlich Orangen und Zitronen hängen. Für Ende März erscheint uns das zunächst seltsam. Doch es ist offenbar nicht ungewöhnlich: In Spanien bleiben Zitronen bis in den Frühling hinein an den Bäumen, teils sogar bis Mai, und auch andere Zitrusfrüchte können noch lange sichtbar hängen bleiben.


Estremadura

Unser nächstes Ziel ist der Parque Nacional de Monfragüe. Das große Wahrzeichen dort ist das Castillo de Monfragüe, das hoch über der Landschaft thront. Wir beschließen, hinaufzulaufen, brechen den Anstieg aber auf halber Strecke ab – uns fehlen schlicht die Kräfte. Beeindruckend sind jedoch die über dem aufgestauten Rio Tajo kreisenden Gänsegeier. Es soll 800 Brutpaare in dieser Gegend geben. Mit ihrer Spannweite von fast drei Metern wirken sie in der Luft fast schwerelos. Sie nutzen die Thermik, steigen langsam auf und ziehen dann in weiten Kreisen über die Landschaft. Kein Flügelschlag zu viel. Alles wirkt ruhig, fast mühelos – und gleichzeitig unglaublich kraftvoll.

Es lohnt sich, sich eine ARTE-Dokumentation über die Wiederansiedelung der Geier anschauen: Die schwierige Rückkehr der Geier

Geierfelsen und Castillo de Monfragüe


Die Extremadura überrascht uns. Obwohl der Name übersetzt „extrem trocken“ bedeutet, präsentiert sich die Landschaft vor uns in sattem Grün. Wasserflächen glitzern zwischen den Hügeln und verleihen der Region eine fast üppige Anmut. Kaum zu glauben, dass hier im Sommer alles austrocknet und die Hitze das Bild komplett verändert.

Was auf den ersten Blick wie halbwilde Natur wirkt, ist in Wahrheit eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft. Locker stehende Steineichen verleihen dem Ganzen etwas Parkartiges. Unter ihnen weiden Rinder, Schafe, Ziegen – und vor allem die iberischen Schweine, für die diese Landschaft wie geschaffen ist.

Die Eichen spielen dabei eine entscheidende Rolle: Sie spenden Schatten und liefern die Eicheln, von denen sich die Schweine im Herbst ernähren. Daraus entsteht der berühmte Jamón Ibérico, der hier allgegenwärtig ist. Die Bäume selbst werden kaum genutzt, sondern bilden vielmehr das Fundament eines fein abgestimmten Systems, das diese ruhige, weite Landschaft trägt.

Dieser Kontrast macht die Extremadura so einzigartig: Im Moment ist sie grün und fast sanft, doch man spürt, dass sie im Sommer ihr ganz anderes, viel härteres Gesicht enthüllt.

Endlose Steineichenwälder


Nachts stehen wir in Serrajon auf einem der vielen kostenlosen Stellplätze, die Spanien zu bieten hat. Zu dieser Jahreszeit sind nur wenige Plätze belegt. Die Geschichten von überfüllten Stellplätzen an der Küste, die man von WoMO-Überwinterern hört, treffen hier einfach nicht zu. Diese kostenlosen Stellplätze sind unterschiedlich gut ausgestattet, aber Apps wie park4night und Campercontact bieten detaillierte Informationen vorab. Eine weitere App, die sich an die britische Zielgruppe richtet und daher hierzulande weniger bekannt ist, ist searchforsites. Sie listet einige Plätze auf, die in den anderen Apps nicht zu finden sind, ist aber leider ohne Abo nicht zu nutzen - einen Versuch mag diese App aber wert sein.


Mérida, ein Zwischenstopp auf unserer Reise, erfüllte unsere Erwartungen nicht wirklich. Die Stadt ist zweifellos geschichtsträchtig und beeindruckt mit ihren römischen Ruinen. Bei uns wollte jedoch der Funke nicht überspringen. Vielleicht lag es an der Müdigkeit des Reisetages oder daran, dass wir nach den weiten Landschaften und stillen Orten der Extremadura plötzlich wieder in einer etwas touristischer geprägten Stadt waren. Insgesamt blieb Mérida für uns ein Ort, den man abhaken kann, ohne dass er einen nachhaltig beeindruckt. So wurde Mérida weniger ein Höhepunkt als vielmehr eine praktische Station auf dem Weg weiter nach Süden.

Merida: Zwischen römischer und maurischer Geschichte


Llerena ist ein charmantes, eher unscheinbares Städtchen, das sich nicht in den Vordergrund drängt. Gerade diese Unaufgeregtheit verleiht dem Ort eine angenehme Atmosphäre. Wer hier anhält, findet keinen spektakulären Touristenmagneten, sondern eine gewachsene Kleinstadt mit ruhigem Flair und einem Hauch alter Bedeutung. Von was die Leute hier leben, ist uns unklar – es gibt hier außer Feldern und vielleicht ein paar Olivenhaine nicht viel, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen könnte.

Besonders rund um die Plaza de España zeigt Llerena eine gewisse Eleganz: Arkaden, weiß getünchte Häuser und die markante Kirche Nuestra Señora de la Granada verleihen dem Ort mehr Präsenz, als man zunächst vermuten würde. Ein gut angelegter und kostenloser Stellplatz macht Llerena zu einem sehr angenehmen Zwischenstopp. Zwar kein Ort, für den man einen großen Umweg fahren muss, aber einer, an dem man gerne für eine Nacht verweilt.

Llerena: Unscheinbare Schönheit


Andalusien

Wir fahren weiter über Minas de Riotinto bis nach El Álamo, wo wir einen Waschtag einlegen. Solche Pausen sind auf langen Reisen unerlässlich. Anschließend geht es weiter in Richtung Arcos de la Frontera, das malerisch über der Landschaft thront und in der Nähe eines der zahlreichen Stauseen dieser Region liegt.

In Minas de Riotinto hätte ich mir einen längeren Aufenthalt gewünscht, da ich in einer vom Bergbau geprägten Umgebung aufgewachsen bin und das Thema Bergbau mein Innerstes tief geprägt hat. Die Gegend gilt als eines der ältesten Bergbauzentren Spaniens, in dem seit Jahrhunderten vor allem Kupfer im großen Stil gefördert wird. Die Landschaft wirkt an manchen Stellen fast unwirklich, rot, karg und von den Eingriffen des Bergbaus gezeichnet. Bedauerlicherweise verpassen wir den Aussichtspunkt auf das tiefe Loch, das der Tagebau hinterlassen hat und fahren nur durch. Schade eigentlich, denn genau solche Orte verleihen einer Reise oft eine ganz eigene Note.


Zwischen Arcos de la Frontera und Los Barrios führt die Route durch eine einzigartige Landschaft Andalusiens: den Naturpark Los Alcornocales. Hier prägen, anstatt trockener Weite, dichte Korkeichenwälder, enge Täler, und überraschend grüne Hänge, aber auch Stauseen das Bild. Die Gegend wirkt stellenweise fast wie ein kleiner Bergwald – rau, still und deutlich kühler als das Andalusien-Klischee vermuten lässt. Diese unerwartet üppige Landschaft macht die Strecke so reizvoll, auch wenn die Straße sehr kurvig und teilweise in extrem schlechtem Zustand ist.

Los Barrios ist der letzte Stellplatz vor der Schifffahrt nach Marokko. Es gibt noch ein paar Dinge zu erledigen: Eine eSIM muss eingerichtet werden, um in Marokko das Internet zu nutzen zu können und mobil erreichbar zu sein, ohne hohe Roamingkosten zu riskieren. Das nette Schmankerl nebenbei: Stellplatznachbarn, die gerade aus Marokko zurückkamen, haben uns eine noch funktionierende marokkanische SIM-Karte geschenkt – so haben wir nun beides: eSIM und physische SIM (was es damit auf sich hat, erklären wir im nächsten Blogbeitrag). Außerdem musste die Fähre für den nächsten Tag gebucht werden – was dank DirectFerry völlig unkompliziert ist.

Endlose Berglandschaften: Parc los Alcornales


ELEFAND: Safety first

Und dann noch eine Formalität: Angesichts der aktuellen, nervösen und unberechenbaren Weltlage haben wir uns entschieden, uns mit dem ELEFAND-Portal des Auswärtigen Amtes zu befassen und dort anzumelden. Auch wenn manche dies vielleicht für übertrieben halten, erschien es uns sinnvoll - wer weiß, wo wir hängen bleiben, weil plötzlich Energielockdown ist oder die Tankstellen keinen Diesel mehr haben. Die Zeiten sind irre.

Gerade bei Wohnmobilreisen gibt es keine feste Adresse, kein Hotel und oft nicht einmal eine klar festgelegte Route. Man ist ständig unterwegs, heute hier, morgen dort. Genau das macht diese Art des Reisens aus, bedeutet aber im Ernstfall auch, dass man schwer auffindbar ist.

ELEFAND bietet hier zumindest ein kleines Sicherheitsnetz. Man hinterlegt grob, dass man sich im Land aufhält, wie man erreichbar ist und dass man flexibel reist. Man kann sogar getrackt und im Notfall gefunden werden. Mehr braucht es im Grunde nicht. Im Krisenfall kann die deutsche Botschaft so gezielter informieren oder Kontakt aufnehmen.

Natürlich ist ELEFAND keine Versicherung und keine Rundum-Absicherung. Aber für ein paar Minuten Aufwand ist es eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme. Gerade auf einer längeren, frei geplanten Wohnmobilreise durch Marokko erschien uns das sinnvoll. Nicht aus Angst, sondern einfach, weil es klug ist, im Hintergrund einen kleinen Notanker zu haben.