Durch Safranland und Stein – unterwegs nach Agdz

Von Tafraoute aus fahren wir über Taliouine in Richtung Hoher Atlas. Unser Zwischenziel ist Agdz, wo wir auf einem Campingplatz übernachten, der einer Oase gleicht und voller Wohnmobiltouristen ist, die hier in einer Gruppe angereist sind. Wir hatten uns solche Angebote auch angesehen, aber erstens sind die Preise für geführte Touren recht hoch, und zweitens kann man Marokko auch hervorragend unabhängig erkunden. Drittens sind wir keine Fans dieser meist bildungsbürgerlich geprägten Angebote – nicht nur in Marokko.

Die Fahrt von Taliouine nach Agdz führt auf einer Höhe von 1600 bis 1800 Metern zunächst durch ein breites Tal, in dem Safran angebaut wird. Taliouine ist das Zentrum des Safran-Anbaus in Marokko, doch zu dieser Jahreszeit ist leider noch nicht viel davon zu sehen. Die Berge rechts und links sind rau, trocken, steinig und nahezu baumlos. Ihre Kahlheit ermöglicht einen guten Blick auf die Verwerfungslinien, die sich über die Jahrmillionen gebildet haben.

Hinter Tazenakht wird die Landschaft noch schroffer, und die Straße windet sich über einen Pass. Kurz vor dem Pass liegt die Bou Azzer Mine, ein Kobaltbergwerk.


Bou Azzer – das unscheinbare Herz aus Kobalt

Wer durch den Anti-Atlas reist, lernt schnell, die Landschaft zu lesen. Fels, Geröll, staubige Ebenen und vereinzelte Dörfer prägen das Bild dieser kargen Welt. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hier einer der ungewöhnlichsten Rohstoffe der Welt gefördert wird.

Und doch liegt hier, fast überraschend, das Bergwerk von Bou Azzer Mine. Wer an Bergbau denkt, stellt sich meist gewaltige Tagebaue, riesige Maschinen und Fördertürme vor, die sich wie Kathedralen der Industrie in den Himmel recken. In Bou Azzer findet man keine große Inszenierung, keine monumentalen Anlagen. Stattdessen verstreute Eingänge in den Fels, ein paar Gebäude, staubige Pisten, Lastwagen, die kommen und gehen, und eine Landschaft, die alles sofort wieder verschluckt. Immerhin sieht man drei Fördertürme.

Das eigentliche Geschehen spielt sich jedoch etwa 200 bis 600 Meter unter der Erde ab. Unter den Füßen zieht sich ein verzweigtes System aus Stollen in mehreren Sohlen durch das Gestein. Kein geometrisches Raster, sondern ein organisches Geflecht, das den schräg verlaufenden Erzadern folgt. Hier wird Kobalt gewonnen – und das ist die eigentliche Besonderheit. Während Kobalt weltweit meist nur als Nebenprodukt anfällt, ist es in Bou Azzer der Hauptgrund für den Bergbau. Ein seltener Fall.

Der Weg des Gesteins nach draußen ist ebenso unspektakulär wie effizient: über Rampen, durch Tunnel, auf Loren oder mit kleinen Maschinen. Vieles wirkt beinahe handwerklich. Diese Anpassung an die Geologie ermöglicht jedoch erst den Betrieb. Man sieht Halden aus „taubem Gestein“, aufgeschüttet wie kleine Hügel. Ihre grünliche Farbe wirkt fast künstlich in der sonst so homogenen Landschaft.

Bou Azzer ist für die Region von großer Bedeutung. Die Grube bietet Arbeitsplätze, Infrastruktur und einen regelmäßigen Geldfluss in einer Gegend mit wenigen wirtschaftlichen Alternativen. Als größter Arbeitgeber der Region bietet sie 1200 bis 1300 Menschen eine wichtige Existenzgrundlage.

Bou Azzer ist kein klassisches Touristenziel. Es ist kein Highlight, sondern ein Ort, den man entdeckt – wenn man hinschaut. Und der dann mehr erzählt, als es auf den ersten Blick scheint: über Rohstoffe, über Arbeit und über die Verbindung zwischen einer abgelegenen Landschaft und den Dingen, die unseren Alltag bestimmen.

Bou Azzer Mine


Zwischen Oase und Kulisse

Die Weiterfahrt führt uns durch das schluchtenartige Draâ-Tal, das sich weit draußen, dort, wo die Landschaft allmählich in die Sahara übergeht, erstreckt und sich über Hunderte von Kilometern bis nach Ouarzazate zieht. Die gut ausgebaute N6 folgt diesem Band aus Leben und Stein: felsige Hänge, enge Passagen – und dazwischen immer wieder überraschend üppige Streifen aus Palmenhainen und kleinen Lehmdörfern, die sich wie grüne Adern durch die Trockenheit ziehen.

Ouarzazate selbst ist kein Muss. Die Stadt wirkt groß, geschäftig, stellenweise fast beliebig. Ihr touristischer Schwerpunkt liegt klar bei den Filmstudios, in denen zahlreiche bekannte Produktionen entstanden sind – nicht umsonst trägt sie den Beinamen „Hollywood Afrikas“. Für uns bleibt das eher Nebensache. Wir ziehen es vor, weiterzufahren, statt uns durch Kulissen zu bewegen, die für andere Geschichten geschaffen wurden.

Und doch hat Ouarzazate seine Bedeutung: als Ausgangspunkt. Von hier aus verzweigen sich die Routen in einige der eindrucksvollsten Landschaften des Landes – etwa in die Dadès- oder die Todra-Schlucht. Ein Ort zum Ankommen vielleicht weniger. Aber einer, von dem aus vieles beginnt.

Stellplatz in Quarzazate


Draâ-Tal


Zwei Schluchten, zwei Charaktere – Dadès und Todra

Wir haben keinen festen Reiseplan. Ein Bildungsbürger würde sich angesichts unserer Planlosigkeit vermutlich die Haare raufen. Aber wir sind nicht in der Lage und auch nicht willens, ganz Marokko in zwei Wochen abzuarbeiten. Wir sind hier, um das Land zu erleben, nicht um Highlights abzuhaken. Also lassen wir uns treiben und entscheiden von Tag zu Tag. Nur eines steht fest: Ende Mai wollen wir wieder zuhause sein.

Ganz ohne Ziele sind wir aber doch nicht unterwegs. Zwei Orte haben wir uns vorgenommen: die Dadès-Schlucht und die Todra-Schlucht im Hohen Atlas.

Als erstes fahren wir in die Dadès-Schlucht. Und schon nach den ersten Kilometern wird klar, dass diese Entscheidung richtig war. Hinter Boumalne Dadès beginnt sich die Straße langsam in die Berge hinaufzuschrauben. Was zunächst noch unscheinbar wirkt, verändert sich schnell: Die Schlucht wird enger, die Felswände rücken näher zusammen, die Straße beginnt zu steigen. Kurve um Kurve eröffnet sich ein neues Panorama.

Dann kommen die Serpentinen. Diese fast ikonischen Schleifen, die sich in engen Windungen den Hang hinaufziehen, sind nicht nur ein beliebtes Fotomotiv, sondern auch ein kleines Fahrerlebnis. Dazu diese eigenwilligen Felsformationen, rund geschliffen, fast weich wirkend, als hätte jemand sie modelliert. Und mittendrin immer wieder grüne Inseln: Palmenhaine, kleine Felder, Lehmdörfer, die sich farblich kaum von der Landschaft abheben.

Wir fahren bis M’Semrir und lassen es dort sein. Ab hier wird die Strecke deutlich rauer und ist eher etwas für echte Geländewagen. Allradantrieb und passende Reifen hätten wir zwar, aber die Bodenfreiheit unseres Grand California setzt Grenzen. In solchen Momenten geht Vernunft vor Ehrgeiz. Wie sich im Nachhinein herausstellt, war unsere Sorge völlig unbegründet.

Die Dadès-Schlucht ist kein Ort, den man einfach abhakt. Sie ist kein einzelner Aussichtspunkt, sondern eine Landschaft, die sich über viele Kilometer hinweg langsam entfaltet.

Am nächsten Tag geht es weiter zur Todra-Schlucht – und der Unterschied ist sofort spürbar. Während die Dadès-Schlucht von ihrer Länge und ihrem Wandel lebt, konzentriert sich die Todra-Schlucht auf einen Moment: einen engen, fast dramatischen Durchbruch mit senkrecht aufragenden Felswänden, die teils mehrere hundert Meter hoch sind und nur einen schmalen Streifen Himmel übrig lassen. Leider wimmelt es hier nur so von Touristen, die teilweise mit ganzen Buskolonnen angekarrt werden. Wir fahren durch, halten nur am Ende des engen Teils kurz an, um wenigstens diesen einen Blick mitnehmen zu können, und sind froh, als wir danach wieder unsere Ruhe auf der Straße haben – die Straße ist spektakulär genug. Spätnachmittags landen wir in Tamtattouchte, einem eher unscheinbaren Ort am oberen Ende des Todra-Tales.

Trotzdem: Beide Schluchten gehören zusammen – und doch erzählen sie zwei ganz unterschiedliche Geschichten.

Dades-Schlucht


Todra-Schlucht


Die RN12: Weniger Mythos, mehr Realität

Die Strecke von Tamtattouchte nach El Ksiba ist bekannt für ihre anspruchsvollen Bedingungen, insbesondere den Pass in über 2600 m Höhe. Es wird oft von einer schwierigen und teilweise nur mit Allrad befahrbaren Strecke berichtet. Entsprechend vorsichtig gingen wir an die Fahrt heran. Die Realität zeigte sich jedoch etwas anders.

Die RN12 ist keine Offroad-Route, sondern eine ganz normale marokkanische Bergstraße. Sie ist durchgängig befahrbar, überwiegend asphaltiert, weist aber die typischen Merkmale marokkanischer Straßen auf: wechselnde Qualität. Gut fahrbare Abschnitte wechseln sich mit Schlaglöchern und Flickarbeiten ab. Diese erfordern zwar Aufmerksamkeit, aber kein spezielles Fahrzeug.

Die oft erwähnten „kritischen Stellen“ relativieren sich vor Ort. Zwei oder drei Wasserdurchfahrten liegen auf der Strecke, beide unspektakulär und lediglich mit nassen Reifenprofilen endend. Kein Grund zur Sorge, eher eine Randnotiz.

Was die Strecke wirklich auszeichnet, ist nicht ihre Schwierigkeit, sondern ihre Länge und die atemberaubende Landschaft. Sie ist keine Strecke, die man einfach „wegfährt“. Sie erfordert Zeit, Geduld und die Bereitschaft, ein langsames Vorankommen zu akzeptieren. Kurven, enge Abschnitte und wechselnde Fahrbahnbeläge – nichts Dramatisches, aber in der Summe spürbar.

Die RN12 ist keine Strecke für Eile. Wer sie fährt, sollte nicht versuchen, sie zu „bewältigen“, sondern sie einfach so nehmen, wie sie ist. Die spektakuläre Landschaft macht alle Schwierigkeiten wieder wett. Was zunächst wie ein Problem erscheint, entpuppt sich schnell als das, was es wirklich ist: eine lange, ruhige Passage durch den Atlas. Die Route lebt weniger von spektakulären Höhepunkten als von ihrer Kontinuität. Im Rückblick wird deutlich, dass viele Straßen in Marokko im Vorfeld schwieriger erscheinen, als sie es tatsächlich sind. Nicht, weil sie perfekt wären, sondern weil man sich schnell an ihre Eigenheiten gewöhnt.


Hoher Atlas: Über den Pass

Wir fahren hinauf auf den Tizi n’Tirherhouzine, einen Pass, der vielleicht nicht durch einen einzigen Aussichtspunkt besticht, sondern durch seine gesamte Länge. Kurve um Kurve, Höhenmeter um Höhenmeter, bis man schließlich merkt: Es geht hier nicht nur nach oben, sondern in eine andere Welt. Die eigentliche Passstraße erstreckt sich über fast 40 Kilometer von Agoudal nach Aït Hani.

Im Gegensatz zum weiten, fast meditativen Anti-Atlas präsentiert sich der Hohe Atlas als enge, dichte und dramatische Landschaft. Die Berge stehen nicht nebeneinander, sondern fallen geradezu übereinander her. Tiefe Täler schneiden sich ein, steile Hänge brechen ab, und die Straße wirkt oft wie ein schmaler Kompromiss zwischen Fels und Abgrund. Der Grand Canyon ist auch nicht spektakulärer, und oft kommt uns der Gedanke: So ähnlich muss es im Himalaya sein, nur nicht ganz so hoch. Vielleicht stehen diese Länder ja auch noch auf unserem zukünftigen Routenplan…

Mit jedem Kilometer, den wir uns nach oben schrauben, verändert sich die Landschaft. Unten noch trocken und staubig, verwandelt sie sich plötzlich in kargen, schroffen Fels. Später, auf dem Rückweg talwärts, tauchen erste grüne Flecken und kleine Felder auf, die sich an die Hänge klammern. Dazwischen liegen Dörfer, die aussehen, als hätten sie sich einfach aus dem Berg heraus entwickelt – gebaut aus dem Material, das gerade zur Hand war. Oft sind es einfache Lehmhäuser, bei denen das verbaut wurde, was verfügbar war. Und manchmal thront auf dem Dach eine aufwändige Photovoltaikanlage.

Im Vergleich dazu wirkt der Mittlere Atlas fast beschaulich. Weite Flächen, Wälder, sanfte Hügel und Seen prägen die Landschaft. Man durchquert ihn, ohne dass er einen wirklich fordert. Hier oben hingegen hat man das Gefühl, dass jede Straße, jede Naturlandschaft, ja sogar jeder Atemzug hart erkämpft wurde.

Der Anti-Atlas, durch den wir zuvor gefahren sind, erscheint plötzlich wie eine ferne Erinnerung. Die offenen Flächen, die weichen Linien, die Ruhe – all das scheint hier keinen Platz zu haben. Der Hohe Atlas ist kein Gebirge, das man einfach durchquert. Er verlangt nach Langsamkeit, nach genauerem Hinsehen, nach einem Eintauchen in seine raue Schönheit.

Oben auf dem Pass angekommen, ist die Aussicht eher unspektakulär. Kein großes Finale, kein „Jetzt bist du da“-Moment. Eher ein kurzer Stillstand, ein Moment des Durchatmens, ein Gespräch mit einem weit gereisten Motorradfahrer. Und dann geht es weiter – auf der anderen Seite hinunter, zurück in eine Landschaft, die sich erneut verändert. Vielleicht ist das das Wesen des Hohen Atlas: Er ist kein Ziel, sondern eine Erfahrung, die man durchlebt.

Von Agoudal nach El Ksiba


Betteln in Marokko

Die sozialen Ungleichheiten in Marokko sind deutlich spürbar und treten oft unmittelbarer zutage als in Mitteleuropa. Es gibt eine wohlhabende Oberschicht, einen wachsenden Mittelstand mit Lebensverhältnissen, die denen in Mitteleuropa ähneln, und gleichzeitig einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung, der am Rande des Existenzminimums lebt. Offiziell gelten etwa 15 Prozent als arm – eine Zahl, die sich besonders im ländlichen Raum, in den Hohen Atlas oder in den abgelegenen Regionen entlang der algerischen Grenze, konkretisiert.

Dort wird Armut sichtbar – nicht abstrakt, sondern in ihrer ganzen Härte. Einfache Behausungen, fehlende Infrastruktur und Menschen, die sich mit Gelegenheitsjobs, kleinen Dienstleistungen oder dem Verkauf von Kleinigkeiten über Wasser halten, prägen das Bild. In den Städten hingegen liegen diese Welten oft nebeneinander: Wohlstand und Mangel, manchmal nur durch eine Straße getrennt.

Für Reisende zeigt sich diese Realität häufig in Form von Bettelei. Menschen sprechen einen an, bieten Souvenirs an, helfen ungefragt beim Einparken oder treten als selbsternannte Guides auf. Besonders schwierig kann die Situation werden, wenn Kinder involviert sind. Sie stehen am Straßenrand, versuchen Fahrzeuge zum Anhalten zu bewegen, und reagieren manchmal ungehalten, wenn sie ignoriert werden.

Diese Situation kann irritierend sein und erfordert eine klare Haltung. Unsere Erfahrung vor Ort hat gezeigt, dass Klarheit entscheidend ist. Wer sich auf jede Ansprache einlässt, gerät schnell in Situationen, aus denen er sich nur schwer wieder lösen kann. Ein freundliches, aber bestimmtes Ablehnen – notfalls auch ein klares „Nein“ – hilft, Grenzen zu setzen. Gleichzeitig gibt es Begegnungen, die anders sind: zurückhaltender, leiser, weniger fordernd. In solchen Momenten entsteht oft ein intuitives Gefühl dafür, wann Hilfe angebracht ist – und dann geben wir auch etwas.

Was bleibt, ist ein ambivalentes Gefühl. Denn so nachvollziehbar individuelle Gesten auch sind, sie ändern nichts an den strukturellen Problemen. Besonders bei Kindern wird das deutlich. Sie brauchen keine eingeforderten „Cadeaux“, sondern Perspektiven: Zugang zu Bildung, verlässliche Strukturen, echte Zukunftschancen. Eine allgemeine Schulpflicht, wie wir sie kennen, ist in Marokko zwar gesetzlich vorgesehen, wird aber längst nicht überall konsequent umgesetzt und gerade auf dem Land oder in abgelegenen Gebieten gibt es viele Kinder, die nicht länger als zwei, drei Jahre zur Schule gehen – man merkt es oft an der Unfähigkeit vieler Marokkaner, einfachste Rechenaufgaben zu lösen.

Vielleicht lässt sich die Situation mit den zahlreichen Straßenhunden im Land gut vergleichen: Man kann einzelnen helfen, doch das grundlegende Problem bleibt bestehen. Es lässt sich nicht durch spontane Entscheidungen am Straßenrand lösen, sondern erfordert langfristige Entwicklungen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch.

Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Reisende: zwischen unmittelbarer Begegnung und dem Bewusstsein, dass die eigentlichen Lösungen an anderer Stelle liegen. Nein, und das sind nicht die Rechtfertigungen mehr oder weniger wohlhabender Touristen, die ein Land bereisen, das über weniger materiellen Ressourcen verfügt. Es ist die Forderung nach politischer Gestaltung – und zwar durch die Marokkaner selbst.