… und eine Bedarfsrechnung für den neuen Holzfußboden, basierend auf einer Skizze mit den genauen Maßen. Am Ende kauften wir zehn Kisten Holzfliesen zu viel. Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht und uns auf die Berechnung von ChatGPT verlassen. Das kommt davon, wenn man sein Gehirn auslagert.
Was also machen mit zehn Kisten überzähliger Holzfliesen? Wir bringen sie zu unserer jüngeren Tochter, die in Hamburg lebt und damit ihren Balkon neu gestalten kann. Eine pragmatische Lösung – insbesondere, wenn man sie mit einer Wohnmobiltour verbinden kann.
So wurde daraus eine ziemlich abwechslungsreiche Runde durch Deutschland: vom Edersee über Hildesheim nach Hamburg, an der Elbe entlang durchs Wendland und schließlich über den Mittellandkanal, den Thüringer Wald, die Rhön und den Spessart zurück Richtung Heimat. Vor allem aber wurde es wieder eine Woche, die ich gemeinsam mit meiner Tochter unterwegs sein konnte.
Es muss nicht immer Albanien, Marokko oder Frankreich sein. Manchmal reichen eine Woche, eine grobe Richtung und die Erkenntnis, dass es auch zwischen Heidelberg und Hamburg genügend Orte gibt, an denen man gerne noch einen Tag länger geblieben wäre.
Wie gesagt: Ich war wieder mit meiner Tochter unterwegs – jener, die aufgrund ihrer Behinderung nicht einfach mal so in Eigenregie in den Urlaub fahren kann. Solche Reisen haben für uns inzwischen ihren ganz eigenen Rhythmus. Wir müssen keine großen Abenteuer erleben und keine Sehenswürdigkeiten abhaken. Wir fahren los, schauen uns etwas an, essen irgendwo ein Eis, sitzen morgens oder abends vor oder im Wohnmobil und ziehen am nächsten Tag weiter.
Und manchmal fahren wir auch einfach viel zu lange Auto. Aber dazu später.
Erste Station: Meineringhausen
Von Heidelberg ging es zunächst nach Meineringhausen, in die Nähe des Edersees. Meineringhausen kennt vermutlich kein Schwein. Das ist natürlich etwas ungerecht, aber gleichzeitig Teil seines Charmes. Früher verlief hier die Ederseebahn, heute ist aus der ehemaligen Bahntrasse ein Radweg geworden. Und etwas abseits liegt ein ruhiger, gepflegter Stellplatz, an dem nicht besonders viel passiert.
Genau richtig also.
Das sind ohnehin oft die Plätze, die uns beim Reisen mit dem Wohnmobil am besten gefallen. Nicht unbedingt jene, die in jedem Reiseführer stehen, sondern die eher zufälligen Zwischenstationen. Orte, an denen man am Abend ankommt und feststellt: Hier können wir bleiben.




Meineringshausen
Hildesheim – mit falschen Bildern im Kopf
Weiter ging es nach Hildesheim.
Mit der Stadt hatte ich zunächst ein kleines Problem: Ich hatte mir vorher ein anderes Bild von ihr gemacht. Wahrscheinlich hatte ich Fachwerk, alte Häuser und historische Straßenzüge erwartet – und dann standen wir zunächst vor ziemlich viel Nachkriegsarchitektur. Die 1950er-Jahre haben in deutschen Städten bekanntlich Spuren hinterlassen, über deren Schönheit man geteilter Meinung sein kann.
Doch Hildesheim erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick - insbesondere, wenn man von der falschen Himmelsrichtung aus in die Innenstadt läuft. Je länger wir unterwegs waren, desto mehr Ecken fanden wir aber, die uns gefielen. Spätestens am historischen Marktplatz war meine anfängliche Enttäuschung verflogen. Und im unvergleichlichen Café Tortenkönig wurden wir anschließend bestens versorgt.
Vielleicht ist das ohnehin eine der angenehmen Seiten solcher Reisen: Man kann seine Erwartungen mit der Wirklichkeit abgleichen. Und meistens gewinnt die Wirklichkeit.




Hildesheim
Hamburg – diesmal ein wenig außerhalb
Unser nördlichstes Ziel war Hamburg. Dort lebt unsere andere Tochter, die hier als Psychologin arbeitet, und natürlich war das Treffen mit ihr einer der Gründe für diese Reise.
Unser Stellplatz lag außerhalb, wunderbar im Grünen – ruhig genug, dass man beinahe vergessen konnte, wie nah die Großstadt war. Hamburg selbst haben wir uns trotzdem nicht entgehen lassen. Tochter treffen, ein wenig durch die Stadt, bei Globetrotter vorbeischauen und eine kleine Schiffchenfahrt auf der Alster. Viel mehr Großstadtprogramm brauchten wir gar nicht.
Ich mag Hamburg. Aber irgendwann reicht mir auch Hamburg. Dann bin ich froh, wenn wir wieder draußen sind, die Landschaft genießen können (und davon hat Hamburg erstaunlich viel), die Tür des Wohnmobils hinter uns schließen und es ruhig wird.




Ein wenig Hamburg
Der Elbe entlang
Für den Rückweg wählten wir nicht einfach die schnellste Strecke Richtung Süden. Autobahnen mag ich ohnehin nicht besonders: Man sieht wenig von der Landschaft, und brauchbare Cafés findet man dort auch nicht – dafür jede Menge schreckliche Raststätten.
Also ging es zunächst an der Elbe entlang. Eine Landschaft, die sich hervorragend für das langsame Reisen eignet. Fluss, Deiche, kleine Orte – und immer wieder die Möglichkeit, einfach irgendwo abzubiegen und zu schauen, was dort kommt.
Anschließend führte uns die Route durch das Wendland. Eine Gegend, die für viele noch immer untrennbar mit Gorleben, Anti-Atom-Protesten und den gelben Kreuzen verbunden ist, landschaftlich aber eine ganz eigene Ruhe besitzt. Schon damals hatte diese Region etwas von einem Fluchtort für Menschen, die mit dem gesellschaftlichen Mainstream nicht allzu viel anfangen konnten – Leute, die heute vielleicht nach Schweden oder sonst wohin auswandern würden.
Von dort ging es weiter zum Mittellandkanal bei Haldensleben. Auch so ein Ort, den wir vermutlich niemals gezielt für einen Jahresurlaub ausgesucht hätten. Aber genau dafür liebe ich das Wohnmobil: Man muss nicht überall Urlaub machen. Man kann einfach irgendwo sein. Für einen Abend, für eine Nacht, für einen Spaziergang.
Und am nächsten Morgen geht es weiter.




Stellplatz am Jachthafen Haldersleben
Und dann kam die Gewalttour
Bis dahin war die Reise angenehm gemächlich gewesen. Nun wollten wir Richtung Fulda – in meine alte Heimat. Und irgendwie entstand daraus eine jener Etappen, bei denen man sich hinterher fragt, weshalb man sich das eigentlich angetan hat.
Siebeneinhalb Stunden Fahrt.
Mit dem Wohnmobil.
Das kann man machen. Man muss es aber nicht unbedingt wiederholen.
Natürlich sind sieben Stunden Autofahrt keine Expedition zum Südpol. Aber sie passen eigentlich nicht zu der Art, wie wir inzwischen gerne mit dem Wohnmobil unterwegs sind - wir sind eigentlich keine Kliometerfresser. Der Grand Cali ist für uns gerade kein Mittel, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Er erlaubt uns das Gegenteil: unterwegs zu sein, ohne ständig irgendwo ankommen zu müssen.
Manchmal hält man sich allerdings selbst nicht an diese Erkenntnis.




Relikte eines misslungenen Gesellschaftsversuchs in Sondershausen
Wieder einmal: Es braucht gar nicht viel
Nach einer Woche waren wir wieder zurück. Keine spektakuläre Fernreise, keine exotischen Landschaften, keine wochenlange Tour durch halb Europa: Heidelberg, Meineringhausen, Hildesheim, Hamburg, Elbe, Wendland, Haldensleben, Fulda – und wieder nach Hause.
Und trotzdem war es eine richtige Reise – vielleicht sogar gerade deshalb.
Ich genieße diese kleinen Wohnmobiltouren mit meiner Tochter. Wir haben Zeit miteinander, erleben etwas gemeinsam und müssen dabei gar nicht ständig Programm machen. Das Wohnmobil gibt uns dafür einen wunderbar unkomplizierten Rahmen. Unsere Sachen sind dabei, unser Bett ist dabei, die Küche ist dabei – und wenn uns ein Ort gefällt, bleiben wir. Wenn nicht, fahren wir weiter.
Das ist vermutlich eine der wichtigsten Erkenntnisse, seit wir dieses Auto haben: Reisen beginnt nicht erst tausend Kilometer von zu Hause entfernt. Manchmal genügt eine Woche. Und jemand, mit dem man sie gerne verbringt.

Rastplatz am Main bei Obernburg
