Zwischen Schnee, Serpentinen und Weltuntergang
Die Rückfahrt durch Frankreich beginnt überraschend winterlich. Kaum haben wir die Grenze überquert, fallen die Temperaturen nachts auf minus fünf Grad. Die Dächer des kleinen Dorfes, in dem wir stehen, sind am Morgen leicht mit Schnee gepudert. Ein Hauch von Wintercamping liegt in der Luft.
Von dort geht es über eine steile, aber gut ausgebaute Serpentinenstraße durch das Vallée de la Têt hinunter Richtung Prades. Rechts erhebt sich das mächtige Massif du Canigou, links ziehen sich die wilden Ausläufer der Corbières Pyrénéennes entlang. In Prades biegen wir in die Corbières Pyrénéennes ab. Genau solche Straßen lieben wir: schmal, kurvenreich, ständig wechselnde Perspektiven. Hinter fast jeder Biegung öffnen sich neue Ausblicke – manchmal reicht der Blick sogar bis hinunter zum Mittelmeer.
Mitten in dieser eigenwilligen Landschaft liegt der Pic de Bugarach, an dem wir allerdings nur vorbeifahren. Ein markantes Loch im Felsen macht ihn schon von weitem unverwechselbar. Ansonsten wirkt er zunächst wie viele andere Berge der Pyrenäen. Und doch haftet ihm eine eigentümliche Geschichte an.
Am 21. Dezember 2012 endete ein Zyklus des Maya-Kalenders – und für manche Menschen bedeutete das weit mehr als nur ein astronomisches Datum. Eine kleine Szene aus Esoterikern, Weltuntergangspropheten und UFO-Gläubigen war überzeugt, ausgerechnet der Pic de Bugarach werde die durch das Ende des Zyklus bevorstehende Apokalypse überstehen. Im Berginneren, so hieß es, warteten außerirdische Raumschiffe darauf, die „Auserwählten“ zu retten.
Die französischen Behörden nahmen die Sache ernst genug, um sich auf einen möglichen Ansturm vorzubereiten. Journalisten aus aller Welt reisten an. Fernsehteams standen in den engen Dorfstraßen, Reporter warteten auf Außerirdische, Sekten oder wenigstens auf irgendeine Form von Weltuntergangsstimmung. Am Ende geschah: praktisch nichts.
Das verschlafene Dorf war vor allem mit Kamerateams überfüllt, während die große Schar fanatischer Endzeitpilger weitgehend ausblieb. Gerade dadurch wurde die Geschichte fast noch absurder – ein kleines Lehrstück darüber, wie Medienhype sich manchmal selbst erzeugt und verstärkt. Womit wir dann schnell bei anderen kollektiven und durch die Medien befeuerten Hysterien der vergangenen Jahre wären – aber das ist ein anderes Thema.



Fahrt durch die Pyrenäen
Zwischen Weinbergen und Felsen
Tautavel ist eines dieser kleinen südfranzösischen Dörfer, die auf den ersten Blick fast verschlafen wirken – eingebettet in eine bergige Weinbaulandschaft, umgeben von Felsen, Reben und schmalen Straßen. Und doch lebt der Ort noch: Es gibt immerhin noch eine kleine Bar (die in vielen anderen kleinen Orten bereits verschwunden ist), einen kleinen Supermarkt und ein zwei oder drei Friseurläden – Dinge, die aus vielen kleinen Orten längst verschwunden sind.
Besonders mögen wir den kleinen Campingplatz am Ortsrand, auf dem wir inzwischen bereits zum zweiten Mal stehen. Kein perfektionierter Tourismusbetrieb, sondern ein Platz mit herzlicher Atmosphäre, perfekt geführt und schön angelegt. Der Empfang fühlte sich fast an wie ein Wiedersehen mit Freunden – und genau solche Orte bleiben auf Reisen in Erinnerung.





Tautavel: Ruhiger Weinort vor den Pyrenäen
Zwischen Altstadt und Canal du Midi
Dann geht es weiter in Richtung Norden, wir wollen in etwa zwei Wochen wieder zuhause sein. Béziers ist auf den ersten Blick vielleicht nicht so bekannt wie andere Ziele im Süden Frankreichs, hat aber genau diese angenehme Mischung aus südfranzösischem Alltag, Geschichte und Gelassenheit. Solche Orte mögen wir auf Reisen besonders: Städte, die interessant sind, ohne sich touristisch aufzudrängen – und in denen man einfach ein wenig treiben lassen kann.
Die Altstadt von Béziers erhebt sich sichtbar über dem Fluss Orb und wirkt mit ihren engen Gassen, kleinen Plätzen und alten Fassaden angenehm lebendig, ohne überlaufen zu sein. Über allem thront die mächtige Kathedrale Saint-Nazaire, die man schon von weitem sieht und die der Stadt eine fast wehrhafte Silhouette verleiht. Von oben öffnen sich schöne Blicke über die Dächer der Stadt bis hinein in die Landschaft des Languedoc.
Besonders reizvoll ist die Nähe zum berühmten Canal du Midi, der sich ruhig an der Stadt vorbeizieht. Hausboote liegen vor Anker und alles wirkt ein wenig entschleunigt. Die berühmten Schleusenanlagen von Fonseranes zeigen dabei eindrucksvoll, welche Ingenieursleistung dieser historische Kanal einmal war, heute dient er nur noch dem gehobenen Bootstourismus.
Sehr angenehm ist auch der gepflegte Stellplatz der Stadt, der sich hervorragend als Zwischenstopp eignet. Ruhig, ordentlich und gleichzeitig nah genug, um sowohl die Altstadt als auch den Canal du Midi bequem erkunden zu können – wenn man bereit ist, eine 3/4 Stunde bis in die Altstadt zu laufen…






Beziers zwischen Mittelmeer und französischem Binnenland.
Die Ruhe vor dem Sturm
Barjac wirkt in diesen Tagen angenehm entspannt. Das kleine Städtchen am Rand der Ardèche-Region hat enge Gassen, begrenzt von Natursteinhäusern mit dem Charme des gepflegten Verfalls, kleine Plätze und genau diese südfranzösische Atmosphäre, die irgendwo zwischen Gelassenheit und Morbidität liegt.
Noch sind vergleichsweise wenige Touristen unterwegs, einige Menschen sitzen ruhig vor Restaurants oder schlendern ohne Eile durch die Altstadt. Allerdings lässt angesichts der Zahl der Restaurants gut erahnen, was hier in der Hochsaison los ist. Insofern sind wir froh, dass wir zu Zeiten reisen können, in denen noch nicht so viel Betrieb ist.
Die nahe Ardèche trägt bis heute den Ruf eines wilden, ursprünglichen Landstrichs – Schluchten, Flüsse, kleine Bergdörfer und endlose Kastanienwälder. Doch diese Ursprünglichkeit hat im Laufe der Jahrzehnte deutliche Kratzer bekommen. Bereits in den 1970er Jahren wurde die Region von der deutschen, besonders der südhessischen Alternativ- und Aussteiger-Szene entdeckt: Künstler, Hippies, Möchtegern-Bohemiens und naturbewegte Großstädter suchten hier das einfache Leben fernab der deutschen Ordnung. Gerade die linksintellektuelle Szene Frankfurts – noch bevor Figuren wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit bundesweit bekannt wurden – träumte von der Ardèche, lange bevor später die Toskana zum stilvollen Sehnsuchtsort des deutschen Bildungsbürgertums avancierte. Viele blieben, kauften verfallene Steinhäuser oder alte Gehöfte und prägten die Region mit.
Was einst ein abgelegener Landstrich war, entwickelte sich dadurch Schritt für Schritt zu einer touristisch aufgeladenen Sehnsuchtslandschaft. Heute wechseln sich charmante Ursprünglichkeit und inszenierte Provence-Romantik oft beinahe nahtlos ab. Vielleicht wirkt Barjac gerade deshalb außerhalb der Saison so angenehm: Für einen kurzen Moment scheint hier noch etwas von jener alten Ruhe durch, bevor im Sommer wieder die große Urlaubskulisse aufgebaut wird.




Barjac: Unweit der Ardeche
Hinab in und durch die Tarn-Schlucht
Nächstes Ziel sind die Gorges du Tarn. Am Ende der Schlucht soll es einen kleinen, fast schon verwunschenen Campingplatz geben, wurde uns unterwegs erzählt – einer dieser Orte, die man eher zufällig entdeckt und dann nicht mehr vergisst.
Die Fahrt dorthin führt wie so oft über schmale, kurvenreiche Straßen durch die Cevennen. Wälder, Felsen und einsame Hochflächen wechseln sich ab, der Verkehr wird immer weniger und irgendwann hat man das Gefühl, sich langsam aus der normalen Welt herauszudrehen. Die Landschaft wirkt rau und abweisend, selbst im späten Frühjahr noch überraschend kühl. Vielleicht liegt genau darin ihre Faszination. Michael erinnert sich jedenfalls noch gut an eine Wanderung vor Jahrzehnten: Damals war er um Pfingsten mehrere Tage auf dem GR-10 unterwegs und wollte eigentlich bis nach Carcassonne laufen. Doch die Nächte in den Höhenlagen waren so kalt und unwirtlich, dass er die Tour schließlich abbrechen musste – eine Erfahrung, die bis heute geblieben ist.
Irgendwann beginnt plötzlich der eigentliche Abstieg: Rund elf Kilometer windet sich die Straße steil hinunter ins Tal. Hinter fast jeder Kurve öffnet sich der Blick ein wenig weiter auf die Schlucht – schroffe Felswände, tief unten der Fluss und dazwischen diese eigentümliche Stille, die große Landschaften manchmal ausstrahlen. Bereits die Anfahrt wirkt hier wie ein Teil des eigentlichen Reiseziels.
Wir wenden uns nach Norden und durchfahren die Gorges du Tarn, in deren Nähe wir bereits am Vorabend übernachtet hatten. Die Tarn-Schlucht zählt neben den Gorges de l’Ardèche zu den bekanntesten Schluchten Südfrankreichs – und beide sind auf ihre Weise überwältigend.
Der Unterschied liegt vor allem in der Perspektive: Die Ardèche-Schlucht erlebt man meist von den hoch über dem Fluss verlaufenden Panoramastraßen aus, mit weiten Blicken hinab in die Tiefe. Die Tarn-Schlucht dagegen durchfährt man unmittelbar am Wasser. Die schmale Straße folgt dem Flusslauf durch die Talsohle, windet sich vorbei an steilen Kalkfelswänden und verschwindet immer wieder in kurzen, direkt in den Fels gehauenen Tunneln. Kleine Dörfer kleben an den Hängen, Kanufahrer treiben unten auf dem grün schimmernden Wasser dahin, und hinter fast jeder Kurve öffnet sich eine neue Szenerie.
Je weiter wir nach Norden kommen, desto rauer und stiller wirkt die Landschaft. Schließlich beginnt der lange, spektakuläre Anstieg hinauf in Richtung Cantal – hinaus aus den mediterranen Felslandschaften und hinein in die weiten, vulkanisch geprägten Höhen der Auvergne.



Durch die Georges du Tarn
Herb, weit und fast vergessen
Das Cantal ist eine der stillsten und am dünnsten besiedelten Regionen Frankreichs – eine Landschaft aus alten Vulkanbergen, weiten Hochebenen, dunklen Wäldern und kleinen Dörfern, die wirken, als hätte die Zeit hier irgendwann beschlossen, langsamer zu werden.
Das Faszinierende am Cantal ist weniger das einzelne spektakuläre Motiv als die Atmosphäre der gesamten Region. Keine große Inszenierung, keine mondänen Orte, kaum Touristenströme – stattdessen endlose Weiden, graue Natursteinhäuser, verstreute Bauernhöfe und Straßen. Gerade deshalb wirkt diese Gegend so authentisch.
Dabei ist das Cantal geologisch eigentlich ein Gigant: Die gesamte Region liegt auf den Resten eines der größten Vulkane Europas. Die sanften Bergformen und tief eingeschnittenen Täler sind die Überbleibsel eines uralten Vulkankomplexes, der über Jahrmillionen von Wind, Wasser und Eis geformt wurde. Heute wirkt davon alles erstaunlich friedlich.
Je höher man kommt, desto rauer wird die Landschaft wieder. Selbst Anfang Sommer kann hier oben noch ein kalter Wind über die Hochflächen ziehen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Cantal bis heute etwas Ungezähmtes behalten hat – ein Frankreich fernab der perfekten Postkartenkulissen der Provence oder der touristischen Betriebsamkeit der Ardèche. Eher still. Herb. Und gerade deshalb wunderschön.
Ein eiserner Riese über dem Tal
Eher zufällig kommen wir am Viaduc de Garabit vorbei – selbst aus der Entfernung wirkt dieses Bauwerk fast unwirklich. Mitten in der weiten Landschaft des Cantal spannt sich plötzlich diese riesige rote Stahlkonstruktion über das Tal der Truyère, elegant und zugleich ungeheuer massiv.
Das ist nicht einfach irgendeine Brücke. Der Viadukt wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und stammt tatsächlich von der Firma von Gustave Eiffel – also jenem Ingenieur, dessen Name später untrennbar mit dem Eiffelturm verbunden wurde. Vier Jahre Bauzeit (mit den damaligen Mitteln) – heutige Ingenieure sollten vor Scham erblassen.
Faszinierend war der Moment, als wir uns fragten, ob die Bahnstrecke überhaupt noch genutzt wird. Alles wirkt fast ein wenig museal, wie ein technisches Denkmal aus einer anderen Zeit. Und genau in diesem Augenblick tauchte tatsächlich ein Zug auf und fuhr langsam über das Viadukt. Für einen kurzen Moment wirkte es, als hätte jemand ein Stück Eisenbahngeschichte wieder zum Leben erweckt.



Ein bisschen Eiffelturm abseits von Paris
Unterwegs im eigenen Rhythmus
Irgendwo zwischen hohen Bäumen stehen wir am Straßenrand und machen Mittagspause. Inzwischen hat sich unterwegs ein erstaunlich fester Tagesrhythmus entwickelt. Morgens bin ich meist der Erste, der aufsteht und Espresso macht – natürlich mit frisch gemahlenem Kaffee. Während draußen langsam der Tag erwacht, schläft Sabine oft noch. Irgendwann gibt es Frühstück, und vor elf Uhr kommen wir nur selten vom Platz. Nicht selten gehören wir zu den Letzten, die abreisen.
Unterwegs folgt dann fast immer eine längere Mittagspause, oft inklusive eines kleinen Mittagsschlafs. Vorher wird irgendwo noch Kuchen, Gebäck oder irgendeine andere regionale Versuchung eingekauft – Frankreich ist schließlich kein Land, das es einem leicht macht, an einer guten Patisserie vorbeizufahren. Wobei es oft gar nicht die klassischen Patisserien sind, die uns anhalten lassen, sondern diese faszinierenden französischen Hypermarchés, in denen man sich zwischen Käsetheken, frischem Baguette und meterlangen Dessertregalen plötzlich viel länger aufhält als geplant.
Viel mehr als 180 bis 200 Kilometer am Tag schaffen wir auf diese Weise selten. Aber warum auch? Wir haben Zeit. Genau darum geht es bei dieser Art des Reisens: nicht möglichst schnell irgendwo anzukommen, sondern unterwegs zu sein. Langsam genug, damit aus einer einfachen Mittagspause am Straßenrand ein kleiner Moment wird, an den man sich später erinnert.
Heute stehen wir neben einer kleinen Kapelle in Cluis südlich von Châteauroux. Ein stiller Ort, kaum Verkehr, nur Wind in den Bäumen und irgendwo das entfernte Läuten einer Kirchenglocke. Frankreich kann selbst an unscheinbaren Orten eine Atmosphäre erzeugen, die einen für einen Augenblick vergessen lässt, wie spät es eigentlich ist.
Zwischen Renaissance, Reisebussen und verlorener Stille
Es geht weiter ins Loiretal – jene weite, sanfte Landschaft aus Flüssen, Weinbergen, kleinen Dörfern und Schlössern, die seit Jahrhunderten als Inbegriff französischer Kulturlandschaft gilt. Südlich der Loire fließt der Cher, der bei Chenonceaux in die Loire mündet. Entlang dieser beiden Flüsse reiht sich ein Schloss ans nächste: prachtvolle Renaissancebauten, ehemalige Festungen, Jagdschlösser und Landsitze des Adels. Man könnte vermutlich Wochen hier verbringen und würde trotzdem nur einen Teil davon sehen.
Vor rund 45 Jahren waren wir schon einmal hier – damals mit dem Fahrrad und deutlich weniger Menschen um uns herum. Der Tourismus wirkte damals beinahe beiläufig. Viele Schlösser erschienen eher wie etwas verschlafene Relikte vergangener Zeiten. Heute ist die Region perfekt organisiert und professionell vermarktet: große Parkplätze, Besucherzentren, Ticketshops, Reisebusse und Souvenirläden gehören inzwischen fast überall selbstverständlich dazu. Verständlich vielleicht, denn das Loiretal gehört längst zu den großen touristischen Klassikern Frankreichs – und gleichzeitig geht dabei ein Teil jener stillen Atmosphäre verloren, die wir von früher in Erinnerung haben.
In Schloss Valençay machen wir Halt. Das Schloss gilt ein wenig als kleiner Bruder von Schloss Chambord – weniger monumental, aber mit ähnlichem Anspruch an Eleganz und repräsentative Wirkung. Besonders bekannt wurde Valençay durch den Diplomaten Talleyrand, der hier im Auftrag Napoleons Gäste empfing und Politik betrieb.
Die Anlage selbst wirkt heute allerdings etwas müde. Aus dem eigentlich schön angelegten Schlosspark könnte man deutlich mehr machen. Blumenbeete sind verunkrautet, der Kräutergarten wirkt ungepflegt und manches scheint ein wenig auf Verschleiß gefahren zu werden. Schade eigentlich, denn gerade die Mischung aus klassischer Architektur, Parklandschaft und der ruhigen Lage mitten im Grünen hätte enormes Potenzial. Trotzdem entsteht ausgerechnet an diesem Tag eine ganz besondere Stimmung: Im Schloss findet eine Hochzeit statt. Frauen in schönen Kleidern, Männer teilweise in ordenbehangenen Uniformen, wie man sie in Frankreich bei offiziellen Anlässen noch häufiger sieht. Irgendwie wirkt das fast wie eine Szene aus einem historischen Film.
Für einen Moment passt plötzlich alles zusammen – das Schloss, die französische Eleganz, die leichte Patina der Anlage und dieses Gefühl, dass hier Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen. Trotz aller kleinen Enttäuschungen bleibt der Besuch deshalb lohnenswert – schon allein wegen der Atmosphäre dieser alten französischen Schlosswelt, die trotz aller Kommerzialisierung immer noch ihren ganz eigenen Reiz besitzt.




Schloss Valençay: Chambord in klein
Zwischen Erinnerung und Gegenwart
Das Loiretal besuchten wir schon vor vielen Jahren einmal – damals mit dem Fahrrad, von Orléans bis Angers. Der Erinnerung nach nahmen wir nahezu jedes Schloss mit, das uns unterwegs „in die Quere kam“. Das Loiretal war zu jener Zeit touristisch noch weit weniger durchorganisiert als heute. Statt Reisebussen und Besucherströmen traf man eher auf einige engagierte Bildungsbürger, Individualreisende und Radfahrer. Damals konnten wir unser kleines Zelt sogar mitten im Schlosspark von Chambord aufbauen – heute kaum noch vorstellbar. Vieles wirkte noch etwas improvisierter, ursprünglicher und weniger reglementiert. Gerade darin lag ein Teil des besonderen Reizes.
Diesmal lassen wir die großen Schlösser allerdings bewusst links liegen. Die Schwerpunkte dieser Reise lagen anderswo – in den einsamen Landschaften des Hohen Atlas, den Pyrenäen oder den stillen Regionen Zentralfrankreichs. Das Loiretal wird diesmal eher durchfahren als bereist. Vielleicht kommen wir eines Tages noch einmal gezielt zurück, doch die inzwischen enorme Touristendichte hält uns momentan ein wenig davon ab.
Das Loiretal selbst beeindruckt heute vor allem durch seine kulturelle und historische Bedeutung – weniger durch spektakuläre Landschaften. Nach den wilden Gebirgsräumen der vergangenen Wochen wirken die weiten Ebenen entlang der Loire beinahe sanft und gleichförmig. Die Loire selbst zieht breit und ruhig durch die Landschaft, vorbei an Feldern, kleinen Dörfern, alten Städten und zahllosen Zeugnissen französischer Geschichte.
Gerade diese Mischung aus Gelassenheit, Geschichte und kultivierter Landschaft macht jedoch bis heute den besonderen Charakter der Region aus. Vielleicht ist das Loiretal weniger ein Ort großer Naturspektakel als vielmehr eine Landschaft der Erinnerung – eine Gegend, die ihre Wirkung langsam entfaltet.
Rückkehr durch vertraute Landschaften
Nach den intensiven Wochen und Monaten fühlt sich die Rückfahrt durch Frankreich beinahe wie ein langsames Wiedereintauchen in eine vertraute Welt an. Hinter uns liegen die Weite des Atlantiks, die trockenen Hochebenen Spaniens, die engen Gassen marokkanischer Medinas, das Stimmengewirr orientalischer Märkte und Landschaften, die in ihrer Kargheit und Größe oft beinahe unwirklich erschienen. Nun führt die Route wieder durch Regionen, die seit vielen Jahren zu unserem persönlichen europäischen Reisegedächtnis gehören: die Champagne, Lothringen, die Vogesen und schließlich das Elsass.
Es ist eine andere Art des Reisens als noch wenige Wochen zuvor. Weniger Entdeckung, weniger Staunen über das völlig Fremde – dafür dieses eigentümliche Gefühl des Wiedererkennens. Straßen, Landschaften und Ortsbilder wirken vertraut, ohne langweilig zu werden. Gerade nach einer langen Reise verändert sich der Blick auf solche Gegenden. Vieles erscheint plötzlich geordneter, ruhiger, beinahe beruhigend. Frankreich besitzt diese Fähigkeit, selbst unspektakuläre Regionen angenehm wirken zu lassen: kleine Dörfer mit Natursteinhäusern, weite Felder, alte Kirchen, Kreisverkehre mit Blumenschmuck und jene leicht melancholische Atmosphäre vieler französischer Kleinstädte, die oft ein wenig aus der Zeit gefallen wirken.
Je weiter es nach Norden und Osten geht, desto deutlicher taucht wieder die nordbadische Heimat auf. Die Landschaft hat schon längst ihre südliche Gelassenheit verloren. Die Häuser verändern sich, die Farben werden gedämpfter, das Licht wird anders. Gleichzeitig entsteht dieses eigenartige Gefühl zwischen Heimkehr und Wehmut, das vermutlich viele Langzeitreisende kennen. Man freut sich auf zuhause – und merkt gleichzeitig, dass unterwegs inzwischen ebenfalls eine Art Zuhause entstanden ist.
Besonders deutlich wird das am Ende der Reise bei einem letzten großen Hypermarche kurz vor der deutschen Grenze. Eigentlich ist es nur ein Einkauf. Noch einmal französische Produkte in den Einkaufswagen legen, ein letztes Mal durch die riesigen Regalreihen schlendern, Käse, Wein und Baguette einpacken und dabei spüren, dass sich die Reise nun tatsächlich schließt. Solche unscheinbaren Augenblicke sind oft viel stärker mit dem Unterwegssein verbunden als große Sehenswürdigkeiten.
Rückblickend war diese mehrmonatige Reise weit mehr als nur eine Strecke durch verschiedene Länder. Spanien war für uns bereits neu und faszinierend. Marokko jedoch bedeutete noch einmal etwas völlig anderes. Ein anderer Kulturkreis, andere Gerüche, andere Geräusche, andere Vorstellungen von Ordnung, Öffentlichkeit und Alltag. Und wie wahrscheinlich viele Menschen waren auch wir nicht frei von Vorurteilen und inneren Bildern, die man mit sich herumträgt, ohne sie jemals wirklich hinterfragt zu haben.
Marokko war ohnehin der wichtigste Teil dieser Reise. Vieles von dem, was aus der Entfernung fremd oder sogar abschreckend wirkt, verliert seine Schärfe, sobald man Menschen tatsächlich begegnet. Nicht alles war einfach. Nicht alles muss man romantisieren. Aber die Offenheit, die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit vieler Begegnungen haben unsere Sicht auf das Land grundlegend verändert. Reisen relativiert. Reisen korrigiert. Und manchmal räumt Reisen auch sehr gründlich mit den eigenen Gewissheiten auf.
Vielleicht liegt genau darin einer der eigentlichen Werte des Unterwegsseins. Reisen erweitert nicht nur den geografischen Horizont, sondern oft auch den inneren. Man beginnt zu verstehen, dass die eigene Art zu leben, zu denken und die Welt zu betrachten eben nur eine von vielen möglichen Perspektiven ist.
Oder einfacher gesagt: Reisen ist Lernen fürs Leben.

Stellplatz an der Meurthe
