Székesfehérvár – eine Stadt, von der wir noch nie gehört hatten
Székesfehérvár – allein der Name ist schon eine Herausforderung. Von dieser Stadt hatten wir vorher noch nie gehört. Was allerdings wenig verwunderlich ist, denn mit Ungarn hatten wir uns bislang kaum beschäftigt. Stattdessen haben wir lieber unsere Vorurteile gepflegt. Ein ehemals sozialistisches Land und heute eine Regierung, die den offenen Konflikt mit der Eu nicht scheut – das war so ungefähr unser Ungarnbild. Dass ein Land mehr zu bieten hat als das, hätten wir eigentlich wissen müssen.
Und dann stehen wir plötzlich in Székesfehérvár, rund 60 Kilometer südwestlich von Budapest, und sind überrascht. Eine wunderschöne Altstadt mit gepflegten Häuserfassaden, kleinen Plätzen, Kirchen, Cafés und Fußgängerzonen. Alles wirkt ausgesprochen sauber und aufgeräumt (wie übrigens das ganze Land), ohne dabei steril zu sein.
Dabei hat die Stadt eine Geschichte, von der wir ebenfalls keine Ahnung hatten. Székesfehérvár, auf Deutsch Stuhlweißenburg, war im Mittelalter eine der wichtigsten Städte des Königreichs Ungarn. Hier wurden über Jahrhunderte hinweg ungarische Könige gekrönt, hier fanden Reichstage statt und hier wurden zahlreiche Herrscher begraben. Der erste ungarische König, Stephan I., ließ hier im 11. Jahrhundert eine gewaltige Basilika errichten, die später zur Krönungs- und Begräbniskirche der ungarischen Könige wurde. Von dieser Basilika ist heute allerdings kaum noch etwas übrig.
Die Stadt hat im Laufe ihrer Geschichte einiges mitgemacht – die Osmanen hatten ihr stark zugesetzt. Das heutige Stadtbild ist deshalb vor allem vom Barock geprägt.
Und dann war da noch die Sache mit Sissi. Elisabeth von Österreich wurde 1867 gemeinsam mit ihrem Mann Franz Joseph zur Königin beziehungsweise zum König von Ungarn gekrönt. Allerdings nicht hier in der alten Krönungsstadt, und auch nicht in Wien, sondern in der in Buda, dem heutigen Budapest. Die alte Krönungsbasilika von Székesfehérvár existierte zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr.
Wir belassen es weitgehend bei einem ausgedehnten Spaziergang durch die Altstadt, ein paar Fotos machen und die Atmosphäre genießen. Man muss schließlich nicht jede Kirche von innen besichtigen und jedes Museum besuchen, um eine Stadt kennenzulernen.






Eindrücke von Székesfehérvár
Kulinarische Traumata statt Völkerverständigung
In einem kleinen Geschäft entdecken wir ein fertig zubereitetes ungarisches Gericht, das nach Gulasch aussieht. Was genau drin ist, können wir nicht lesen (wer kann schon Ungarisch, wo Ortsnamen gerne auch mal „Üdülütötöp“ heißen). anderer Kunde gerät geradezu ins Schwärmen über dieses Gericht. Also gekauft und wir freuen uns auf ein typisch ungarisches Abendessen.
Die Freude hält sich allerdings in Grenzen. Schon beim Erwärmen kommen uns Zweifel, und spätestens beim ersten Bissen fragen wir uns ernsthaft, ob wir versehentlich Hundefutter gekauft haben. Seltsame, wabbelige Fleischstücke in einer kräftig gewürzten Soße. Geschmack und Konsistenz sind, vorsichtig ausgedrückt, gewöhnungsbedürftig.
ChatGPT klärt uns schließlich auf: Wir haben Házi Pacal gekauft, hausgemachtes Kuttelgulasch. In Ungarn eine traditionelle Delikatesse. Nun ja.
Der Mann, der davon so schwärmte, hat es sicherlich gut gemeint. UND WIR haben jedenfalls etwas über die ungarische Küche gelernt und beschlossen, dass wir diese Erfahrung kein zweites Mal brauchen.
So entstehen kulinarische Traumata statt Völkerverständigung.
Tata – das hatten wir uns schöner vorgestellt
Nach dem wunderschönen Székesfehérvár geht es weiter nach Tata, einer kleinen Stadt im Nordwesten Ungarns. Die Bilder und Beschreibungen versprechen einiges: eine historische Altstadt, ein Schloss direkt am Wasser, einen großen See und weitläufige Parkanlagen. Das klingt nach einem Ort, an dem man durchaus einen Tag verbringen kann.
Tatsächlich hält sich unsere Begeisterung in Grenzen.
Der Öreg-tó, der „Alte See“, ist sicherlich das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Wir spazieren ein wenig durch die Stadt und schauen uns das Schloss Esterházy an. Die ungarische Adelsfamilie Esterházy gehörte einst zu den reichsten und einflussreichsten Familien des Habsburgerreiches. Ihr Schloss in Tata stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde im spätbarocken Stil errichtet.
Von außen macht das Gebäude zunächst einen durchaus gepflegten Eindruck. Allerdings nur dort, wo die Touristen hinschauen. Während ein Teil der Fassade aufwendig restauriert wurde, gammelt der Rest mehr oder weniger vor sich hin. Man hat offenbar beschlossen, dass es reicht, wenn die Schokoladenseite stimmt. Dreht man sich um die Ecke, sieht die Sache schon ganz anders aus. Ein etwas merkwürdiger Umgang mit einem solchen historischen Gebäude. Auch die Kirche schauen wir uns an, aber die ist innen eher schlicht und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck.
Überhaupt will der Funke in Tata nicht so recht überspringen. Vielleicht haben wir nach Székesfehérvár einfach zu viel erwartet. Vielleicht liegt es auch daran, dass uns die Stadt insgesamt wenig zu bieten scheint. Eine erfreuliche Ausnahme gibt es allerdings: Wir entdecken ein hervorragendes Café. Hier lässt es sich wunderbar sitzen, und spätestens bei Kaffee und Kuchen versöhnt uns Tata dann doch noch ein wenig mit sich.
So bleibt von Tata am Ende vor allem die Erinnerung an ein halb renoviertes Schloss und ein richtig gutes Café. Auch eine Art touristische Bilanz.






Schloß Esterhazy in Tata
Győr – noch eine Überraschung in Ungarn
Nach Székesfehérvár und dem eher enttäuschenden Tata überrascht uns auch Győr ausgesprochen positiv. Von dieser Stadt hatten wir zuvor ebenfalls noch nie etwas gehört. Überhaupt stellen wir auf unserer Reise fest, wie wenig wir eigentlich über Ungarn wissen. Dabei hat das Land einige wirklich schöne Städte zu bieten, die touristisch offenbar weit weniger bekannt sind als Budapest oder die Orte am Balaton.
Győr liegt im Nordwesten Ungarns, unweit der österreichischen und slowakischen Grenze. Die Stadt hat eine lange Geschichte, die bis in die Römerzeit zurückreicht. Ihre heutige Gestalt verdankt die Altstadt vor allem dem Barock. Große Teile des historischen Stadtkerns sind erhalten geblieben und wurden in den vergangenen Jahrzehnten aufwendig restauriert.
Wir beschränken uns auf einen ausgedehnten Spaziergang durch die Altstadt. Viel mehr braucht es eigentlich auch nicht, denn die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen dicht beieinander. Kleine Gassen, pastellfarbene Bürgerhäuser, hübsche Fassaden und immer wieder kleine Plätze. Alles wirkt gepflegt, ohne dabei den Charakter einer gewachsenen Stadt verloren zu haben.
Besonders schön ist der Széchenyi tér, der zentrale Platz der Altstadt. Umgeben von barocken Bürgerhäusern, mit der Mariensäule in der Mitte und der imposanten Benediktinerkirche St. Ignatius ist er vermutlich einer der schönsten Plätze, die wir bislang in Ungarn gesehen haben.
Die St.-Ignatius-Kirche, die im 17. Jahrhundert von den Jesuiten erbaut wurde, hätten wir uns gerne auch von innen angesehen. Doch leider ist sie für einen Besuch nicht zugänglich. Schade, denn gerade die barocken Kirchen Ungarns haben häufig eine ausgesprochen prächtige Innenausstattung.
Auch bei der Kathedrale Mariä Himmelfahrt, deren Ursprünge bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen, haben wir Pech. Sie ist wegen Mittagspause geschlossen. Offenbar brauchen auch Kirchen gelegentlich eine Auszeit von ihren Besuchern.
So bleibt es bei einem Spaziergang durch die Gassen und über die Plätze der Altstadt. Aber der lohnt sich allemal. Győr ist eine dieser Städte, die wir ohne unsere eher ungeplante Reise durch Ungarn vermutlich nie kennengelernt hätten. Und einmal mehr fragen wir uns, warum wir dieses Land eigentlich so lange links liegen gelassen haben.






Spaziergang durch Györ
Sopron – schön, aber wir hatten mehr erwartet
Nach den positiven Überraschungen in Székesfehérvár und Győr sind wir auf Sopron (Ödinburg) besonders gespannt gewesen. Die Stadt liegt unmittelbar an der österreichischen Grenze und gilt als eine der schönsten historischen Städte Ungarns. Überall liest man von der gut erhaltenen Altstadt, den barocken Bürgerhäusern und dem mittelalterlichen Stadtbild. Die Erwartungen sind also entsprechend hoch.
Und dann stehen wir in Sopron und sind ein wenig ernüchtert - obwohl: Ernüchtert sind wir nicht wirklich, aber es ist anders als wir dachten.
Keine Frage, Sopron hat eine sehenswerte Altstadt. Rund um den Fő tér, den Hauptplatz, stehen prächtige Bürgerhäuser, die teilweise bis ins Mittelalter zurückreichen und später im Stil des Barock umgestaltet wurden. Der Feuerturm (Tűztorony), das Wahrzeichen der Stadt, überragt die historischen Gebäude. Enge Gassen, alte Tore und versteckte Innenhöfe lassen erahnen, wie die Stadt früher einmal ausgesehen haben muss.
Aber so richtig will der Funke bei uns nicht überspringen. Vielleicht liegt es daran, dass wir inzwischen einige wirklich schöne ungarische Städte gesehen haben. Vielleicht haben wir nach all den begeisterten Beschreibungen einfach zu viel erwartet.
Und dann gibt es da noch die andere Seite Soprons. Nur wenige Schritte von den herausgeputzten historischen Gebäuden entfernt begegnet man Häusern mit bröckelndem Putz, vernachlässigten Fassaden und Straßenzügen, in denen die Zeit irgendwann in den 1980er-Jahren stehen geblieben zu sein scheint. An manchen Ecken könnte man problemlos einen DDR-Film drehen. Ein paar alte Trabis davor parken, und die Kulisse wäre perfekt.
Das hat zweifelsohne seinen eigenen Reiz, zeigt aber auch, dass bei der aufwendigen Sanierung historischer Innenstädte immer noch Luft nach oben ist.
Dabei hat Sopron eine ungewöhnliche Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte die Stadt zusammen mit dem westungarischen Burgenland an Österreich fallen. Doch 1921 kam es zu einer Volksabstimmung, bei der sich eine deutliche Mehrheit der Abstimmenden für den Verbleib bei Ungarn entschied. Wobei man wissen muss, dass die Abstimmung keineswegs unter unumstrittenen Bedingungen stattfand.
Wir spazieren durch die Altstadt, schauen uns die wichtigsten Plätze und Gebäude an und kommen schließlich zu dem Schluss: Sopron ist einen Besuch wert, aber in unserer persönlichen Rangliste der ungarischen Städte landet es hinter Székesfehérvár und Győr.





Sopron: Irgendwie hatte wir andere Erwartungen
Schloss Esterházy – eine ganz andere Liga
Was uns an diesem Tag dann aber wirklich begeistert, ist das Schloss Esterházy in Fertőd, rund 30 Kilometer östlich von Sopron.
Schon beim ersten Anblick ist klar: Hier hat jemand ziemlich groß gedacht. Das gewaltige Barockschloss wird gerne als das „ungarische Versailles“ bezeichnet. Solche Vergleiche sind meistens etwas hoch gegriffen, aber in diesem Fall kann man sie durchaus nachvollziehen - auch wenn Versailles das allein quantitativ sprengt.
Die Anlage entstand im 18. Jahrhundert unter Fürst Nikolaus I. Esterházy, der offenbar nicht gerade unter Bescheidenheit litt (er soll mal gesagt haben: „Was der Kaiser kann, kann ich auch“). Er ließ eine prachtvolle Residenz errichten, in der höfisches Leben, Musik und repräsentativer Luxus eine große Rolle spielten. Joseph Haydn verbrachte viele Jahre im Dienst der Familie Esterházy und komponierte hier zahlreiche Werke.
Was uns besonders beeindruckt, ist der Zustand der gesamten Anlage. Das Schloss ist aufwendig restauriert, die Fassaden strahlen, die Innenräume mit ihren Stuckarbeiten, Deckenmalereien und kostbaren Ausstattungen sind hervorragend erhalten beziehungsweise wiederhergestellt. Auch die weitläufigen Außenanlagen machen einen ausgesprochen gepflegten Eindruck. Wir haben auf unseren Reisen schon viele Schlösser gesehen, aber selten eines, das einen derart überzeugenden Eindruck hinterlassen hat.
Und dann ist da noch etwas, das wir kaum glauben können: Es sind fast keine Besucher da. Wer schon einmal in Schönbrunn oder Versailles war, kennt das Gedränge. Reisegruppen schieben sich durch die Säle, überall stehen Menschen im Weg, und manchmal ist man mehr damit beschäftigt, anderen Touristen auszuweichen, als sich die Räume anzuschauen.
Hier dagegen haben wir das Schloss beinahe für uns allein. Wir können in aller Ruhe durch die Räume gehen, uns Details anschauen und die ganze Anlage auf uns wirken lassen. Wunderbar.
Dabei hat auch dieses Schloss eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während der sozialistischen Zeit wurde die Anlage für andere Zwecke genutzt und verfiel teilweise. Die heutigen Restaurierungen lassen kaum noch erahnen, in welchem Zustand sich manches hier einmal befunden haben muss. An einer Tür entdecken wir sogar Hammer und Sichel – ein Überbleibsel jener Zeit. Was sich dahinter genau verbirgt und wie die kommunistischen Machthaber mit diesem einstigen Adelssitz umgegangen sind, wäre eine eigene Geschichte wert.
Jedenfalls ist Schloss Esterházy für uns eine der größten Überraschungen dieser Ungarnreise. Dass ein solches Schloss so wenig besucht wird, während sich anderswo die Touristenmassen durch vergleichbare Anlagen drängen, können wir kaum nachvollziehen.
Eine Anmerkung zur historischen Einordnung: Die Abstimmung von 1921 fand nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns statt und betraf Sopron sowie acht umliegende Gemeinden.






Schloß Esterhazy: Klein-Versailles ohne Touristen
