Wenn in einer Kirche das Herz aufgeht

Es gibt Kirchen, die schaue ich mir an, und es gibt Kirchen, die berühren mich. Und merkwürdigerweise sind es fast immer orthodoxe Kirchen, in denen mir das Herz aufgeht.

In einer protestantischen Kirche bleibe ich dagegen meist auf einer analytischen Ebene. Ich betrachte die Architektur, beschäftige mich mit der Geschichte, versuche die religiösen Vorstellungen zu verstehen. Aber emotional passiert da wenig. Die oft geradezu demonstrative Schlichtheit dieser Kirchen, die Konzentration auf das Wort und der weitgehende Verzicht auf Bilder und Symbole sprechen mich einfach nicht besonders an.

In einer orthodoxen Kirche ist das völlig anders. Da sind die Ikonen, die goldenen Mosaiken, die Kerzen, der Weihrauch, die Gesänge und diese eigentümliche Atmosphäre, die sich kaum beschreiben lässt. Ich muss gar nicht verstehen, was dort im Einzelnen geschieht. Ich muss auch nicht jede Glaubensvorstellung teilen. Trotzdem fühle ich mich auf eine Weise angesprochen, die weit über mein intellektuelles Interesse hinausgeht.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Orthodoxie dem Geheimnisvollen mehr Raum lässt. Dass sie versucht, etwas erfahrbar zu machen, das sich mit Worten und theologischen Erklärungen allein nicht erschließen lässt.

Ich weiß es nicht. Aber ich merke, dass diese Kirchen etwas in mir ansprechen, zu dem ich über den Verstand allein keinen Zugang finde.

Auf unserer Reise durch den Balkan haben wir immer wieder orthodoxe Kirchen und Klöster besucht. Besonders die gewaltige Kirche des Heiligen Sava in Belgrad hat mich tief beeindruckt. Und irgendwann wollte ich genauer verstehen, was mich an dieser Form des Christentums eigentlich so fasziniert.

Deshalb dieser Artikel. Nicht aus der Perspektive eines Theologen und auch nicht mit dem Anspruch, die Orthodoxie umfassend zu erklären. Sondern aus der Neugier eines Menschen heraus, der in diesen Kirchen etwas findet, das ihm anderswo oft fehlt.

Orthodoxe Kirche in Daugavpils


Wenn der Glaube zum Alltag gehört

Wer auf dem Balkan unterwegs ist, begegnet ihnen immer wieder: orthodoxen Kirchen und Klöstern. Manche sind jahrhundertealt, andere, wie der gewaltige Dom des Heiligen Sava in Belgrad oder die Kirche der Heiligen Konstantin und Helena in Skopje, vergleichsweise jung. Im Innern dieser Kirchen herrscht eine besondere Atmosphäre, die sich nur schwer beschreiben lässt.

Im Inneren sieht man Ikonen, goldene Mosaiken, Fresken und Kerzen, manchmal riecht es nach Weihrauch. Menschen kommen herein, bekreuzigen sich, küssen eine Ikone, zünden eine Kerze an und beten für ein paar Minuten und gehen wieder. Ganz selbstverständlich, ohne großes Aufheben.

In der riesigen Kirche in Belgrad kommen zwei Mädchen herein, vielleicht 15 Jahre alt. Sie gehen zielstrebig zu einer Ikone, bekreuzigen sich, machen dabei einen Knicks, küssen die Ikone und verharren noch einen Augenblick. Dann verschwinden sie genauso schnell, wie sie gekommen sind. Ganz selbstverständlich, ohne großes Aufheben. Wann hat man so etwas bei uns zum letzten Mal gesehen?

Für jemanden, der in der Tradition des Katholizismus oder Protestantismus aufgewachsen ist, ist das faszinierend. Nicht nur die Schönheit dieser Kirchen, sondern auch die Art, wie der Glaube hier gelebt wird. Sicher trifft man auf manches Vertraute, aber es gibt klare Unterschiede zu unserem westlich geprägten Christentum.

Orthodoxe Kirche in Apollonia


Eine Kirche ohne Papst

In der orthodoxen Kirche gibt es keine zentral geleitete Organisation. Die Orthodoxie besteht aus mehreren eigenständigen Kirchen, beispielsweise der griechisch-orthodoxen, serbisch-orthodoxen, rumänisch-orthodoxen oder russisch-orthodoxen Kirche.

Diese besitzen eigene Kirchenleitungen, teilen aber grundsätzlich denselben Glauben, dieselben Sakramente und eine gemeinsame liturgische Tradition. Ein griechisch-orthodoxer Christ kann deshalb normalerweise auch in einer serbisch-orthodoxen Kirche an der Eucharistie teilnehmen.

Anders als die katholische Kirche kennt die Orthodoxie keinen Papst als oberste kirchliche Autorität. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel besitzt zwar eineVorrangstellung, aber keine mit dem Papst vergleichbare Leitungsgewalt.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen orthodoxen Kirchen liegen vor allem in ihrer Geschichte, ihren Sprachen, ihrer Kirchenmusik und ihren kulturellen Traditionen.

Und. Wie auch in den westlichen Kirchen, gibt es aber auch innerhalb der Orthodoxie teilweise erhebliche Auseinandersetzungen, nicht zuletzt über nationale und politische Fragen.

Orthodoxe Kirche in Cuprija


Nicht alles muss erklärt werden

Die westliche Theologie hat über Jahrhunderte versucht, Glaubensinhalte möglichst genau zu erklären, systematisch zu ordnen und mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Das gilt besonders für die protestantische Tradition, in der die Bibelauslegung und die Predigt, also das Wort, eine zentrale Rolle spielen.

Daneben gab und gibt es im Westen auch innerhalb des Christentums eine starke mystische Tradition. Meister Eckhart, ein mittelalterlicher Dominikaner und Theologe, schrieb von einem Gott jenseits menschlicher Vorstellungen und Begriffe. Für diese Mystiker ging es nicht allein darum, etwas über Gott zu wissen, sondern darum, ihn unmittelbar zu erfahren.

Aber auch die Orthodoxie besitzt eine anspruchsvolle Theologie. Sie betont aber stärker als Katholizismus und Protestantismus, dass Gott in seinem Wesen letztlich unergründlich bleibt. Man kann sich Gott annähern, ihn im Gebet suchen und nach orthodoxem Verständnis seine Gegenwart erfahren. Aber man kann ihn nicht vollständig begreifen.

Dahinter steht eine lange Tradition, die als apophatische Theologie bezeichnet wird. Sie versucht, sich dem Göttlichen auch dadurch zu nähern, dass sie anerkennt, wie begrenzt unsere menschlichen Vorstellungen und Begriffe sind. Der Unterschied zu den westlichen Mystikern liegt also weniger darin, dass es diese Gedanken im Westen nicht gäbe, sondern darin, welchen Stellenwert sie innerhalb der jeweiligen kirchlichen Tradition einnehmen.

Die orthodoxe Kirche will das Göttliche nicht in erster Linie analysieren und erklären, sondern mit seinen Kirchen einen Raum schaffen, in dem das Göttliche individuell und in der Gemeinschaft erfahrbar werden kann. Was im westlichen Christentum häufig nur bei einzelnen Mystikern und ihren Schriften zu finden ist, ist in der Orthodoxie stärker in die Liturgie und das alltägliche religiöse Leben eingebettet.

Orthodoxe Kirche in Belgrad I


Ikonen – Fenster zur Ewigkeit

Wer eine orthodoxe Kirche betritt, steht häufig vor einer überwältigenden Fülle von Bildern. Christus, Maria, Engel, Apostel und Heilige begegnen einem auf Ikonen, Fresken und Mosaiken.

Der eigentliche Altarraum gilt als besonders heilig und ist nicht allgemein zugänglich. Die Ikonostase grenzt ihn ab, verbirgt ihn aber nicht vollständig. Durch ihre Bilder gehört die himmlische Welt sichtbar zum Kirchenraum. Diese Inkonostase kann aus mehreren Reihen von Ikonen bestehen und reicht in manchen Kirchen bis unter die Decke. In ihrer Mitte befindet sich die sogenannte Königstür, durch die während des Gottesdienstes bestimmte liturgische Handlungen vollzogen werden. Rechts und links davon stehen traditionell Ikonen von Christus und der Gottesmutter.

Die Ikonostase ist aber weit mehr als eine kunstvoll verzierte Trennwand. Sie markiert die Grenze zwischen dem für die Gemeinde zugänglichen Kirchenraum und dem Altarraum, der in der orthodoxen Liturgie eine besondere Heiligkeit besitzt (bei den Mormonen ist das übrigens ganz ähnlich). Gleichzeitig soll sie diese beiden Bereiche miteinander verbinden: Die Ikonen machen gewissermaßen die himmlische Welt sichtbar, die nach orthodoxem Verständnis im Gottesdienst gegenwärtig ist.

Die Bilder in einer orthodoxen Kirche sind nicht einfach religiöse Dekoration. Eine Ikone soll nicht möglichst naturgetreu darstellen, wie der jeweilige Mensch ausgesehen hat. Sie soll vielmehr etwas von der geistlichen Wirklichkeit sichtbar machen, die nach orthodoxem Verständnis hinter der äußeren Erscheinung liegt.

Ikonen folgen deshalb eigenen Regeln. Die Gesichter wirken ernst, die Augen groß, Räume und Gegenstände erscheinen nicht in der gewohnten Perspektive. Goldene Hintergründe bezeichnen keinen wirklichen Ort. Sie entziehen die dargestellte Szene vielmehr dem gewöhnlichen Raum und der geschichtlichen Zeit.

Ikonen werden deshalb gelegentlich als Fenster zur Ewigkeit bezeichnet.

Wenn orthodoxe Gläubige eine Ikone küssen oder sich vor ihr verneigen, beten sie nicht das Bild selbst an. Die Verehrung gilt der dargestellten Person. Die Anbetung bleibt Gott vorbehalten.

Wer den Dom des Heiligen Sava in Belgrad betritt, bekommt eine Vorstellung davon, welche Wirkung das entfalten kann. Die gewaltigen goldenen Mosaiken sind überwältigend. Aber auch eine kleine, jahrhundertealte Klosterkirche mit verblassten Fresken kann eine ganz ähnliche Wirkung besitzen.

Das Heilige darf hier durchaus überwältigen.

Orthodoxe Kirche in Belgrad II


Schönheit als Ausdruck des Glaubens

In der Orthodoxie besitzt Schönheit eine besondere religiöse Bedeutung: Die prächtigen Kirchenräume, die Ikonen, die Gesänge und die Liturgie sollen etwas von der Herrlichkeit Gottes widerspiegeln.

Das ist weit mehr als eine Frage der Ästhetik. Der Kirchenraum wird als Abbild einer größeren, göttlichen Wirklichkeit verstanden. Die Kuppel mit Christus als Weltenherrscher, die Heiligenbilder und die Ikonostase, jene bildergeschmückte Wand zwischen Altarraum und Gemeinderaum, folgen einer religiösen Ordnung. Im Großen und Ganzen ist dieses bauliche Muster in allen orthodoxen Kirchen gleich.

Die Liturgie eines orthodoxen Gottesdienstes spricht möglichst viele Sinne an. Man sieht die Ikonen und Fresken, hört die oft mehrstimmigen Gesänge, riecht den Weihrauch und erlebt die Bewegungen und Gesten der Gläubigen.

Orthodoxe Gottesdienste können ziemlich lange dauern, zwei bis drei Stunden sind keine Seltenheit. Dabei stehen die Gläubigen meist, denn Kirchenbänke, wie wir sie aus unseren Kirchen kennen, gibt es häufig kaum.

Die Menschen kommen und gehen während des Gottesdienstes. Manche bleiben die ganze Zeit, andere nur eine halbe Stunde. Sie bekreuzigen sich, küssen eine Ikone, zünden eine Kerze an, beten eine Weile und gehen wieder. Das Ganze wirkt dadurch weniger streng durchorganisiert als ein Gottesdienst, wie wir ihn aus katholischen oder evangelischen Kirchen kennen. Allerdings ist das keine allgemeingültige Regel, sondern hängt auch von der jeweiligen Gemeinde ab.

Orthodoxe Kirche in Belgrad III


Das Gebet als Teil des Alltags

Natürlich beten orthodoxe Christen das Vaterunser. Es gehört zu den wichtigsten Gebeten und ist fester Bestandteil der Göttlichen Liturgie. Daneben gibt es aber eine Gebetsform, die in ihrer Einfachheit bemerkenswert ist: das sogenannte Jesusgebet oder Herzensgebet.

Mehr braucht es nicht.

Dieses kurze Gebet hat seine Wurzeln im Neuen Testament und wird seit vielen Jahrhunderten besonders in der orthodoxen Klostertradition gepflegt. Es kann immer wieder gesprochen werden, morgens, abends, beim Gehen oder während alltäglicher Tätigkeiten.

Es erinnert ein wenig an ein Mantra, wie man es aus dem Hinduismus oder Buddhismus kennt. Durch die ständige Wiederholung soll der Geist zur Ruhe kommen und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche gelenkt werden. In der orthodoxen Tradition spricht man dabei vom Herzensgebet. Das Gebet soll mit der Zeit so selbstverständlich werden wie das Atmen.

Es gibt allerdings einen Unterschied: Während ein Mantra je nach religiöser Tradition unterschiedliche Funktionen haben kann, richtet sich das Jesusgebet ausdrücklich an Christus. Es ist eine persönliche Bitte um Barmherzigkeit und zugleich eine Übung, die eigene Aufmerksamkeit immer wieder auf die Gegenwart Gottes auszurichten.

Manche Mönche verbinden das Gebet sogar mit ihrem Atemrhythmus: Beim Einatmen „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes“, beim Ausatmen „erbarme dich meiner“. Diese Praxis gehört zur Tradition des Hesychasmus, einer Form orthodoxer Spiritualität, die auf innere Stille und Sammlung ausgerichtet ist.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Wiederholungen zu erreichen oder durch eine bestimmte Technik außergewöhnliche religiöse Erfahrungen hervorzurufen. Das Gebet soll vielmehr zu einer beständigen inneren Hinwendung zu Christus werden.

Die orthodoxe Tradition spricht davon, dass das Gebet vom Verstand ins Herz gelangen soll. Das Herz meint dabei nicht einfach unsere Gefühle, sondern die geistliche Mitte des Menschen.

Die Formulierung „erbarme dich meiner“ klingt im Deutschen zunächst nach Schuld und Unterwerfung. Tatsächlich steckt darin aber viel mehr: die Bitte um Barmherzigkeit, Zuwendung, Hilfe und Heilung. Das Jesusgebet bringt damit eine ganze Glaubenshaltung in wenigen Worten zum Ausdruck.

Eng damit verbunden ist die Hesychia, die innere Stille. Sie ist nicht bloß Entspannung oder eine Form der Meditation. Ihr Ziel ist die Gemeinschaft mit Christus.

Orthodoxe Kirche in Belgrad IV


Glaube als Weg der inneren Verwandlung

Ein weiterer wichtiger Gedanke der orthodoxen Theologie ist die sogenannte Theosis, die Vergöttlichung des Menschen.

Gemeint ist damit aber nicht, dass der Mensch selbst zu Gott wird. Vielmehr soll der Mensch durch die Gemeinschaft mit Christus zunehmend Anteil am göttlichen Leben gewinnen und innerlich verwandelt werden.

Orthodoxer Glaube ist aus dieser Perspektive nicht nur das Fürwahrhalten bestimmter Glaubenssätze oder die Befolgung moralischer Vorschriften. Er ist ein lebenslanger Weg, auf dem sich der Mensch verändert: Gebet, Gottesdienst, die Sakramente und das alltägliche Leben gehören dabei untrennbar zusammen.

Dazu passen die kurzen Kirchenbesuche, die man auf dem Balkan häufig beobachten kann. Jemand ist auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, tritt für einige Minuten ein, zündet eine Kerze an und betet. Der Kirchenbesuch ist keine eigene Veranstaltung, sondern Teil des Tages.

Natürlich kann man von außen nicht wissen, was in den einzelnen Menschen vorgeht. Aber auch orthodoxe Christen kennen Zweifel, religiöse Gleichgültigkeit und die Widersprüche zwischen Glauben und Leben. Aber die Art, wie Religion hier sichtbar wird, unterscheidet sich doch von vielem, was wir aus westlichen Kirchen kennen.

Orthodoxe Kirche in Hainovka


Auch die Orthodoxie ist keine heile Welt

Bei aller Faszination darf man die orthodoxen Kirchen nicht idealisieren. Gerade auf dem Balkan ist die Verbindung zwischen Religion, nationaler Identität und Politik teilweise außerordentlich eng. Auch die orthodoxen Kirchen haben eine Geschichte voller Konflikte, Machtansprüche und menschlicher Verfehlungen. Auch die Berufung auf die Tradition hat zwei Seiten. Sie kann religiöse Formen über Jahrhunderte bewahren. Sie kann aber ebenso dazu dienen, notwendige Veränderungen abzuwehren.

Die Orthodoxie ist keine lose Sammlung spiritueller Anregungen. Sie hat feste Glaubenslehren, verbindliche Gottesdienstformen und ein klares Verständnis von kirchlicher Gemeinschaft.

Die Probleme westlicher Kirchen verschwinden aber nicht, sobald man eine orthodoxe Kirche betritt. Sie treten dort teilweise nur in anderer Gestalt auf.

Orthodoxe Kirche in Belgrad V


Eine andere Begegnung mit dem Christentum

Es sind nicht allein die großartigen Kirchenräume, die jahrhundertealten Fresken oder die Ikonen. Es ist auch nicht nur die Liturgie, deren Gesänge und Rituale eine eigentümliche Wirkung entfalten. Es ist vor allem die Vorstellung eines Glaubens, der nicht ständig erklärt, diskutiert und begründet werden muss, sondern ganz selbstverständlich zum Leben gehört.

Die Mädchen in Belgrad bleiben nur wenige Minuten. Sie sprechen mit niemandem und nehmen an keinem Gottesdienst teil. Sie bekreuzigen sich, verneigen sich, küssen eine Ikone und gehen wieder hinaus.

Gerade diese kurze Szene bleibt in Erinnerung. Der Glaube wird hier nicht erklärt oder vorgeführt. Er zeigt sich in eingeübten Gesten, die für die beiden Mädchen offenbar zu ihrem Alltag gehören.