Niš – kein Grund, länger zu bleiben

Zwei Tage in Nis. Außer dass wir mal Wäsche waschen müssen, fahren wir mit dem Taxi für einen Spottpreis nach Nis. Doch Nis ist eher eine Enttäuschung. ChatGPT, unser Reiseführer, hat uns die Festung (Niška Tvrđava), den König-Milan-Platz und eine bestimmte kleine Gasse empfohlen.

Die Festung hat zwar ein imposantestes Tor, das sich zur Stadt hin öffnet, aber der Park dahinter ist eher naja. Vielleicht liegt es auch an der herbstlichen Vegetation, aber so weitläufig, wie er ist, hat er nicht viel zu bieten. Der König-Milan-Platz imponiert durch 60er/70er-Jahre-Architektur und ein Reiterstandbild, das leider verpackt ist (nein, nicht Christo). Und die Kazandžijsko Sokače, eine ehemalige Handwerkergasse mit kleinen Werkstätten ist nur noch eine Fressmeile. Wir fahren recht bald wieder zurück.

Nis: Festungsanlage


Belgrad – eine Stadt, die uns nicht unbedingt haben muss

Von Niš fahren wir über Ćuprija weiter Richtung Belgrad. Diese großen Städte sind eigentlich nicht unsere Sache, aber wenn schon, denn schon – also tun wir uns auch Belgrad an. Der Stellplatz ist ähnlich skurril wie der in Skopje: direkt an einer viel befahrenen Hauptstraße, auf irgendeiner Gewerbefläche zwischen Werkstätten und anderen Betrieben. Nicht schön, aber zweckmäßig. Und wirkliche Alternativen gibt es in Belgrad ohnehin kaum.

Immerhin kommen wir von hier aus problemlos mit dem Bus in die Innenstadt. Und der ist tatsächlich kostenlos! Seit Anfang 2025 kann man in Belgrad sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, ohne einen Dinar dafür zu bezahlen. Eine Sache, von der sich manche deutsche Großstadt eine Scheibe abschneiden könnte.

Wir schlendern ein wenig durch die Knez Mihailova, die zentrale Fußgängerzone. Besonders attraktiv finden wir sie nicht, dafür ist sie rappelvoll. Geschäfte, Cafés, Straßenmusikanten und Menschenmassen. Belgrad ist eine lebendige Stadt, keine Frage, aber so richtig warm werden wir mit ihr nicht.

Schließlich nehmen wir ein Taxi zum Dom des Heiligen Sava. Die Fahrt kostet satte 40 Euro. Vermutlich hat sich der Taxifahrer an zwei ahnungslosen Touristen bereichert. Für Belgrader Verhältnisse ist das jedenfalls ein völlig überzogener Preis. Sei's drum, wir verbuchen es unter Reiseerfahrungen.

Belgrad: Fussgängerzone


Der Dom des Heiligen Sava – eine andere Welt

Und dann stehen wir vor dieser gewaltigen Kirche. Der Dom des Heiligen Sava gehört zu den größten orthodoxen Kirchen der Welt. Mit seiner mächtigen Kuppel, den weißen Marmorfassaden und den vier Glockentürmen ist er schon von außen beeindruckend. Gebaut wurde er an dem Ort, an dem die Osmanen 1595 der Überlieferung nach die Gebeine des Heiligen Sava verbrannten. Sava gilt als Begründer der eigenständigen serbisch-orthodoxen Kirche und ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten der serbischen Geschichte.

Begonnen wurde der Bau 1935, dann kamen der Zweite Weltkrieg und die Jahrzehnte des sozialistischen Jugoslawiens dazwischen. Erst 1985 konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Die aufwendige Innenausstattung wurde sogar erst in jüngster Zeit weitgehend fertiggestellt.

Was uns allerdings im Inneren erwartet, übertrifft alles, was wir uns vorgestellt haben. Wir haben auf unseren Reisen schon viele Kirchen gesehen, romanische und gotische Kathedralen, prächtige Barockkirchen, die König-Hassan-Moschee in Marokko und natürlich auch orthodoxe Gotteshäuser. Aber das hier ist noch einmal eine ganz andere Dimension.

Gold, wohin man schaut. Die riesige Kuppel, die Wände, die Gewölbe – alles ist mit monumentalen Mosaiken bedeckt. Auf Tausenden Quadratmetern erzählen sie biblische Geschichten, zeigen Christus, Maria, Heilige und Engel. Allein die Christusdarstellung in der zentralen Kuppel ist gewaltig. Das Gold reflektiert das Licht und lässt den ganzen Raum auf eine eigentümliche Weise leuchten.

Dabei ist das keineswegs nur eine Demonstration von Reichtum und kirchlicher Macht. Orthodoxe Kirchen folgen einem anderen Verständnis von Sakralarchitektur, als wir es aus dem westlichen Christentum kennen. Während insbesondere die Gotik den Blick nach oben lenkt und mit Licht, Höhe und Raum arbeitet, soll die orthodoxe Kirche gewissermaßen den Himmel auf die Erde holen. Die Ikonen und Mosaiken sind nicht einfach nur religiöse Dekoration. Sie sollen etwas von einer Wirklichkeit sichtbar machen, die über unsere alltägliche Erfahrung hinausgeht. Und genau das gelingt hier auf eine geradezu überwältigende Weise.

Wir stehen einfach nur da, schauen und staunen.

Es lässt sich kaum beschreiben, man muss es selbst gesehen haben. Und die paar Fotos, die wir hier einstellen, können allenfalls einen kleinen Eindruck vermitteln. Allein für diese Kirche hat sich der Abstecher nach Belgrad gelohnt.

Zum Thema Orthodoxe Kirchen wird es demnächst einen gesonderten Beitrag geben. Dieser andere Ansatz und der andere Umgang mit christlichem Glauben ist es wert, dass er eingehender betrachtet wird.

Dom des Heiligen Sava


Wo ist eigentlich unser Zuhause?

Von Belgrad aus geht es weiter in Richtung Heimat. Obwohl: Was ist eigentlich Heimat, wenn man ein Drittel der Zeit unterwegs ist? Hier gehen die Vorstellungen von uns beiden übrigens etwas auseinander: Während Michael sich durchaus ein Leben als Vollzeit-Vanlifer vorstellen könnte, tut sich Sabine eher schwer mit dem Gedanken.

Dabei stellt sich die Frage, was man eigentlich vermissen würde, wenn man gar nicht mehr nach Hause käme. Das eigene Bett? Haben wir dabei. Die eigene Küche? Ebenfalls – wenn auch nicht so komfortabel. Ein Badezimmer? Zugegeben, das ist zu Hause etwas geräumiger. Und natürlich gibt es Dinge, die man in einem Wohnmobil nicht unterbringen kann. Bücher beispielsweise, von denen wir beide ohnehin viel zu viele besitzen. Aber dafür gibt es ja E-Books. Nur das Problem mit dem fehlenden Platz für die Heissluftfriteuse und den Thermomix müssen wir noch lösen…

Natürlich hat das Leben unterwegs auch seine Schattenseiten. Man muss sich ständig um die ganz banalen Dinge des Alltags kümmern: Wo bekommen wir Wasser? Wo können wir das Grau- und das Schwarzwasser entsorgen? Wo bleiben wir über Nacht? Und gelegentlich fragt man sich, warum man sich das eigentlich antut, wenn man mal wieder auf irgendeinem trostlosen Stellplatz zwischen Gewerbehallen und Hauptverkehrsstraße steht.

Andererseits ist da diese Freiheit, morgens aufzuwachen und noch nicht genau zu wissen, wo man abends sein wird. Einfach weiterzufahren, wenn es einem irgendwo nicht gefällt. Oder ein paar Tage länger zu bleiben, wenn es schön ist. Keine Termine, keine Verpflichtungen und vor allem kein Alltag, der sich Woche für Woche wiederholt.

Wobei das mit dem Alltag natürlich so eine Sache ist. Auch das Unterwegssein entwickelt seine Routinen: Aufstehen, Espresso kochen, Anziehen, Frühstücken, Zusammenpacken und klar Schiff machen, losfahren und so weiter. Und vermutlich würde selbst ein Leben auf Rädern irgendwann ganz gewöhnlich werden. Nur dass die Aussicht vor dem Fenster häufiger wechselt.

Sabine sieht das etwas anders. Für sie ist unsere Wohnung offenbar mehr als ein Ort, an dem man seine Sachen aufbewahrt und gelegentlich auf der Terrasse die Pflanzen schneidet. Sie braucht diesen festen Bezugspunkt, das Vertraute, die Gewissheit, irgendwo wirklich zu Hause zu sein. Michael dagegen hat zunehmend das Gefühl, dass Heimat weniger mit einem bestimmten Ort zu tun hat als mit der Möglichkeit, sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte.

Nun ja, vielleicht gibt es ja auch einen Mittelweg. Unsere Wohnung gibt es noch, und der Grand California fährt – meistens jedenfalls. Und solange wir beide Freude am Reisen haben, ist die derzeitige Mischung aus Sesshaftigkeit und Nomadenleben vielleicht gar nicht so schlecht.


Der Donau entlang

Belgrad war, abgesehen von der beeindruckenden Kirche des Heiligen Sava, eher eine Enttäuschung. Vielleicht hätten wir uns mehr Zeit nehmen müssen, um die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten richtig kennenzulernen. Aber Großstädte sind einfach nicht unser Ding. Zu viel Verkehr, zu viel Hektik, zu viele Menschen. Da zieht es uns doch eher wieder hinaus aufs Land.

Also verlassen wir Belgrad und folgen über Novi Sad und Bačka Palanka/Plankenburg weitgehend dem Lauf der Donau in Richtung kroatische Grenze. Damit sind wir wieder in der Europäischen Union – und die Rückreise nach Hause nimmt langsam konkrete Formen an. Die Landschaft wird zunehmend flacher, Landwirtschaft prägt das Bild, dazwischen kleine Dörfer, endlose Felder und gelegentlich ein Blick auf die Donau, die hier gemächlich durch die Landschaft fließt.

Wir übernachten am Rand des Naturreservats Gornje Podunavlje Das Schutzgebiet erstreckt sich entlang der Donau im Nordwesten Serbiens und ist eine riesige Auenlandschaften des Landes. Am nächsten Tag geht es weiter durch den äußersten Osten Kroatiens. Diese Region, die Baranja, gehörte über Jahrhunderte zum Königreich Ungarn und ist bis heute von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt. Die Grenzen haben sich hier im Laufe der Geschichte mehrfach verschoben, die Landschaft ist dagegen weitgehend dieselbe geblieben. Sissi haben wir übrigens nicht getroffen.


Siklós – Kleinstadt mit Burg

Wir fahren über die kroatisch-ungarische Grenze, niemand interessiert für uns – offene Grenzen. Auf dem Weg nach Pécs machen wir einen Abstecher nach Siklós, einer kleinen Stadt im Süden Ungarns, nur wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Über der Stadt thront die mächtige Burg von Siklós, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mehrfach umgebaut und diente zeitweise auch den Osmanen als Festung.

Heute gehört sie zu den am besten erhaltenen Burganlagen Ungarns. Unterhalb der Burg liegt eine überschaubare Kleinstadt mit einigen historischen Gebäuden und einer Moschee aus osmanischer Zeit, die an die rund 150 Jahre türkischer Herrschaft in dieser Region erinnert.

Siklós ist kein Ort, für den man unbedingt einen ganzen Tag einplanen muss. Aber für einen Zwischenstopp lohnt sich der Abstecher allemal. Und wieder einmal stellen wir fest, dass Ungarn weit mehr zu bieten hat, als wir diesem Land bislang zugetraut hätten.

Festung von Siklós


Pécs - ein echtes Kleinod

Schließlich erreichen wir Pécs (deutsch: Fünfkirchen). Langsam macht sich bemerkbar, dass wir auf dem Heimweg sind. Die Entfernungen werden kürzer, die Länder vertrauter und die Straßen zunehmend mitteleuropäisch.

Pécs ist ein wirklich hübsches Städtchen auf unserem Weg zum Plattensee. Die historische Altstadt ist ausgesprochen ansprechend, mit schönen Plätzen, gepflegten Häuserfassaden und einigen Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch lohnen.

Da ist beispielsweise die ehemalige Pascha-Qasim-Moschee am Széchenyi tér, dem zentralen Hauptplatz von Pécs. An dieser Stelle stand bereits im 13. Jahrhundert eine christliche Kirche, die während der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert abgerissen und durch eine Moschee ersetzt wurde. Nach dem Ende der türkischen Besatzung wurde das Gebäude wieder zur christlichen Kirche umgewidmet und im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut. Heute heißt sie Gyertyaszentelő Boldogasszony-templom (Kirche Mariä Lichtmess). Ihre osmanische Vergangenheit ist bis heute unverkennbar: Die mächtige Kuppel und die charakteristische Architektur erinnern an die ursprüngliche Moschee, während im Inneren längst wieder christliche Symbole und Altäre dominieren. Eine etwas ungewöhnliche Mischung, die aber durchaus ihren Reiz hat.

Gyertyaszentelő Boldogasszony-templom


Nur wenige Gehminuten entfernt steht eine weitere Kirche, die Pécsi Székesegyház (Kathedrale St. Peter und Paul). Mit ihren vier markanten Türmen wirkt sie schon von außen imposant. Ihre Ursprünge reichen bis ins 11. Jahrhundert zurück, doch der heutige Bau ist vor allem das Ergebnis einer umfassenden Neugestaltung im 19. Jahrhundert. Innen erwartet den Besucher eine geradezu verschwenderische Ausstattung mit Wandmalereien, reich verzierten Kapellen und einer prächtigen Orgel. Nach den vielen orthodoxen Kirchen, die wir auf unserer Balkanreise besichtigt haben, ist das wieder eine ganz andere Welt.

Pécsi Székesegyház


Und dann gibt es noch die Király utca, eine attraktive Fußgängerzone mit historischen Bürgerhäusern, Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften. Hier lässt es sich wunderbar bummeln, ohne dass man von Autos bedrängt wird. Überhaupt wirkt die ganze Innenstadt erstaunlich geschlossen und gepflegt. Irgendwie erinnert uns Pécs an eine kleine Ausgabe von Budapest – mit ähnlich schönen Fassaden, einer gewissen k.u.k.-Atmosphäre und erfreulicherweise deutlich weniger Großstadttrubel.

Nach den eher ernüchternden Erfahrungen mit Belgrad ist Pécs jedenfalls eine angenehme Überraschung.

Innenstadt von Pecs


Balaton – wo sich Ost und West begegneten

Wir fahren weiter an den Balaton, den Plattensee – Zeit für zwei Tage Pause, zumal das Wetter verspricht gut zu bleiben (bei schlechtem Wetter sitzt man lieber im Camper und fährt).

Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Balaton eines der großen Sehnsuchtsziele der DDR-Bürger. Ungarn galt als vergleichsweise liberal, die Reise dorthin war möglich, und am Plattensee ließ sich zumindest für ein paar Wochen ein Hauch von Freiheit genießen. Aber auch viele Westdeutsche verbrachten hier ihren Urlaub, nicht zuletzt wegen der damals ausgesprochen günstigen Preise.

Der Balaton war damit einer der wenigen Orte, an denen sich Ost- und Westdeutsche überhaupt begegnen konnten. Hier trafen sich Familien, Verwandte und Freunde, die durch die deutsche Teilung getrennt waren. Manche nutzten den Urlaub sogar, um ihre Flucht in den Westen vorzubereiten.

Das Skurrile und eigentlich Unmenschliche daran war, dass die deutsche Teilung selbst hier noch spürbar blieb. Zwar konnte man sich begegnen, gemeinsam baden, essen gehen oder einen Abend miteinander verbringen. Aber die Unterschiede zwischen Ost und West waren allgegenwärtig. Westdeutsche Urlauber verfügten über D-Mark, konnten sich damit vieles leisten und bekamen auf manchen Campingplätzen die besseren Stellplätze und Einrichtungen. DDR-Bürger mussten mit ihrem begrenzten Reisebudget und den ihnen zugeteilten Forint häufig bescheidenere Bedingungen akzeptieren.

So setzte sich die deutsche Zweiklassengesellschaft selbst im Urlaub fort. Da lagen Menschen aus demselben Land am selben See, sprachen dieselbe Sprache und lebten doch in völlig unterschiedlichen Welten. Und das alles, weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Staaten geteilt worden war.

1989 wurde der Balaton schließlich zu einem der Schauplätze, an denen das Ende dieser Teilung seinen Anfang nahm. Tausende DDR-Bürger reisten in jenem Sommer nach Ungarn, viele mit dem festen Vorsatz, nicht mehr zurückzukehren. Als Ungarn im September seine Grenze zu Österreich für DDR-Bürger öffnete, führte für viele der Weg in den Westen über dieses Land. Wir erinnern uns an ehemalige Nachbarn, die genau diesen Weg genommen haben – und später wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind.

Heute ist am Balaton von dieser Trennung kaum noch etwas zu spüren. Deutsche Urlauber kommen weiterhin hierher, aber niemand fragt mehr, ob sie aus Ost oder West stammen.

Aussichtsplattform am Balaton: Das "ungarische Atomium"