Auch diese Überfahrt wird für uns ein kleines Abenteuer. Fähren kennen wir zwar, aber eine Nachtfähre mit Kabine hatten wir bisher noch nicht. Unser Wohnmobil wird tief im Bauch des Schiffes verstaut, während wir für eine Nacht eine Kabine beziehen. So zumindest der Plan: Am nächsten Morgen wachen wir dann in Albanien wieder auf.

Bis dahin liegen allerdings noch einige Kilometer vor uns.


Erste Station: Laufenburg am Rhein

Von Heidelberg aus ging es zunächst nach Laufenburg am Hochrhein. Der kleine Ort ist eine Besonderheit, denn eigentlich gibt es ihn zweimal: Laufenburg auf deutscher und Laufenburg auf schweizerischer Seite. Dazwischen fließt der Rhein, über den eine Brücke die beiden Altstädte miteinander verbindet.

Das war ein schöner Auftakt für die Reise. Kein großes touristisches Programm, sondern am Abend einfach über die Brücke in die Schweiz laufen, ein wenig durch die engen Gassen schlendern und dabei immer wieder auf den Rhein schauen.

Am nächsten Morgen ging es dann endgültig in die Schweiz.

Laufenburg/Rhein


Einmal quer durch die Schweiz

Für die Durchquerung der Schweiz haben wir uns weitgehend an die Gotthardroute gehalten. Das bedeutet vor allem: Autobahn. Natürlich könnte man sich auch über kleinere Straßen durch die Schweiz bewegen. Aber irgendwann muss man sich entscheiden, ob die Anreise bereits zum mehrwöchigen Reiseprogramm werden soll oder ob man gelegentlich einfach Strecke macht.

Also ging es über die A2 Richtung Süden, vorbei am Vierwaldstättersee und durch den Gotthard. Hinter dem Tunnel verändert sich die Landschaft dann deutlich. Das Tessin kündigt bereits den Süden an: andere Vegetation, andere Architektur, ein bisschen mehr Italien – obwohl man noch in der Schweiz ist.

Bei Chiasso war es damit vorbei. Italien. Und zunächst wurde es nicht unbedingt schöner.

Stellplatz oberhalb des Vierwaldstätter Sees


Norditalien: Augen zu und durch

Von Chiasso bis ungefähr Bologna führte unsere Strecke weitgehend über die italienische Autobahn. Teilweise 8-spurig. Grottenlangweilig. Wer's mag …

Norditalien ist in diesem Bereich dicht besiedelt und hoch industrialisiert. Die Po-Ebene gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Regionen Europas. Entsprechend sieht es entlang der Autobahn aus: Industriehallen, Logistikzentren, Gewerbegebiete, Lärmschutzwände und Verkehr.

Aber irgendwann verließen wir die großen Verkehrsachsen. Und damit begann für uns der eigentlich interessante Teil dieser Anreise.


Endlich wieder kleine Straßen

Unser Weg führte uns zunächst in den nördlichen und später in den mittleren Apennin.

Der Apennin ist gewissermaßen das Rückgrat Italiens. Das Gebirgssystem zieht sich über rund 1.200 Kilometer durch einen großen Teil der italienischen Halbinsel. Wir durchquerten auf unserer Fahrt zunächst den nördlichen Apennin in der Emilia-Romagna und später weiter südlich Teile des mittleren Apennins.

Und plötzlich war der Reisemodus wieder da, den wir mögen: Kleine Straßen, Kurven, Berge, Wälder und Dörfer, die irgendwo an einem Hang kleben. Straßen, auf denen man manchmal lieber nicht darüber nachdenkt, was passiert, wenn einem hinter der nächsten Kurve ein ähnlich großes Wohnmobil entgegenkommt. Je kurviger und schmaler, desto besser. Na ja – meistens jedenfalls.

Mit unserem fast sieben Meter langen und 4,2 Tonnen schweren Grand California ist irgendwann natürlich auch bei uns Schluss. Aber eine kleine Straße, auf der man langsam fahren muss und hinter jeder Kurve etwas Neues entdeckt, ist uns allemal lieber als 300 Kilometer Autobahn. Dass man in mancher Serpentine auch mal zurücksetzen muss um um die Kurve zu kommen, nehmen wir in Kauf.


Schlaglöcher mit Aussicht

Was uns auf dieser Fahrt durch Italien immer wieder auffällt, ist der teilweise katastrophale Zustand der Straßen. Schlaglöcher gehören fast schon zur Grundausstattung, manche notdürftig geflickt, andere offenbar der weiteren Entwicklung überlassen. Dazu kommen Verwerfungen im Asphalt, Bodenwellen und Kanten, die so unvermittelt auftauchen, dass man im Wohnmobil gelegentlich nur noch hofft, dass hinten alles dort bleibt, wo man es verstaut hat.

Natürlich sind die kleinen Straßen im Apennin besonders betroffen. Aber auch auf größeren Straßen und selbst auf der Autobahn ist der Zustand oft nur mäßig. Nach unseren Reisen durch Marokko drängt sich tatsächlich ein etwas böser Vergleich auf: Selbst dort hatten wir über weite Strecken bessere Straßen.

Früher hieß es gelegentlich, am Zustand der Straßen könne man den wirtschaftlichen Zustand eines Landes erkennen. Wenn an diesem Satz etwas dran ist, sieht es für Italien nicht besonders gut aus. „Das Land ist pleite“, möchte man angesichts mancher Strecke etwas zugespitzt feststellen.

Ganz so holzschnittartig mag es nicht sein. Italien ist immer noch eine der größten Volkswirtschaften Europas, schleppt aber seit Jahrzehnten eine enorme Staatsverschuldung mit sich herum. Und dann gibt es auch erhebliche regionale Unterschiede, und die Erhaltung eines riesigen Straßennetzes kostet Geld, das an vielen Stellen offensichtlich fehlt – oder zumindest nicht dort ankommt, wo unser Grand California gerade durchs nächste Schlagloch poltert.

Allzu selbstgefällig sollten wir Deutschen darüber allerdings nicht lästern. Wer in den vergangenen Jahren über deutsche Autobahnen und Landstraßen gefahren ist, kennt bröckelnde Fahrbahnen, marode Brücken und Dauerbaustellen inzwischen ebenfalls zur Genüge. Es gibt in keinem europäischen Land so viele Schilder mit „Brückenschäden“.

Vielleicht ist der Blick auf die italienischen Straßen deshalb weniger ein Blick auf ein fremdes Problem als auf das, was uns im eigenen Land in der nahem Zukunft noch stärker beschäftigen dürfte: Ein Land und seine Infrastruktur lässt sich eine Weile auf Verschleiß fahren. Aber dann reicht auch die nächste Zuckersteuer nicht mehr um auch nur das nötigste zu reparieren.

Im Wohnmobil spürt man es nur etwas früher.


Hoch über der Emilia-Romagna

Eigentlich war Castell’Arquato als nächster Halt vorgesehen. Der mittelalterliche Ort hätte durchaus in unser Beuteschema gepasst – der Stellplatz allerdings nicht. Bei rund 39 Grad lag er praktisch ohne Schatten in sengenden der Sonne. Also weiter.

Manchmal sind es gerade solche spontanen Entscheidungen, die zu den besseren Plätzen führen. Wir fuhren hinein in den nördlichen Apennin, immer weiter hinauf und weg von der Hitze der Po-Ebene. In der Gegend von Bore landeten wir schließlich auf einem halb verlassenen Platz mitten im Wald. Deutlich kühler. Und vor allem: Schatten. Und ganz allein.

Nach der Hitze unten im Tal war uns in diesem Moment ziemlich egal, ob es dort irgendeine touristische Sehenswürdigkeit gab. Der Wald war die Sehenswürdigkeit. Genau solche Plätze suchen wir unterwegs. Keine Animation, kein Swimmingpool und möglichst auch keine Parzelle zwischen zwei weißen Wohnmobilwänden (und schon gar keine Kuschelcamper …). Ein Platz im Grünen, Ruhe, angenehme Temperaturen – und am nächsten Morgen weiter.

Einsamer Stellplatz im Wald bei Bore


Über den Apennin in die Toskana

Unsere ursprüngliche Planung haben wir unterwegs ohnehin mehrfach verändert. Das gehört für uns zum Reisen mit dem Wohnmobil dazu. Ein Reiseplan ist ein roter Faden und kein Stundenplan.

So führte uns der Weg schließlich nach San Benedetto in Alpe und von dort über den Passo del Muraglione in Richtung Toskana. Die Passstraße verbindet die Gegend um Forlì mit dem Raum Florenz und war über lange Zeit eine wichtige Verbindung über das Gebirge. Heute soll sie vor allem bei Motorradfahrern beliebt sein, aber wir können verstehen, warum - wir haben allerdings nur drei gesehen und Autos sind wir überhaupt nicht begegnet.

Kurve folgt auf Kurve, dazwischen öffnen sich immer wieder Ausblicke über die bewaldeten Berghänge. Für jemanden, der kleine Straßen liebt, ist das erheblich unterhaltsamer als die Po-Autobahn. Weiter ging es nach nach Anghiari.

Schatten auf einem familiären Campingplatz


Anghiari – Mittelalter auf dem Hügel

Anghiari liegt auf einem Hügel oberhalb des Tibertals und besitzt einen nahezu vollständig erhaltenen mittelalterlichen Ortskern. Im Internet gelesen: Bekannt wurde der Ort vor allem durch die Schlacht von Anghiari im Jahr 1440. Leonardo da Vinci sollte diese später für den Palazzo Vecchio in Florenz darstellen. Das Gemälde selbst sei verschollen – und bis heute Gegenstand von Spekulationen und kunsthistorischen Detektivgeschichten.

Wir hätten uns den Ort durchaus gerne näher angesehen. Nur spielte diesmal das Wetter nicht mit. Statt durch die mittelalterlichen Gassen zu schlendern, saßen wir auf einem schön angelegten Agriturismo im Wohnmobil – und hörten irgendwann mit wachsendem Unbehagen zu, wie ein Hagelsturm auf den Grand California einprügelte. Bei dem tosenden Lärm war der Drang, nach draußen zu gehen, schlagartig verflogen.

So ist das eben unterwegs: Man plant mittelalterliche Gassen, schöne Ausblicke und ein bisschen italienische Geschichte – und bekommt stattdessen Hagelkörner aufs Wohnmobildach.

Kurz vor dem Hagelsturm


Erstaunlich günstig

Was uns in Italien ebenfalls auffällt, sind die Lebenshaltungskosten – jedenfalls aus Campersicht. Bei einem unserer nachmittäglichen Einkäufe im Supermarkt zeigte die Kasse am Ende gerade einmal 7,52 Euro an. Außer Fleisch war eigentlich alles dabei, was wir für den Tag noch brauchten. Im ersten Moment dachten wir tatsächlich, die Kassiererin hätte sich vertan.

Hatte sie nicht.

Wenn man anschließend etwas genauer auf die Preise schaut, kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Dry Aged Beef für rund 25 Euro pro Kilogramm, Obst und Gemüse teilweise zu geradezu lächerlichen Preisen – ein ganzer Blumenkohl kostete 53 Cent. Käse und Wurst liegen nach unserem Eindruck häufig bei einem Drittel bis der Hälfte dessen, was wir inzwischen aus Deutschland gewohnt sind. Frische, fertige Tortellini kosteten ungefähr die Hälfte. Lediglich bei Milch, Butter und anderen Milcherzeugnissen – Käse ausgenommen – sieht die Sache anders aus: Die sind in Italien teilweise deutlich teurer als bei uns.

Natürlich ist das keine statistisch belastbare Untersuchung. Wir schreiben beim Einkaufen keine Preislisten und vergleichen auch keine identischen Warenkörbe. Aber wenn man wochen- und monatelang mit dem Wohnmobil durch verschiedene Länder reist, entwickelt man durchaus ein Gefühl dafür, was ein normaler Einkauf kostet.

Und genau dabei fällt uns seit einiger Zeit etwas auf: Länder, die wir früher als teuer abgespeichert hatten, erscheinen plötzlich gar nicht mehr so teuer. Selbst Schweden, über Jahrzehnte geradezu der Inbegriff eines Hochpreislandes, empfanden wir bei unserer letzten Reise längst nicht mehr als so abschreckend teuer wie früher – im Gegenteil.

Vielleicht hat sich also weniger Schweden oder Italien verändert als unser Bezugspunkt: Wer dauerhaft in Deutschland lebt und dort Woche für Woche einkauft, erlebt Preissteigerungen schleichend. Ein Produkt kostet ein bisschen mehr, die Packung wird etwas kleiner, beim nächsten Einkauf kommen wieder ein paar Cent hinzu. Man gewöhnt sich daran, weil der direkte Vergleich fehlt.

Erst wenn man im Ausland vor einem Regal steht, einen Blumenkohl für 53 Cent sieht oder für einen kleinen Einkauf plötzlich nur 7,52 Euro bezahlt, merkt man, wie weit sich das Preisniveau in Deutschland inzwischen verschoben hat.

Reisen erweitert eben nicht nur den Horizont. Manchmal kalibriert es auch ganz banal das Gefühl dafür neu, was Dinge eigentlich kosten.

Abbazia di Montecorona


Durch Umbrien

Von Anghiari führte unsere Strecke weiter nach Umbrien. Eigentlich hatten wir Spello als Übernachtungsort vorgesehen. Geworden ist es Trevi. Auch das ist Wohnmobilreisen.

Trevi liegt weithin sichtbar an einem Hang des Monte Serano über der umbrischen Ebene. Rundherum bestimmen Olivenhaine die Landschaft. Der Ort gehört zu den klassischen kleinen Hügelstädten Umbriens: enge Gassen, Naturstein, Bögen und Treppen – und oben immer wieder weite Blicke über das Valle Umbra. Auch diesen Ort sahen wir witterungsbedingt nur aus gebührendem Anstand, immerhin war der Stellplatz, auf dem wir mutterseelenallein standen, recht schön.

Umbrien wird gelegentlich als das „grüne Herz Italiens“ bezeichnet. Im Gegensatz zur benachbarten Toskana besitzt die Region keinen Zugang zum Meer und wirkt vielerorts deutlich ruhiger als die Toskana. Assisi, Spoleto, Perugia und Orvieto sind die großen Namen - wir kennen Umbrien von früheren Reisen.

Nach dem Regen auf dem Stellplatz in Trevi


Vom Apennin hinunter zur Adria

Von Trevi führte unsere Route über Foligno und anschließend durch das Chienti-Tal wieder quer durch den Apennin. Damit wechselten wir praktisch von der West- auf die Ostseite des italienischen Gebirgsrückgrats. Je näher wir den Marken (eine der großen italienischen Regionen) kamen, desto weiter öffnete sich die Landschaft. Irgendwann lagen die Berge hinter uns und vor uns die Adriaküste.

In Grottammare erreichten wir schließlich das Meer. Grottammare gehört zur sogenannten Riviera delle Palme, und ist auf der Meerseite einer dieser scheußlichen Orte, die die halbe nördliche Adria, etwa bei Jesolo beginnend, säumen: Am Meer tausende von Sonnenliegen, die man mieten kann, zahllose Bars und Restaurants. Dahinter eine Durchgangsstraße und dahinter wieder einige Reihen Apartmenthäuser. Etc. Allerdings: Irgendwo soll es auch eine sehenswerte Altstadt geben – wir belassen es bei einem kurzen Strandspaziergang.

Nach mehreren Tagen zwischen Bergen, Wäldern und engen Apenninstraßen ist das Meer und vor allem auch der Trubel ein ziemlich deutlicher Szenenwechsel. Und gleichzeitig beginnt hier der letzte Abschnitt unserer Fahrt nach Bari.

Endlich Meer


Weiter Richtung Süden

Von Grottammare werden wir weiter Richtung Süden fahren. Danach wird es ernst. Bari - Hafen - Grand California irgendwo in den Bauch einer Fähre fahren - Kabine suchen. Und am nächsten Morgen hoffentlich in Durrës aussteigen.

Die ersten Schwierigkeiten kündigen sich an: Die gebuchte Fähre fährt nicht, es fährt eine andere. Also ist auch die Kabinenreservierung futsch, uns wird eine Vierbett-Kabine mit vermutlich viel zu kurzen Betten angeboten. Und wir hatten wegen meiner 2,05 cm extra ein große Außenkabine mit Doppelbett gebucht.

Schauen wir mal …