Vertraut und doch erstaunlich fremd: Frankreich, Spanien und Deutschland im Vergleich

Wie sind jetzt durch Frankreich und Spanien nach Marokko gefahren und dabei fallen einem die kulturellen Eigenheiten der Länder auf. Bei Marokko ist es eindeutig: Das ist ein völlig anderes Land, ein anderer Kulturkreis. Aber Frankreich ist unser Nachbarland und wir wohnen fast in Steinwurfweite vom Elsass entfernt – Frankreich war immer unser Hauptziel, wenn wir Urlaub gemacht haben. Und auch Spanien haben wir auf dieser Reise zum ersten Mal intensiver erlebt. Was uns immer wieder beschäftigt, sind die Unterschiede zwischen Frankreich, Spanien und Deutschland. Und trotzdem können wir diese Unterschiede nur schwer in Worte fassen.

Vielleicht liegt es daran, dass Frankreich und Spanien Deutschland in vielem ähneln. Alle drei Länder gehören zu den wirtschaftlich starken Nationen Europas, verfügen über moderne Infrastruktur, leistungsfähige Industrie, hohe technische Kompetenz und einen vergleichbaren allgemeinen Wohlstand. Man bewegt sich nicht zwischen „arm“ und „reich“, nicht zwischen erster und dritter Welt. Die Unterschiede liegen viel tiefer. Französische und spanische Dörfer haben meist ebenso schnelles Internet wie deutsche (oder auch nicht, je nach Region), die Menschen fahren moderne Autos, nutzen Smartphones, bestellen online und leben selbstverständlich in hochentwickelten Konsumgesellschaften. Auch Frankreich und Spanien sind keine romantischen Freilichtmuseen vergangener Zeiten, sondern moderne Industrieländer mit Hochgeschwindigkeitszügen, Autobahnen, Industrie und technisierter Landwirtschaft.

Gerade deshalb wirken die Unterschiede so faszinierend. Denn obwohl die materiellen Voraussetzungen ähnlich sind, scheint die gesellschaftliche Haltung eine andere zu sein. Frankreich und Spanien organisieren Wohlstand offenbar weniger technokratisch als Deutschland. Das Leben wirkt dort trotz aller Moderne oft weniger durchoptimiert, weniger normiert und weniger darauf ausgerichtet, alles möglichst effizient und perfekt erscheinen zu lassen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich diese Länder für uns gleichzeitig vertraut und doch irgendwie fremd anfühlen.


Patina statt Perfektion: Der unterschiedliche Umgang mit dem Bestehenden

Was einem zuerst auffällt, ist der unterschiedliche Umgang mit dem Bestehenden. Französische und spanische Städte und Dörfer wirken oft ungepflegter als deutsche Orte – jedenfalls aus deutscher Perspektive. Fassaden bröckeln, Fensterläden hängen schief, irgendwo verlaufen Strom- und Telefonleitungen scheinbar kreuz und quer über die Straße. Kreisverkehre sind manchmal eher pragmatisch als schön gestaltet, Bürgersteige wirken repariert statt erneuert. Ein deutscher Bürgermeister bekäme vermutlich Schnappatmung. Und trotzdem funktioniert es. Vor allem aber: Es wirkt lebendig.

Interessanterweise gilt das allerdings längst nicht mehr für alles. Gerade die Straßenränder und Verkehrsflächen wirken in Frankreich heute oft gepflegter als bei uns. Kaum Müll, häufig ordentlich gemähte Randstreifen, erstaunlich saubere Rastplätze – das war vor dreißig Jahren noch völlig anders. Früher wirkte Frankreich in dieser Hinsicht deutlich chaotischer und vernachlässigter. Heute hat sich das Bild fast umgekehrt: Während in Deutschland vielerorts Graffiti, überquellende Mülleimer oder ungepflegte Straßenränder auffallen, wirkt Frankreich im öffentlichen Raum häufig erstaunlich ordentlich – allerdings ohne dabei steril zu werden.

Auch Spanien wirkt in vieler Hinsicht ähnlich. Gerade in kleineren Orten hat man oft das Gefühl, dass Gebäude einfach weitergenutzt werden, statt sie permanent zu modernisieren. Ein Haus darf alt aussehen, ein Platz darf Gebrauchsspuren tragen, eine Bar darf wirken, als hätte sich dort seit Jahrzehnten kaum etwas verändert. Vieles erscheint improvisierter als in Deutschland – aber gleichzeitig oft atmosphärischer.

Man hat in Frankreich und Spanien oft den Eindruck, dass Orte nicht ständig versuchen, sich neu zu erfinden. Sie altern einfach weiter. Häuser tragen ihre Jahrzehnte sichtbar mit sich herum. Eine Mauer darf Flecken haben, der Putz darf bröckeln und ein Laden darf aussehen, als hätte sich dort seit den achtziger Jahren kaum etwas verändert. Selbst viele kleine Bars oder Bäckereien wirken, als seien sie organisch gewachsen und nicht Ergebnis eines durchdesignten Gastronomiekonzepts.

In Deutschland dagegen scheint häufig alles darauf ausgerichtet zu sein, möglichst ordentlich, normiert und perfekt zu wirken. Häuser werden energetisch saniert, Ortskerne vereinheitlicht, Plätze neu gepflastert, Kabel unter die Erde verlegt, Fassaden gedämmt und farblich harmonisiert. Technisch und organisatorisch ist das beeindruckend – atmosphärisch geht dabei aber manchmal etwas verloren. Oder anders: Deutschland erstickt sich selbst mit seinem Perfektionismus.

Natürlich ist das verständlich. Deutschland hat durch Krieg und Wiederaufbau enorme Teile seiner historischen Bausubstanz verloren. Ganze Innenstädte wurden zerstört, vieles musste nach 1945 schnell und funktional neu entstehen. Aber auch Frankreich und Spanien blieben vom Krieg keineswegs verschont. Zahlreiche Städte wurden ebenfalls schwer beschädigt oder nahezu vollständig zerstört. Trotzdem wirken französische und spanische Städte heute oft anders als deutsche – natürlich mit Ausnahmen. Während man in Deutschland vielerorts versuchte, modern, ordentlich und funktional wiederaufzubauen oder historische Fassaden möglichst perfekt zu rekonstruieren, scheinen Frankreich und Spanien häufiger bereit gewesen zu sein, Brüche sichtbar zu lassen und alte Strukturen organischer weiterzuentwickeln.

Vielleicht entsteht genau dadurch dieser Unterschied im Stadtbild. In Deutschland findet man oft eine Form von Perfektion, der etwas fehlt: Reibung, sichtbare Alterung und die Spuren eines tatsächlich gelebten Ortes. Frankreich und Spanien wirken dagegen vielerorts weniger glatt restauriert und gerade deshalb historisch glaubwürdiger.


Ordnung, Perfektion und die Kunst, Unvollkommenheit auszuhalten

Vielleicht hängt das auch mit dem deutschen Verhältnis zu Ordnung zusammen. In Deutschland besteht oft der Wunsch, Probleme endgültig zu lösen und Dinge dauerhaft „in Ordnung“ zu bringen. Wenn etwas alt aussieht, wird es saniert. Wenn etwas improvisiert wirkt, wird es normiert. Wenn Strukturen unübersichtlich erscheinen, werden sie vereinheitlicht und optimiert. Dahinter steckt durchaus etwas Positives: der Wunsch nach Verlässlichkeit, Funktionalität und Kontrolle.

Gleichzeitig entsteht dadurch aber häufig eine Umgebung, die sehr geplant und sehr fertig wirkt. Nichts soll zufällig erscheinen. Alles hat seinen vorgesehenen Platz, seine Regel, seine DIN-Norm. Selbst historische Ortskerne wirken manchmal, als würden sie verwaltet statt gelebt.

In Frankreich und Spanien scheint man dagegen eher bereit zu sein, mit Unvollkommenheit zu leben. Nicht alles muss geschniegelt und perfekt sein, solange es seinen Zweck erfüllt und Atmosphäre besitzt. Dort darf etwas altern, Gebrauchsspuren zeigen oder leicht improvisiert wirken, ohne dass sofort der Impuls entsteht, es vollständig zu modernisieren.

Gerade auf dem Land fällt das besonders auf. Französische und spanische Dörfer wirken oft, als hätten sie sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte einfach weiterentwickelt, ohne dass jemand versucht hätte, sie vollständig zu optimieren. Da steht ein leicht schiefer Schuppen neben einem liebevoll gepflegten Haus, daneben ein Dorfplatz mit Patina, alten Platanen oder Olivenbäumen und ein Café, dessen Einrichtung vermutlich seit Jahrzehnten unverändert ist. Vielleicht ist der Asphalt geflickt, vielleicht hängt irgendwo eine Leitung sichtbar und chaotisch verkabelt über der Straße – aber genau daraus entsteht Charakter. Man hat dort oft das Gefühl, dass ein Ort nicht ständig beweisen muss, wie modern oder perfekt er ist. Er darf einfach sein, was er geworden ist.

In Deutschland dagegen entsteht häufig der Eindruck, dass Vergangenheit zwar bewahrt wird – aber kontrolliert und museal. Geschichte wird restauriert, beschildert und normgerecht konserviert. Vieles wirkt dadurch sauber und beeindruckend, aber manchmal eben auch ein wenig entkoppelt vom wirklichen Leben. Frankreich und Spanien lassen ihre Geschichte sichtbarer altern. Häuser, Plätze und ganze Straßenzüge tragen dort ihre Jahrzehnte offen mit sich herum. Vielleicht wirken diese Orte deshalb weniger geschniegelt, aber gleichzeitig authentischer und menschlicher. Sie wirken nicht wie ein fertiges Produkt, sondern wie etwas, das sich langsam entwickelt hat und weiterentwickeln darf.

Oder anders gesagt: Deutschland versucht häufig, Orte perfekt zu machen. Frankreich und Spanien scheinen eher zu akzeptieren, dass Orte mit der Zeit altern dürfen – und dass genau darin ein Teil ihrer Schönheit liegt.


Geschichte, Identität und das schwierige Verhältnis der Deutschen zu sich selbst

Auch der Umgang mit Geschichte und Identität unterscheidet sich spürbar. Franzosen und Spanier scheinen ein sehr viel selbstverständlicheres Verhältnis zu ihrer Nation und Kultur zu haben. In Frankreich hängt die Trikolore überall – an Rathäusern, Schulen oder kleinen Dorfplätzen. In Spanien begegnet man regionaler und nationaler Identität ebenfalls sehr sichtbar. Nicht aggressiv patriotisch, sondern oft einfach selbstverständlich. Feiertage, regionale Traditionen, Sprache, Küche und historische Bezüge besitzen einen hohen Stellenwert und werden sichtbar gelebt.

Dabei fällt auf, dass sich in beiden Ländern nationales Selbstverständnis und regionale Identität nicht ausschließen. Ein Bretone oder Provenzale kann sich gleichzeitig stark mit seiner Region und mit Frankreich identifizieren. Und auch in Spanien existieren trotz aller Spannungen starke regionale Identitäten, die trotzdem Teil einer größeren kulturellen Erzählung bleiben. Kultur wird dort nicht primär als etwas Problematisches betrachtet, sondern als etwas Bewahrenswertes.

In Deutschland dagegen wirkt nationale Symbolik oft kompliziert oder verkrampft. Das hat natürlich historische Gründe. Die jüngere Geschichte hat das Verhältnis von uns Deutschen zur eigenen Nation tief erschüttert – verständlicherweise. Über Jahrzehnte entstand daraus eine große Vorsicht gegenüber allem, was nach nationalem Selbstbewusstsein aussehen könnte. Patriotismus wurde häufig mit Nationalismus verwechselt oder zumindest schnell in dessen Nähe gerückt.

Das Problem dabei ist allerdings: Wenn ein Land dauerhaft kein positives Verhältnis mehr zu seiner eigenen Geschichte, Kultur und Identität entwickelt, entsteht irgendwann eine Leerstelle. Denn Identität verschwindet nicht einfach – sie wird entweder bewusst gestaltet oder sie löst sich langsam auf.

Deutschland definiert sich oft vor allem über Wirtschaftskraft, Funktionieren, Exporterfolge und politische Verwaltung. Aber Kultur, Tradition und historisches Selbstverständnis treten dabei manchmal auffallend in den Hintergrund oder werden mit Unsicherheit und Skepsis betrachtet. Die jüngere deutsche Geschichte wirkt hier bis heute wie ein Schatten, der den Blick auf die gesamte eigene Vergangenheit überlagert.

Dabei besteht deutsche Geschichte natürlich aus weit mehr als zwölf Jahren Nationalsozialismus. Deutschland besitzt eine enorme kulturelle Tradition: Philosophie, Musik, Literatur, Wissenschaft, Ingenieurskunst, regionale Kulturen und Landschaften, jahrhundertealte Städte und Bräuche. Vieles davon wird zwar gepflegt, aber meist ohne echtes nationales Selbstverständnis dahinter – beinahe so, als müsse man sich dafür entschuldigen, eine eigene kulturelle Identität zu besitzen.

Frankreich und Spanien scheinen ihre Geschichte – mit allen Brüchen, Niederlagen und dunklen Kapiteln – stärker als Teil ihrer nationalen Erzählung akzeptiert zu haben. Dort existiert offenbar eher die Vorstellung, dass man die eigene Geschichte nicht auslöschen muss, um aus ihr zu lernen.

Das zeigt sich sogar in Kleinigkeiten. In Frankreich und Spanien wird die eigene Sprache konsequent gepflegt. Anglizismen existieren zwar auch dort, aber deutlich zurückhaltender als bei uns. Öffentliche Institutionen achten sichtbar auf Sprache als Teil kultureller Identität.

In Deutschland dagegen wirkt Sprache oft erstaunlich beliebig. Englisch durchdringt Werbung, Unternehmen und Alltagssprache inzwischen so selbstverständlich, dass man manchmal den Eindruck hat, kulturelle Eigenständigkeit spiele kaum noch eine Rolle. Auch darin zeigt sich vielleicht ein unterschiedliches Verhältnis zur eigenen Kultur: Frankreich und Spanien bewahren sie sichtbar. Deutschland verwaltet sie eher.


Effizienz als Tugend – und ihre Nebenwirkungen

Und dann ist da noch der unterschiedliche Blick auf Effizienz: Wenn man Franzosen oder Spanier bei der Arbeit beobachtet, denkt der Deutsche oft automatisch: „Das ginge doch auch mit weniger Personal und effizienter.“ Vielleicht ist genau dieser Gedanke bereits typisch deutsch. Deutschland ist stark geprägt von Optimierung, Rationalisierung und Organisation. Prozesse sollen möglichst reibungslos funktionieren, Zeitverluste minimiert und Abläufe standardisiert werden. Effizienz gilt bei uns beinahe als Tugend an sich.

Frankreich und Spanien scheinen dagegen stärker zu akzeptieren, dass das Leben nicht immer maximal effizient sein muss. Dort hat man oft den Eindruck, dass nicht jede Tätigkeit ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet wird. Natürlich achten auch dort Unternehmen auf Kosten und Produktivität – aber im Alltag wirkt vieles weniger durchrationalisiert.

Das merkt man auf Märkten, in Restaurants oder kleinen Geschäften. Vieles dauert länger. Prozesse wirken manchmal improvisiert oder unnötig personalintensiv. Der Kellner nimmt sich Zeit für ein Gespräch, an der Käsetheke wird beraten statt abgefertigt, auf dem Wochenmarkt entsteht eher ein sozialer Raum als eine optimierte Verkaufsfläche. Ein deutscher Betriebswirt würde vermutlich an vielen Stellen sofort Einsparpotenziale erkennen.

Und genau darin liegt vielleicht der Unterschied. Deutschland denkt oft zuerst vom System her: Wie kann man etwas effizienter machen? Frankreich und Spanien scheinen häufiger vom menschlichen Erlebnis her zu denken: Wie soll sich etwas anfühlen?

Das zeigt sich auch im öffentlichen Raum. In Deutschland werden Dienstleistungen zunehmend automatisiert, digitalisiert und zentralisiert. Selbstbedienungskassen, Termin-Apps, standardisierte Prozesse – vieles funktioniert technisch hervorragend, reduziert aber gleichzeitig spontane menschliche Interaktion. Frankreich und Spanien wirken dagegen oft weniger perfekt organisiert, aber sozial dichter. Und trotzdem sind beide Länder keineswegs technikfeindlich – sie kippen nur das Kind nicht ganz so bereitwillig mit dem Bad aus.

Vielleicht hängt das auch mit dem unterschiedlichen Verhältnis zur Arbeit zusammen. In Deutschland besitzt Arbeit traditionell einen sehr hohen moralischen Stellenwert. Pünktlichkeit, Produktivität und Disziplin gelten fast als Charaktereigenschaften. Frankreich und Spanien wirken diesbezüglich entspannter. Dort scheint Arbeit stärker ein Teil des Lebens zu sein – nicht dessen zentraler Sinn.


Essen als Kultur – nicht nur als Versorgung

Besonders deutlich wird das beim Essen. Sicher: Auch Frankreich und Spanien haben sich verändert. Es gibt dort ebenso Supermarktketten, Fertigprodukte und Fast Food. Aber selbst einfache Supermärkte wirken oft hochwertiger als bei uns. Käse, Brot, Fleisch, Gemüse, Fisch, Olivenöl oder Wein – vieles scheint einen anderen Stellenwert zu besitzen. Gleichzeitig sind die Preise teilweise sogar niedriger als in Deutschland.

Essen ist dort offenbar noch stärker Teil der Kultur und weniger bloß Versorgung. Man sitzt länger zusammen, Märkte spielen eine größere Rolle, regionale Produkte haben mehr Bedeutung. In Deutschland dominiert oft stärker der Preis- und Effizienzgedanke.

Und trotzdem bleibt selbst in riesigen französischen oder spanischen Märkten häufig ein anderer kultureller Zugang zu Lebensmitteln spürbar. Essen wirkt dort weniger wie ein logistischer Vorgang und stärker wie Teil des täglichen Lebens. Die Präsentation von Brot, Käse, Fleisch oder Wein besitzt oft beinahe etwas Selbstverständliches und Stolzes – als seien diese Dinge nicht bloß Waren, sondern Teil der eigenen Kultur.

Vielleicht erklärt genau das, warum französische und spanische Supermärkte trotz aller Modernisierung häufig weniger steril wirken als deutsche Discounterwelten. Sie sind hochgradig kommerzialisiert – aber gleichzeitig spürt man dort oft noch eine gewisse Wertschätzung für Lebensmittel und Esskultur.


Öffentlichkeit, Atmosphäre und die Kunst des unperfekten Lebens

Was uns auf Reisen ebenfalls immer wieder auffällt: Frankreich und Spanien wirken öffentlicher. Menschen sitzen draußen, Plätze werden genutzt, Cafés sind soziale Räume und nicht bloß gastronomische Betriebe. Selbst kleine Orte besitzen oft noch eine gewisse Lebendigkeit. In Deutschland dagegen scheint sich vieles stärker ins Private zurückgezogen zu haben.

Das beginnt schon am späten Nachmittag. Während deutsche Innenstädte außerhalb der Einkaufszeiten oft erstaunlich leer wirken, sitzen in Frankreich und Spanien selbst in kleineren Orten Menschen noch auf Bänken, vor Cafés oder einfach auf dem Dorfplatz. Man trifft sich sichtbar im öffentlichen Raum. Das Leben scheint weniger hinter Hauswänden stattzufinden.

Natürlich hängt das teilweise mit Klima und Architektur zusammen. Wer in Südfrankreich oder Spanien lebt, verbringt automatisch mehr Zeit draußen. Aber das erklärt nicht alles. Auch im Norden Frankreichs spürt man häufig eine andere Kultur des öffentlichen Lebens. Das Café ist dort nicht nur ein Ort, an dem man schnell konsumiert, sondern ein sozialer Treffpunkt. Man sitzt, beobachtet, diskutiert, liest Zeitung. Niemand scheint es seltsam zu finden, einfach Zeit im öffentlichen Raum zu verbringen.

In Deutschland dagegen wirkt Öffentlichkeit oft funktionaler. Plätze werden durchquert, aber weniger bewohnt. Cafés und Restaurants sind häufig stärker auf Konsum ausgerichtet: essen, bezahlen, weitergehen. Vielleicht hängt das auch mit dem deutschen Verhältnis zur Zeit zusammen. Untätigkeit oder bloßes Verweilen wirken bei uns beinahe verdächtig.

Auch die Architektur trägt dazu bei. Französische und spanische Orte besitzen oft zentrale Plätze, kleine Bars, offene Märkte und Straßencafés, die automatisch Begegnung erzeugen. Deutsche Städte wurden dagegen vielerorts stärker autogerecht, funktional und effizient geplant. Öffentliche Räume dienen oft eher dem Verkehr oder der Organisation als dem Aufenthalt.

Interessant ist dabei, dass Frankreich und Spanien trotz aller sichtbaren Probleme häufig lebendiger wirken. Vieles ist weniger perfekt organisiert, manches wirkt improvisiert oder leicht heruntergekommen – und trotzdem entsteht Atmosphäre. Vielleicht gerade deshalb. Denn wo nicht alles vollständig optimiert ist, bleibt oft mehr Raum für spontanes Leben.

Natürlich darf man das nicht romantisieren. Frankreich und Spanien haben enorme Probleme: wirtschaftliche Schwierigkeiten, soziale Spannungen, teilweise marode Infrastruktur und eine Bürokratie, die legendär ist. Manche Innenstädte kämpfen sichtbar mit Leerstand, Vororte mit sozialen Problemen, und nicht jede südliche Idylle hält einer genaueren Betrachtung stand.

Und Deutschland besitzt Qualitäten, die man auf Reisen ebenfalls zu schätzen lernt: Verlässlichkeit, Stabilität, technische Präzision, ein hohes Sicherheitsgefühl und vielerorts eine Infrastruktur, die schlicht funktioniert. Deutschland organisiert Dinge oft beeindruckend gut.

Aber gerade auf langen Reisen entsteht manchmal der Eindruck, dass Deutschland zwar vieles perfektioniert hat – dabei aber auch ein Stück Gelassenheit, Improvisationsfähigkeit und vielleicht sogar einen Teil seiner kulturellen Eigenart verloren hat. Vieles wirkt bei uns funktional hervorragend gelöst und gleichzeitig erstaunlich emotionslos.

Frankreich und Spanien dagegen wirken oft wie Länder, die ihre Risse sichtbar lassen. Nicht alles ist geschniegelt, nicht alles effizient, nicht alles perfekt saniert oder normiert. Aber vielleicht wirken sie gerade deshalb manchmal menschlicher. Weil dort deutlicher sichtbar bleibt, dass Orte, Menschen und Kulturen mit der Zeit altern dürfen – ohne dabei sofort ihren Wert zu verlieren.


Ausblick: Und was ist mit Marokko?

Interessanterweise erscheinen viele dieser Unterschiede zwischen Frankreich, Spanien und Deutschland fast klein, wenn man anschließend nach Marokko fährt. Dort wird noch deutlicher sichtbar, wie unterschiedlich Gesellschaften mit Öffentlichkeit, Improvisation, Ordnung, Identität oder Gemeinschaft umgehen können.

Gerade deshalb wollen wir uns diesen Vergleich noch einmal gesondert anschauen. Denn zwischen Deutschland und Marokko liegen nicht nur ein paar tausend Kilometer – sondern teilweise völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Leben, Gesellschaft und Alltag funktionieren sollen.

Darum wird es im nächsten Blogartikel gehen.