Nach dem für uns überraschenden Ungarn ging es über Österreich und Süddeutschland allmählich zurück nach Hause. Für Österreich wollten wir uns eigentlich noch ein paar Tage Zeit lassen. Doch das Wetter wurde zunehmend ungemütlich, und irgendwann hatten wir auch keine Lust mehr, bei Regen und niedrigen Temperaturen im Wohnmobil zu sitzen, die Heizung laufen zu lassen und regelmäßig die Lappen auf dem Armaturenbrett auszutauschen, weil mal wieder Wasser durch das Dach nach vorne lief.
Unser Grand California hatte uns auf dieser Reise mit seinen zahlreichen Mängeln ohnehin schon genug beschäftigt. Jetzt wurde es langsam lästig. Und so wurde aus der ursprünglich geplanten gemütlichen Rückreise eine ziemlich zügige Heimfahrt nach Heidelberg.
Wien – ungeplant und trotzdem schön
Ein wenig hängen geblieben sind wir noch in Wien. Wie schon öfter erwähnt: Eigentlich mögen wir die großen Städte nicht besonders. Zu viel Verkehr, zu laut, zu hektisch. Und mit einem fast sieben Meter langen Wohnmobil macht es ohnehin wenig Freude, sich durch den Großstadtverkehr zu quälen.
Wien stand deshalb ursprünglich gar nicht auf unserem Programm. Wir wollten eigentlich einen Campingplatz im Wienerwald anfahren, der laut park4night noch geöffnet sein sollte. War er aber nicht. Winterruhe. Also doch nach Wien.
Am Stadtrand fanden wir einen Stellplatz, der optisch ungefähr so viel Charme versprühte wie ein Gewerbegebiet. Dafür war er hervorragend organisiert und ausgesprochen gepflegt. Die Sanitäranlagen waren zwar in Containern untergebracht, dafür aber in ausreichender Zahl vorhanden, in bestem Zustand und blitzsauber. Den ganzen Tag war eine Reinigungskraft am Werkeln. So etwas erlebt man auf Campingplätzen und Stellplätzen selten genug.
Und das Beste: Eine U-Bahn-Station lag in Fußweite: Mit der U6 kommt man relativ zügig in die Stadt, wobei „zügig“ hier etwa 40 Minuten Fahrzeit bedeutet. Da weiß man gleich wieder, in welcher Größenordnung sich diese Stadt bewegt.
Wir waren bereits zweimal in Wien gewesen und hatten deshalb nicht den Ehrgeiz, möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Ein ausgedehnter Spaziergang sollte genügen:
Zunächst zur Karlskirche, die wir uns gerne noch einmal von innen angesehen hätten. Angesichts des aus unserer Sicht ziemlich unverschämten Eintrittspreises verzichteten wir allerdings darauf. Man muss ja nicht jeden touristischen Unsinn mitmachen.
Also weiter durch den Resselpark zum Naschmarkt. Der zieht sich über gut einen Kilometer und ist eine Mischung aus Basar, Lebensmittelmarkt und Fressmeile. Hier gibt es alles Mögliche zu kaufen und noch mehr zu essen. Der Trubel hält sich jahreszeitbedingt in Grenzen.
Fast noch schöner als der Markt selbst sind die prächtigen Häuserfassaden entlang der angrenzenden Straßen. Wien besitzt eine Fülle von Gebäuden aus einer Zeit, in der man offenbar noch eine Vorstellung davon hatte, was architektonische Schönheit bedeutet. Natürlich ist nicht alles, was damals gebaut wurde, automatisch schön. Aber wenn man sich manche heutigen Neubauten anschaut, könnte man schon ins Grübeln kommen.
Weiter ging es durch das MuseumsQuartier, eines der großen Kulturareale Wiens. Nein, wir haben keines der Museen besucht. Man kann schließlich auch einfach durch eine Stadt spazieren, ohne sich ständig kulturell fortbilden zu müssen.
Auf dem Maria-Theresien-Platz statteten wir der mächtigen Kaiserin beziehungsweise ihrem Denkmal einen Besuch ab und schlenderten schließlich durch die Hofburg zurück in Richtung U-Bahn.
Wien ist zweifellos eine großartige Stadt. Ihre Architektur, die großzügigen Plätze, die historischen Gebäude – das alles beeindruckt auch beim dritten Besuch. Trotzdem blieb es bei diesem einen Spaziergang. Mehr wollten wir gar nicht.









Spaziergang durch Wien

Feora: Türkisch-arabisches Restaurant in der Nähe des Stellplatzes. Sehr zu empfehlen.
An der Donau entlang – Krems und die Wachau
Von Wien aus ging es weiter donauaufwärts nach Krems an der Donau, am östlichen Rand der Wachau.
Krems gehört zu den ältesten Städten Österreichs und war bereits im Mittelalter ein bedeutender Handelsplatz. Davon zeugt noch heute die weitgehend erhaltene Altstadt mit ihren engen Gassen, Bürgerhäusern, Innenhöfen und zahlreichen Gebäuden aus Gotik, Renaissance und Barock. Die historische Altstadt gehört zusammen mit der Kulturlandschaft Wachau zum UNESCO-Welterbe.
Uns gefiel Krems ausgesprochen gut. Eine wunderbar unaufgeregte Stadt, die ihren historischen Charakter bewahrt hat, ohne daraus eine einzige große Touristenattraktion zu machen. Natürlich gibt es auch hier die üblichen Geschäfte, Cafés und Restaurants. Aber man kann einfach durch die Gassen schlendern, sich die alten Häuser anschauen und die fast barocke Atmosphäre genießen.
Besonders schön ist die Obere Landstraße mit ihren historischen Fassaden. Überhaupt ist Krems eine Stadt, in der es sich lohnt, gelegentlich den Blick nach oben zu richten. Da entdeckt man Erker, Verzierungen und architektonische Details, an denen man sonst achtlos vorbeilaufen würde.





Spaziergang durch Krems
Von unserem Stellplatz aus konnten wir auf der anderen Donauseite bereits Dürnstein sehen, umgeben von Weinbergen und überragt von der Burgruine. Dürnstein gehört zu den bekanntesten Orten der Wachau. Das kleine Städtchen mit seinem markanten blau-weißen Kirchturm liegt unmittelbar an der Donau, eingebettet zwischen steilen Weinterrassen. Die Wachau ist schließlich eines der bekanntesten Weinbaugebiete Österreichs, insbesondere für Grünen Veltliner und Riesling.
Historisch bekannt wurde Dürnstein vor allem durch Richard Löwenherz. Der englische König wurde 1192 auf seiner Rückreise vom Dritten Kreuzzug in Österreich gefangen genommen und zeitweise auf der Burg oberhalb des Ortes festgehalten. Seine Freilassung kostete England ein gewaltiges Lösegeld.
Heute ist Dürnstein vor allem ein beliebtes Touristenziel – am Ufer liegen die Hotelschiffe in Reihe hintereinander. Von der gegenüberliegenden Donauseite ergibt sich ein wunderschönes Bild: die kleine Stadt, die Weinberge, die Burgruine und dahinter die sanften Hügel der Wachau.

Blick auf Dürnstein vom Stellplatz aus
Durch das Wald- und Mühlviertel
Von der Donau aus ging es weiter nach Norden, durch das Waldviertel und später das Mühlviertel.
Beide Regionen gehören zu den ruhigeren Gegenden Österreichs. Das Waldviertel liegt im Nordwesten Niederösterreichs, das Mühlviertel nördlich der Donau in Oberösterreich. Geologisch gehören beide zur Böhmischen Mittelgebirgslandschaft, die sich bis nach Tschechien erstreckt.
Hier sieht Österreich ganz anders aus als in den Alpen. Keine schroffen Gipfel, keine spektakulären Passstraßen, keine großen Touristenorte. Stattdessen sanfte Hügel, ausgedehnte Wälder, Wiesen, kleine Dörfer und immer wieder gewaltige Granitblöcke, die scheinbar zufällig in der Landschaft herumliegen.
Die Region ist dünner besiedelt, landwirtschaftlich geprägt und wirkt stellenweise fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Uns gefällt so etwas. Man fährt durch eine Landschaft, die keine großen Sensationen verspricht, aber gerade deshalb ihren Reiz hat.
Wer durch das Waldviertel fährt, sollte sich das Stift Zwettl nicht entgehen lassen. Das Zisterzienserkloster wurde bereits 1138 gegründet und gehört damit zu den ältesten noch bestehenden Zisterzienserklöstern Österreichs. Die Anlage liegt etwas außerhalb der Stadt Zwettl.
Besonders eindrucksvoll ist die Mischung der Baustile. Der mittelalterliche Kreuzgang mit seinen romanischen und gotischen Elementen gehört zu den schönsten Teilen der Anlage. Dazu kommen die große Stiftskirche, die im Laufe der Jahrhunderte barock umgestaltet wurde, und die weitläufigen Klostergebäude.
Wir hatten das Glück, das Kloster in herbstlicher Stimmung zu erleben – kaum Touristen. Die Bäume rund um die Anlage zeigten ihre Herbstfarben, das Licht war gedämpft, und die alten Mauern passten wunderbar in diese Landschaft.
Normalerweise sind wir keine großen Freunde von Audioguides. Allzu oft wird man mit einer Fülle von Jahreszahlen, Namen und kunsthistorischen Details überschüttet, die man spätestens beim Verlassen des Gebäudes wieder vergessen hat. In Zwettl war das anders. Die Erläuterungen waren gut gemacht, verständlich und tatsächlich hilfreich. Man bekam ein Gefühl dafür, wie diese Klosteranlage entstanden ist und wie die Menschen hier über die Jahrhunderte gelebt haben. Das Kloster-Cafe sollte man allerdings besser auslassen – es lohnt sich nicht.







Stift Zwettl im Herbst
Ab nach Hause
Nach der Fahrt durch das Mühlviertel überquerten wir die Grenze nach Deutschland. Kurz dahinter fanden wir direkt hinter der österreichisch-deutschen Grenze einen Stellplatz an einem Golfhotel. Nicht gerade preiswert, dafür war das Frühstück inklusive, und abends gab es ein leckeres Geburtstagsessen.
Draußen regnete es, die Temperaturen bewegten sich um den Gefrierpunkt, und die Vorstellung, noch weitere Tage unter diesen Bedingungen unterwegs zu sein, verlor zunehmend ihren Reiz. Zumal unser Grand California inzwischen einige Einschränkungen hatte, die das Reisen erheblich erschwerten.
Duschen im Fahrzeug? Ging nicht mehr vernünftig. Abspülen? Ebenfalls problematisch, weil die Technik streikte. Dazu der Wassereintritt im vorderen Dachbereich, bei dem wir inzwischen ernsthaft befürchten mussten, dass das Wasser irgendwo hinter den Verkleidungen weitere Schäden anrichtete.
Wir waren also auf Campingplätze mit funktionierenden Sanitäranlagen angewiesen. Damit fiel ein großer Teil der Freiheit weg, die wir an unserem Wohnmobil eigentlich so schätzen. Einen einfachen, preiswerten Stellplatz anfahren oder irgendwo frei stehen – das war unter diesen Bedingungen kaum noch sinnvoll oder möglich.
Erschwerend kam hinzu, dass viele Campingplätze bereits Ende September ihre Saison beenden. Je weiter der Herbst voranschreitet, desto dünner wird die Auswahl. Und wer bei Regen und Temperaturen um den Gefrierpunkt unterwegs ist, hat irgendwann auch keine Lust mehr, lange nach einem geeigneten Platz zu suchen – zumal man auch nur noch wenig Lust hat, sich irgendetwas anzuschauen.
Also beschlossen wir, die Reise abzukürzen und nach Hause zu fahren. Rund zwei Wochen früher als ursprünglich geplant. Schade eigentlich. Denn wir hätten durchaus noch ein wenig länger unterwegs sein können. Aber unter diesen Umständen war uns die Lust ein wenig vergangen.
Rückblick auf unsere Albanienreise
Als wir Mitte September in Bari auf die Fähre nach Durrës fuhren, hatten wir keine besonders konkreten Vorstellungen davon, was uns erwarten würde. Albanien kannten wir bislang hauptsächlich aus Berichten, Bildern und Erzählungen. Wie so oft waren auch einige Vorurteile mit im Gepäck.
Und Albanien hat es uns nicht immer leicht gemacht, diese Vorurteile abzulegen. Vieles wirkt heruntergekommen, manches geradezu verwahrlost. Überall begegnet man unfertigen Häusern, wilden Müllablagerungen und einer Infrastruktur, die noch erhebliche Defizite aufweist. Besonders im Norden und in manchen ländlichen Regionen hatten wir gelegentlich den Eindruck, dass sich seit Jahrzehnten wenig verändert hat.
Andererseits gibt es Gegenden, vor allem im Süden und entlang der Küste, in denen sich enorm viel tut. Neue Hotels, Straßen, Restaurants und Ferienanlagen entstehen, manchmal in einem Tempo, bei dem man sich fragt, ob hier überhaupt noch jemand einen Überblick über die Entwicklung hat. Albanien ist ein Land zwischen Umbruch und Verfall. Das sieht man an jeder Ecke. Und man merkt, dass der Tourismus für die wirtschaftliche Entwicklung eine enorme Bedeutung bekommen hat. Ob das alles immer zum Vorteil des Landes ist, darf man allerdings bezweifeln.
Wir haben wunderschöne Landschaften erlebt, vom Shkodrasee über die Berge im Landesinneren bis zur Küste des Ionischen Meeres. Wir haben Städte wie Berat und Gjirokastër besucht, deren historische Altstädte von einer bewegten Vergangenheit erzählen. Und wir haben erlebt, wie unterschiedlich ein Land auf vergleichsweise engem Raum sein kann.
Nicht alles hat uns gefallen. Manche Sehenswürdigkeit war hoffnungslos überlaufen, manche Campingplätze hätten wir besser gemieden, und gelegentlich waren wir froh, einfach weiterfahren zu können.
Auch der anschließende Weg durch Nordmazedonien und Serbien war aufschlussreich. Der Ohridsee gehörte zu den schönsten Stationen der Reise. Skopje mit seiner eigentümlichen Mischung aus monumentaler Selbstdarstellung, historischen Vierteln und orthodoxen Kirchen war zumindest ungewöhnlich. Belgrad und Niš dagegen haben uns weniger begeistert. Vielleicht hätten wir uns mehr Zeit nehmen müssen. Vielleicht sind große Städte aber tatsächlich einfach nicht unser Ding.
Eine besondere Erfahrung waren die orthodoxen Kirchen. Ihre Bilderwelt, die Rituale und die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen dort ihren Glauben leben, haben uns mehr beschäftigt als manche touristische Sehenswürdigkeit.
Und dann kam Ungarn: Ein Land, mit dem wir uns vorher kaum beschäftigt hatten und über das wir, wie wir uns eingestehen mussten, eine ganze Reihe ziemlich veralteter Vorstellungen mit uns herumtrugen.
Gerade hier wurden wir mehrfach überrascht. Pécs, Székesfehérvár und Győr mit ihren schönen historischen Stadtzentren, die gepflegten Orte und die angenehme Atmosphäre hatten wir so nicht erwartet. Natürlich gab es auch Enttäuschungen, etwa Tata oder Sopron, von dem wir uns nach den Beschreibungen mehr versprochen hatten. Aber insgesamt hat Ungarn unser Bild von diesem Teil Europas deutlich verändert.
Überhaupt war das vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen dieser Reise: Wie wenig man von einem Land weiß, selbst wenn man glaubt, schon eine einigermaßen klare Vorstellung davon zu haben.
Wir sind durch Länder gefahren, die jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang lagen oder durch den Zerfall Jugoslawiens und die anschließenden Konflikte geprägt wurden. Die Unterschiede sind noch immer sichtbar. In der Architektur, im Zustand der Infrastruktur, im Wohlstand und manchmal auch im alltäglichen Leben. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie unterschiedlich sich diese Länder seitdem entwickelt haben. Der Balkan ist eben keine einheitliche Region, auch wenn wir ihn aus westlicher Perspektive gerne als solche betrachten.
Würden wir noch einmal nach Albanien fahren? Durchaus. Allerdings würden wir uns stärker auf einzelne Regionen konzentrieren und manche Orte auslassen. Es gibt noch viel zu entdecken, insbesondere abseits der inzwischen stark touristisch erschlossenen Küste.
Und die Reise mit unserem Grand California?
Das ist eine andere Geschichte. Das Fahrzeug hat uns zwar zuverlässig über viele Tausend Kilometer gebracht, aber der Ausbau mit seinen zahlreichen Mängeln hat uns zunehmend die Freude am Unterwegssein verdorben. Wenn man sich ständig mit undichten Stellen, defekten Armaturen und anderen technischen Problemen beschäftigen muss, hört irgendwann der Spaß auf.
Nun steht erst einmal eine gründliche Mängelbeseitigung an. Und die Frage, ob Volkswagen tatsächlich in der Lage ist, aus unserem Grand California endlich das Wohnmobil zu machen, das wir vor drei Jahren gekauft zu haben glaubten.
An Reiseplänen für das kommende Jahr mangelt es jedenfalls nicht.
