Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Artikel, der das baldige Ende des Diesel-Wohnmobils beschwor. Der Dieselcamper sterbe, hieß es. Einen echten Nachfolger gebe es nicht. Die Zukunft sei elektrisch.
Ich las den Artikel, der davon sprach, das 2035 das Aus für alle Dieselfahrzeuge käme (also auch für die meisten Wohnmobile), blickte aus dem Fenster auf meinen Grand California und begann zu rechnen: Unser Grand Cali ist Baujahr 2023.
Wenn mein persönlicher Lebensplan aufgeht und ich 105 Jahre alt werde (an meinem 105. Geburtstag fahre ich mit dem E-Bike auf den Mt. Ventoux und bei der Abfahrt brezelt es mich), schreiben wir das Jahr 2059.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob ich nächstes Jahr noch Wohnmobil fahren darf. Die eigentliche Frage lautet:
Darf ich mit 105 Jahren noch mit meinem Diesel-Wohnmobil unterwegs sein?
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir die Vorstellung. Ein alter Mann, der sich mühsam aus einem inzwischen historischen Grand California schält, während neugierige Kinder ihre Eltern fragen:
„Papa, was ist das?“
„Das, mein Sohn, war früher ein Wohnmobil.“
„Und was ist Diesel?“
„Setz dich, das wird eine längere Geschichte...“
Das Jahr 2035 – der Schrecken aller Wohnmobilforen. Kaum ein Thema sorgt in Wohnmobilgruppen für so viele Diskussionen wie die Zahl 2035. Manche sprechen darüber wie über eine bevorstehende Sonnenfinsternis. Andere wie über den Weltuntergang.
Dabei steckt hinter der Zahl zunächst etwas recht Banales: Nach den derzeitigen Plänen der EU sollen ab 2035 nur noch Fahrzeuge neu zugelassen werden, die im Betrieb kein CO₂ ausstoßen. Das Wort, auf das es ankommt, lautet „neu zugelassen“.
Niemand hat vor, bestehende Wohnmobile von den Straßen zu verbannen. Niemand plant, am 1. Januar 2035 die Schranken an den Campingplätzen herunterzulassen und Besitzern älterer Fahrzeuge mitzuteilen, dass ihre Reise nun beendet sei.
Unser Grand California wird also nicht über Nacht zu einem illegalen Objekt. Zumindest nicht wegen seines Motors. Die größere Gefahr sitzt woanders. Denn wenn ich ehrlich bin, mache ich mir um die europäische Gesetzgebung deutlich weniger Sorgen als um die Technik meines Fahrzeugs.
Wer einen modernen Camper fährt, weiß, dass die größten Abenteuer oft stattfinden, bevor man überhaupt losfährt. Da gibt es Steuergeräte, die gelegentlich ihre Existenz infrage stellen. Displays, die beschließen, heute lieber nichts anzuzeigen. Sensoren, die vor Gefahren warnen, die nur sie selbst erkennen können. Manchmal habe ich den Eindruck, unser Wohnmobil besitzt eine reichere Gefühlswelt als manche Menschen.
Wenn ich also an das Jahr 2059 denke, sehe ich nicht einen EU-Beamten vor mir, der meinen Diesel verbietet.
Ich sehe eher einen verzweifelten Ersatzteilhändler, der versucht herauszufinden, was ein KFG-Modul war und warum jemand im Jahr 2059 noch danach sucht.
Die Physik interessiert sich nicht für politische Beschlüsse. Natürlich wird es elektrische Wohnmobile geben. Vielleicht sogar sehr gute. Die Batterien werden leichter werden. Die Ladezeiten kürzer. Die Reichweiten größer. Aber die Physik bleibt eine eigensinnige Gesprächspartnerin.
Ein vier Tonnen schweres Wohnmobil mit Fahrrädern, Wasser, Gepäck, Markise, Campingmöbeln, Vorräten und zwei Menschen an Bord möchte bewegt werden. Und zwar nicht nur vom Campingplatz zum Supermarkt, sondern manchmal von Heidelberg bis zum Nordkap (oder in die Sahara). Wer jemals durch Lappland gefahren ist, weiß: Dort gibt es mehr Rentiere als Schnellladesäulen. In der Sahara sieht es ähnlich aus.
Deshalb vermute ich, dass der Diesel im Wohnmobilbereich noch deutlich länger überleben wird als viele derzeit glauben. Nicht weil Wohnmobilisten technikfeindlich wären. Sondern weil die Anforderungen andere sind.
Je länger ich über das Thema nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir oft die falsche Frage stellen. Die Frage lautet nicht:
„Darf ich 2059 noch mit meinem Diesel-Wohnmobil fahren?“
Die spannendere Frage lautet:
„Möchte ich dann überhaupt noch dasselbe Wohnmobil fahren?“
Wenn unser Grand California tatsächlich 36 Jahre alt werden sollte, wird er mehr Geschichten erlebt haben als mancher Reiseführer erzählen kann. Er wird Fjorde gesehen haben, Ostseestrände, nordfranzösische Klippen, polnische Landstraßen und vermutlich unzählige Stellplätze, deren Namen ich längst vergessen habe. Jede Schramme wird eine Geschichte erzählen. Jeder reparierte Defekt eine Erinnerung sein. Vielleicht wird das Fahrzeug dann längst nicht mehr modern sein. Aber wer von uns ist das schon?
Ein Pakt für die Zukunft
Deshalb habe ich beschlossen, die Sache pragmatisch zu betrachten. Ich kümmere mich darum, dass mein Wohnmobil möglichst lange hält. Und unser Wohnmobil kümmert sich darum, dass wir möglichst lange unterwegs bleiben.
Wenn wir alle unseren Teil der Vereinbarung erfüllen, treffen wir uns im Jahr 2059 irgendwo an einer Küste wieder.
Vielleicht an der Nordsee. Vielleicht am Atlantik. Vielleicht auf einem Stellplatz, der dann längst von autonomen Elektrofahrzeugen bevölkert wird.
Und irgendwo dazwischen steht ein alter Grand California mit Dieselmotor. Daneben ein 105-jähriger Mann im Campingstuhl. Beide ein wenig in die Jahre gekommen. Beide noch erstaunlich gut unterwegs. Die EU wird es dann auf jeden Fall nicht mehr geben, da bin ich mir absolut sicher.
Auf geht’s zum Mt. Ventoux...
